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Wie wir das Lieben lernten und verlernen

Von der höfischen Gesellschaft zum sozialen Netzwerk: Die Fähigkeit, den Anderen, die Menschen oder die Freiheit zu lieben, musste einst errungen und muss heute verteidigt werden.

Wie wir das Lieben lernten und verlernen
»Wer ein kalkulierender Akteur reinen Eigeninteresses ist, gelangt zu Freiheit, aber nicht zu Liebe oder Politik.«Illustration: Julia Specht

Sich zu verlieben, verliebt zu sein und von Sehnsucht und Verlangen zerrissen zu werden, sind historische, kulturelle und neurologische Zustände des Menschseins, die unsere Spezies seit Jahrtausenden bereichern. Heute jedoch werden sie durch die Medienökologie des zeitgenössischen Lebens verstümmelt. In den meisten (post-)industriellen kapitalistischen Gesellschaften sind junge Männer wütend auf junge Frauen. Gleichzeitig haben junge Frauen kein Verlangen mehr nach jungen Männern. Es ist in der Tat bemerkenswert, dass die Menschen die Idee des Eros überhaupt noch erkennen, so fremd ist dieses Konzept den Bewohnern des Internets geworden.

Die Liebe zum Anderen und die Liebe zu den Menschen sind zwei Formen des Seins, in denen die Liebende – ob individuell oder kollektiv – bereit ist, etwas von sich selbst für die Spezies, für den Anderen oder für die Zukunft zu opfern. Die sexuelle Revolution der 1960er Jahre überließ den Menschen einem privaten, libertären, aber nicht utopischen Schicksal: Wer ein kalkulierender Akteur reinen Eigeninteresses ist, gelangt zu Freiheit, aber nicht zu Liebe oder Politik. Die Liebende als Individuum kann jedoch zur Liebenden als politische Akteurin werden. Liebe lehrt uns, frei zu handeln – nicht aus Eigeninteresse, sondern für etwas, das außerhalb unserer selbst liegt (auch wenn Liebe ursprünglich immer auch auf Narzissmus beruht).

Die Liebende wird in einen Zustand gesteigerter Empfindsamkeit gegenüber der Welt versetzt: Die Schönheit des Anderen – körperlich, geistig oder politisch – erzeugt ein Gefühl der Transzendenz und Solidarität, das Familienbande zu sprengen vermag. Die traditionelle Charakterisierung des Liebenden als männliches Subjekt beraubte Frauen der Fähigkeit, selbst Liebende zu sein, und verdammte sie zur lähmenden Rolle der Geliebten. Als Frauen zu den handelnden Subjekten der Liebe wurden, erhielten beide Geschlechter Zugang zu Liebe in all ihren Facetten: Liebe zur Schönheit, Liebe zum abstrakten Prinzip der Freiheit, Liebe zu den Menschen, oder Liebe zum Kampf gegen Unterdrückung, die aus der Fähigkeit entsteht, sich der Leidenschaft hinzugeben.

Die Liebe als Erfahrung macht uns erschreckend verletzlich gegenüber den Freuden der erotischen Verbindung, die unser limbisches System und unseren Frontallappen aktivieren. Die Liebe zum Schwung eines Schlüsselbeins, zur Wölbung einer Hüfte, zur Kontur eines Kinns ist eine Sublimation der furchterregenden und erniedrigenden, zugleich aber wahnsinnig lustvollen Erfahrung des eigentlichen Geschlechtsakts. Nach der sexuellen Revolution hielten wir guten Sex für selbstverständlich, aber wie wir gesehen haben, ist es trotz der nie dagewesenen Verfügbarkeit von »Informationen« über die Biologie und Mechanismen von Sex immer noch außerordentlich schwierig, die Kombination von Sex und Liebe zu erzielen.

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Von der Ritterlichkeit zum Konsens

Die Liebe der Liebenden war einst die Grundlage, auf der der Humanismus in der europäischen Kultur errichtet wurde. Im Übergang zur frühen Neuzeit beschrieben fahrende Sänger – Troubadoure, wandernde Künstler, die auf die Gunst und die Gaben feudaler Herren und Damen angewiesen waren – das Verliebtsein als eine beinahe Jesus-hafte Erfahrung. Liebe bedeutete Opfer und Prüfungen, forderte Leiden und Standhaftigkeit.

Die Anspielung auf Jesus vermittelte einer gewalttätigen und wollüstigen Aristokratie, deren Bindung an das Christentum oft nur oberflächlich war, die Vorstellung, dass Leidenschaft, Treue und Hingabe religiöse Tugenden sein könnten, die sich im Leiden jener widerspiegelten, die von irdischem Verlangen heimgesucht wurden. Diese Sänger verzichteten auf das Lateinische als die Sprache von Kultur und Glauben und kultivierten stattdessen ihre lokalen romanischen Sprachen. Sie sangen außerhalb der Liturgie und gedachten der Verluste, Sehnsüchte und flüchtigen Freuden krimineller Begierden, die sich Gott und der Familie widersetzten. 

»In der höfischen Gesellschaft erlangten aristokratische Frauen ein höheres Maß kultureller Hegemonie und Männer mussten sich neuen Regeln der Zivilisiertheit fügen.«

Von diesen Künstlern erbten wir die Sprache der Brautwerbung. Sie trugen mit populärem Vergnügen und Weisheit zum Bestreben des Adels bei, neue Formen von Geschlechterverhältnissen zu gestalten und zu reglementieren – solche, die männliche Standhaftigkeit und weiblichen Widerstand als Ideale hochhielten. Aus der Welt dieser fahrenden Musiker bezog die höfische Gesellschaft ihre Vorstellungen von Ritterlichkeit – ein Regelwerk des Umgangs mit Frauen, um ihr Herz zu gewinnen, oder, in moderner Sprache, ihren Konsens.

