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Ein anderes Reich war möglich

Neues entsteht, wenn die Linke zusammensteht. Wie 1923.

Ein anderes Reich war möglich
»Arbeiterregierungen ergriffen 1923 weitreichende Maßnahmen, um Arbeitslosigkeit und Hyperinflation in den Griff zu kriegen, das Bildungswesen und die Polizei zu demokratisieren und die alte Elite politisch und wirtschaftlich zu entmachten.«Illustration: Piotr Dudek
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Das Jahr 1933 ist für immer ins öffentliche Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Es markiert den Anfang der dunkelsten Periode der deutschen Geschichte, die aus gutem Grund im Mittelpunkt jedes Erinnerns an das 20. Jahrhundert steht.

Was aber, wenn die Geschichte einen anderen Abzweig genommen hätte, bevor die Nazis Deutschland – mit begeisterter Unterstützung großer Teile der Bevölkerung – in die Barbarei zerrten? Einen anderen Weg aus dem Elend der Nachkriegsjahre, der nicht in einen zweiten Weltkrieg geführt hätte, sondern in den Umbau des Deutschen Reiches hin zu einer sozialen Republik, in der die alten Eliten entmachtet, die Institutionen des Staates und der Bildung für die Massen geöffnet und die Wirtschaft im Interesse der Millionen, die unter den Jahren des Krieges und der Wirtschaftskrise gelitten hatten, verwaltet würden?

Im Oktober 1923, zehn Jahre vor der nationalsozialistischen Machtergreifung, wurde ein solcher Weg erprobt, kamen die großen Arbeiterparteien jener Zeit zusammen und bildeten Regierungen in Sachsen und Thüringen, um, wie die sozialdemokratische Zeitung Tribüne aus Erfurt am 17. Oktober erklärte, eine »proletarische Lösung« für die Wirtschaftskrise zu finden und die junge Republik zu verteidigen – gegen die ultrarechten Kräfte, die in Bayern bereits seit 1920 regierten und drohten, auch weitere Länder zu übernehmen. Diese sozialistischen Regierungen, so fuhr die Tribüne fort, könnten entweder bloß »eine geschichtliche Episode sein«, oder aber »ein Anfang, eine nie wieder auszulöschende geschichtliche Tat«. Die Hoffnungen damals waren immens.

»Was, wenn die Geschichte einen anderen Abzweig genommen hätte, nicht in die Barbarei, sondern in den Umbau des Deutschen Reiches hin zu einer sozialen Republik?«

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Die Einheit der beiden linken Parteien war äußerst fragil – schließlich waren die Kommunisten erst wenige Jahre zuvor als eine Abspaltung der Sozialdemokratie entstanden und die Vorurteile saßen noch tief, auf beiden Seiten. Doch die sogenannten »Arbeiterregierungen« ergriffen weitreichende Maßnahmen, um Arbeitslosigkeit und Hyperinflation in den Griff zu kriegen, das Bildungswesen und die Polizei zu demokratisieren und die alte Elite politisch und wirtschaftlich zu entmachten. August Frölich von der SPD, leitender Staatsminister des Landes Thüringen, forderte etwa »die Schaffung eines Außenhandelmonopols nach russischem Muster«, während in Sachsen die Regierung Pläne schmiedete, eine säkulare Einheitsschule für alle einzuführen und öffentliche, kostenlose Kindergärten zu eröffnen. Gleichzeitig bildeten Kommunisten und Sozialdemokraten sogenannte Proletarische Hundertschaften – bewaffnete Arbeitermilizen, die die Errungenschaften der neuen Regierung gegen Eingriffe aus Preußen und Bayern verteidigen sollte.

Das linksrepublikanische Projekt, wie es Historiker rückblickend bezeichnen, hielt nur einen Monat, bis die damalige Reichsregierung – eine große Koalition unter Führung des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert und des konservativen Reichskanzlers Gustav Stresemann – es beendete und den politischen Status quo mit militärischer Gewalt wieder verfestigte. Die Sozialdemokraten durften zwar an der Macht bleiben, doch die Kommunisten wurden aus ihren Ämtern gedrängt. Die Berliner SPD-Zentrale, die deutlich rechts von den sächsischen und thüringischen Landesparteien stand, sorgte dafür, dass der Pfad, der 1923 sich kurz eröffnete, niemals wieder angetreten werden würde. Januar 1933 war damals keine zehn Jahre mehr entfernt.

Flopptober ‘23

Neben diesem demokratisch-sozialistischen Experiment steht 1923 ebenso für das Scheitern eines anderen, noch gewagteren Versuchs: Während die Sozialdemokraten die Arbeiterregierungen als ein Vehikel zur Realisierung einer wahrlich sozialen Demokratie betrachteten, galt sie den Kommunisten auch eine Vorstufe zu einem »Deutschen Oktober« – einer landesweiten Revolution im Stil der Oktoberrevolution von 1917, die, wie Josef Stalin am 10. Oktober sagte, »das Zentrum der Weltrevolution von Moskau nach Berlin verschieben« sollte.

1918 hatte Lenin seinen Genossen auf dem siebten Parteitag der bolschewistischen Partei noch erklärt: »Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Endsieg unserer Revolution eine hoffnungslose Sache wäre, wenn sie allein bliebe, wenn es in den anderen Ländern keine revolutionäre Bewegung gäbe.« Im Herbst 1923 sollte diese Isolation endlich beendet werden: In Moskau begannen die Vorbereitungen für bewaffnete Aufstände in Deutschland und Bulgarien, zwei Ländern mit einflussreichen kommunistischen Parteien.

Der bulgarische Aufstand wurde schnell niedergeschlagen, die Kommunisten dezimiert und ihre Anführer ins Exil verbannt. In Deutschland hingegen trieb die Inflationskrise die Menschen auf die Straße und die Arbeitermilitanz nahm zu – erst recht in den zwei Ländern, in denen die Kommunisten gerade in die Regierung eingetreten waren. Doch auch hier schien die Mehrheit der Menschen nicht bereit zu sein, in den revolutionären Endkampf einzutreten. Als die Reichswehr in Sachsen einmarschierte, gab es zwar Gefechte mit bewaffneten Arbeitern, aber zu einer Revolution kam es nicht. »Deutschland ist nicht Bulgarien«, hatte Stalin im August 1923 gewarnt, als er die Aufstandspläne noch pessimistischer betrachtete. Er hätte hinzufügen können, dass Bulgarien nicht Russland war. Nirgendwo in Europa sollte es noch eine weitere erfolgreiche sozialistische Revolution geben.

Das Scheitern dieser Pläne signalisierte das Ende von Lenins Traum. Die bolschewistische Führung konsolidierte sich hinter der Vision des »Sozialismus in einem Land« und stellte den Schutz des zunehmend autoritären Sowjetstaates über jegliche revolutionären Ziele im Ausland. Der Kommunismus sollte sich erst nach 1945 wieder ausweiten, allerdings nicht getragen von einer revolutionären Arbeiterklasse, sondern durch die Bajonette der Roten Armee. In Teilen des Globalen Südens kam der Kommunismus in Form von antikolonialen, überwiegend bäuerlichen Revolten an die Macht.

Dank ihrer Erfolge bei der wirtschaftlichen Modernisierung genossen manche dieser Regierungen eine gewisse Popularität, doch nirgendwo ähnelten sie der ursprünglichen Idee von Arbeiterräten, die 1917 als Grundlage des Sowjetstaats vorgesehen war. Als sie 1989 zunehmend in wirtschaftliche und politische Schwierigkeiten gerieten, gab es kaum noch Arbeiterinnen und Arbeiter, die bereit waren, »ihre« Staaten zu verteidigen.

Die Auflösung der Sowjetunion hat vielleicht nicht den Marxismus als Idee beseitigt, aber sie hat jede verbleibende Hoffnung ausgelöscht, dass die kommunistische Bewegung in der Lage sein würde, ihre vergangenen Fehler zu korrigieren und ihre selbst gestellte historische Aufgabe zu erfüllen. Mit den Worten des Historikers Enzo Traverso »nahm der Zusammenbruch des Kommunismus-als-Regime auch den Kommunismus-als-Revolution mit«.

»In Deutschland gehört dem reichsten Prozent der Gesellschaft rund ein Drittel des privaten Vermögens – ein höherer Anteil, als es 1923 der Fall war.«

Der Zusammenbruch der kommunistischen Massenparteien, das Abdriften der Sozialdemokratie ins neoliberale Zentrum und die Aushöhlung der Gewerkschaftsbewegung haben eine neue Linke hervorgebracht, die weitgehend losgelöst von den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts agiert. Die Antiglobalisierungsbewegungen der 1990er und frühen 2000er Jahre, die feministischen und antirassistischen Mobilisierungen des vergangenen Jahrzehnts und die Klimabewegung beziehen sich nicht mehr auf die sozialistische Idee, die die Linke des 20. Jahrhunderts angetrieben hat.

Die heutige Linke ist im Nachgang der Niederlage des Realsozialismus entstanden. Dass der orthodoxe Marxismus nicht als positiver Bezugsrahmen dient, kann man nicht denjenigen anlasten, die versuchen, in einer postsozialistischen Welt linke Politik zu machen. Doch was bedeutet das für diejenigen unter uns, die sich trotz allem weigern, eine Idee aus dem 19. Jahrhundert, die ihren Höhepunkt im 20. Jahrhundert erlebte und es gerade noch ins 21. Jahrhundert schaffte, einfach aufzugeben und wegzuwerfen? Können die sozialen Kämpfe des vergangenen Jahrhunderts uns irgendwas mitgeben für die Auseinandersetzungen, die noch auf uns zukommen?

Ja, aber …

Unsere heutige Gesellschaft sieht fundamental anders aus als die vor hundert Jahren. Sie ist differenzierter und komplexer und hat sich in manchen Bereichen zum Besseren verändert – denkt man etwa an die politische und gesellschaftliche Rolle von Frauen und Minderheiten. Auch das Wohlstandsniveau ist höher, als sich frühere Generationen je hätten träumen lassen. Das Pro-Kopf-BIP ist heute mehr als zehnmal größer als im Jahr 1923. Die Lebensbedingungen in Deutschland haben sich im letzten Jahrhundert erheblich verbessert, nicht zuletzt dank der Bemühungen derselben Arbeiterbewegung, die heute große Schwierigkeiten hat, in den prekärsten und am schlechtesten bezahlten Sektoren Fuß zu fassen.

Doch trotz dieser Veränderungen bleibt der grundlegende Impuls hinter der sozialistischen Idee unverändert. Die überwiegende Mehrheit aller Menschen hat keine andere Wahl, als jeden Tag arbeiten zu gehen – für eine kleine Anzahl sogenannter Arbeitgeber oder Investoren, deren Macht über den Rest von uns in den letzten Jahrzehnten nur noch größer geworden ist. Die Massen arbeiten, die Wenigen akkumulieren – oder wie der Buchtitel eines Investmentbanker-Clowns drei Jahre nach der Finanzkrise 2008 lautete: Warum ihr schuftet und wir reich werden.

In den vergangenen Jahrzehnten hat diese Ungleichheit wieder zugenommen, während die Profite der Superreichen immer weiter in die Höhe schießen. In Deutschland gehört dem reichsten Prozent der Gesellschaft rund ein Drittel des privaten Vermögens – ein höherer Anteil, als es 1923 der Fall war. Vielerorts in der Welt ist das Verhältnis noch obszöner. Auch wenn das Pro-Kopf-BIP heute im Vergleich zu 1923 astronomisch erscheint, ist jeder fünfte Mensch in der Bundesrepublik von Armut betroffen – von der massenhaften Armut in der sogenannten »Peripherie« ganz zu schweigen.

»Man kann eine Regierung wählen, die eine höhere Kindergrundsicherung verspricht, und das Gegenteil bekommen. Oder für die Vergesellschaftung großer Wohnkonzerne stimmen, bloß um ignoriert zu werden.«

Mit diesen sozialen Missständen ist ein Demokratiegefälle verbunden, das in jeder Gesellschaft entsteht, in der eine winzige Minderheit die Lebens- und Produktionsbedingungen der Mehrheit diktiert. Zwar dürfen alle, die über die Staatsbürgerschaft verfügen, regelmäßig wählen gehen und ihren Alltag ein Stück weit einrichten, wie sie es möchten (und sich leisten können), aber die grundlegenden Strukturen unserer Wirtschaft bleiben für den demokratischen Willen unantastbar. Man kann eine Regierung wählen, die eine höhere Kindergrundsicherung verspricht, und das Gegenteil bekommen. Oder für die Vergesellschaftung großer Wohnkonzerne stimmen, bloß um ignoriert zu werden. Da die Macht in unserer Gesellschaft zwar auch im Parlament, aber vor allem in der Wirtschaft zu finden ist, scheitern auch die zahmsten Reformversuche, sofern sie nicht in der Lage sind, sich mit den Mächtigen in der Wirtschaft anzulegen.

Kein Wunder also, dass die Idee des Sozialismus in den letzten zwei Jahrhunderten allen Rückschlägen zum Trotz nie ganz verschwand. Überall da, wo Kapitalismus Ungleichheit produziert und individuelle sowie kollektive Ermächtigung zurückhält, entsteht früher oder später der Traum nach etwas anderem, nach etwas Besserem. Schon seit Marx und Engels verstehen Sozialistinnen und Sozialisten es als ihre Aufgabe, diesem Traum praktische Handlungsmöglichkeiten zu verleihen und sie in eine organisierte Form überzuleiten. An dieser grundsätzlichen Aufgabe hat sich seitdem nichts verändert.

Die linksrepublikanische Saat

Stellen wir die Frage, was demokratisch-sozialistische Politik im 21. Jahrhundert eigentlich bedeutet, müssen wir uns eingestehen, dass bisher niemand eine besonders überzeugende Antwort darauf gefunden hat. Sozialismus mag seit der Finanzkrise von 2008 wieder einen bescheidenen Platz in der öffentlichen Debatte eingenommen haben, doch nirgendwo – auch nicht dort, wo »Sozialisten« Wahlen gewonnen haben – sind wir ihm einen Schritt nähergekommen. Die Parteien des Zentrums haben sich, zumindest vorläufig, wieder stabilisiert, während die rechten Parteien einen Großteil der oppositionellen Energie, über die die Linke vor einem Jahrzehnt verfügte, nun für sich beanspruchen. Während die Linkspartei um ihr Überleben kämpft und am Rande einer verheerenden Spaltung steht, legt die AfD in den Umfragen zu und hat seit ihrem letzten Parteitag sogar an Momentum gewonnen.

»Wir können nicht wissen, ob diese Regierungen den Aufstieg der Nazis gestoppt hätten, aber sie wären sicherlich in einer besseren Position dafür gewesen, als die erbittert zerstrittene Arbeiterbewegung von 1933 es war.«

Hier scheinen die Lehren des vergangenen Jahrhunderts von bedrückender Aktualität zu sein. Wie damals durchleben wir gerade massive Umwälzungen, sei es in Form des Klimawandels, der Digitalisierung und Automatisierung oder des russischen Einmarschs in die Ukraine, der den Menschen vor Ort Tod und Leid bringt, vielerorts auf der Welt die Lebenshaltungskosten in die Höhe treibt und das Risiko eines nuklearen Krieges zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder auf die Tagesordnung setzt. Wenn sich Menschen ohnmächtig fühlen angesichts gesellschaftlicher Herausforderungen, die (ob real oder gefühlt) ihre Existenz bedrohen und sich um die Zukunft sorgen, dann üben die falschen Versprechungen der Rechtsextremen eine Anziehungskraft aus, wie sie es in stabileren Zeiten selten tun.

Die Arbeiterregierungen von 1923 waren ein Versuch, die Republik gegen eine solche Bedrohung zu befestigen, indem man die Grundlagen der sozialen Teilhabe und der demokratischen Partizipation ausbaut. Wir können nicht wissen, ob diese Regierungen den Aufstieg der Nazis gestoppt hätten, aber sie wären sicherlich in einer besseren Position dafür gewesen als die erbittert zerstrittene Arbeiterbewegung von 1933.

Das linksrepublikanische Projekt, das vor hundert Jahren versucht wurde, lässt sich freilich nicht auf die Gegenwart übertragen. Doch es hat einen Samen gepflanzt, der möglicherweise heute noch Früchte tragen kann. Der Gedanke, dass Demokratie nur wirklich Demokratie ist, wenn Menschen auch kollektiv über ihre Lebens- und Produktionsweise bestimmen können, bleibt so aktuell wie eh und je. Wenn unsere derzeitige, begrenzte Demokratie vor der rechtsextremen Bedrohung geschützt werden soll, ohne selbst zu autoritären Methoden zu greifen, muss sie erweitert und ausgebaut werden. Denn dann haben die Millionen, die sich ausgegrenzt und im Stich gelassen fühlen, ein materielles Interesse daran, sie zu erhalten.

Loren Balhorn

Loren Balhorn ist Editor-in-Chief von JACOBIN.

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