Als Frankreich sich im 14. und 15. Jahrhundert aus den kriegerischen Feudalstaaten formte und die absolutistische Monarchie erstarkte, wurde der Hof zu einem Ort, an dem Aristokraten, die zuvor für kriegerisches Verhalten belohnt worden waren, sich einer anderen Lebensweise unterwerfen mussten, indem sie ihre Impulse und Triebe kontrollierten. Ein wahrer Adeliger konnte nicht länger ein vollkommener Ritter sein, indem er tötete und vergewaltigte. Am Hof musste er die Kunst der Ritterlichkeit erlernen, um adelige Frauen zu beeindrucken, sie zu umwerben, zu verführen und ihre Liebe erwidert zu bekommen.

Doch die meisten Ehen unter Adligen waren Zweckehen. Es liegt nahe, dass die volkstümlichen Erzählungen von Liebe und Lust aus der bäuerlichen und arbeitenden Bevölkerung stammten. Der Adel musste sich die Liebe erst aneignen. Die sinnlichen, körperlichen Begierden und ihre Erfüllung – vermittelt durch Märchen, mündliche Überlieferungen und Volksfeste – erregten gewiss den Neid einer kriegerischen Aristokratie, die daran gewöhnt war, eher mit Gewalt zu nehmen als mit Vorspiel.

Der Soziologe Norbert Elias hat diese Themen in seinem bahnbrechenden Werk Die höfische Gesellschaft untersucht. In der höfischen Gesellschaft erlangten aristokratische Frauen ein höheres Maß kultureller Hegemonie und Männer mussten sich neuen Regeln der Zivilisiertheit fügen. Um eine Frau zu verführen, musste ein Mann sie zunächst hofieren – lui faire la cour. Diese Brautwerbung folgte streng ritualisierten Formen der Selbstdarstellung, die eng mit der Klassenzugehörigkeit verwoben waren. Da aristokratische Frauen auf dem Weg zur Alphabetisierung der Bevölkerung voranschritten, wurden Tagebücher und Liebesbriefe zu Orten der privaten Meinungsäußerung für die gebildeten Schichten, jenseits des Zugriffs von Kirche und Staat. Das Herz einer adligen Frau zu gewinnen, galt als ein Triumph, der einem Sieg auf dem Schlachtfeld ebenbürtig war.

»Die polyamoren Paare von heute, die im gentrifizierten Brooklyn leben, schmücken sich mit dem Ruhm der offenen Beziehungen, die homosexuelle Gemeinschaften einst in den Bohème-Vierteln von Montmartre, Bloomsbury und Greenwich Village gegen alle Konventionen verteidigten.«

Diese Vorstellung von Brautwerbung ist die frühneuzeitliche Vorläuferin unserer heutigen Idee von Konsens. Eine Frau musste gewonnen, nicht mit Gewalt genommen werden – so verlangten es die Regeln der höfischen Gesellschaft. Der Roman Die Prinzessin von Clèves von Madame de Lafayette, der das Leben am Hof Ludwigs XIV. schildert, erzählt von einer Frau, die versucht, sich der Transaktionalität des sexuellen und erotischen Lebens zu entziehen und gleichzeitig eine Form von emotionaler Autonomie zu entwickeln. Hier zeigen sich Vorstellungen, die der Feminismus direkt von der Kodifizierung männlichen Verhaltens am Hof geerbt hat. Die unerbittliche Frau und der demütige Ritter wurden zu Idealfiguren der adligen Vorstellungskraft.

Die Engländer übernahmen diese Hofmanieren aus dem Wunsch, die Franzosen nachzuahmen – doch die Puritaner und religiösen Eiferer, die Europa in Richtung Neue Welt verließen, verabscheuten die katholischen, ritualisierten, »weiblichen« Züge der französischen Aristokratie. Im 17. und 18. Jahrhundert hatte sich in der europäischen Bourgeoisie die Vorstellung durchgesetzt, dass anständige Frauen keusch seien und verführt und bezaubert werden müssten. 

Man könnte annehmen, dass die Schicksale von Frauen aus der Arbeiterklasse oder rassifizierten Frauen für die höfische Literatur keine Rolle spielten – und doch handeln Samuel Richardsons Romane Pamela, oder die belohnte Tugend und Clarissa, die Geschichte eines vornehmen Frauenzimmers ebenso wie das gesamte Werk des Marquis de Sade von sexualisierter Gewalt, sexuellem Eigentum und der Moral des Begehrens in einer säkularen, merkantilen und sexuell befreiten Epoche. Und mit einer Perspektive von unten betrachtet erzählt Daniel Defoes Moll Flanders die Geschichte einer findigen Sexarbeiterin und sexuellen Abenteurerin, die in die Neue Welt geht, um sich neu zu erfinden, nachdem sie in England inhaftiert und als Sklavin verkauft worden war. 

Die Rationalisierung der Liebe

Die heutige Ernüchterung bezüglich Liebe und Monogamie reduziert menschliche Beziehungen auf Kalkül und Transaktion; anstelle von Bindung steht die Wahlmöglichkeit im Zentrum der Vorstellungen von Glück und Erfüllung. Unter jungen Menschen ist Romantik zu einem Regime der Kompatibilität und Ähnlichkeit geworden – ein Ausdruck ihrer Anpassung an die Logik des Dating-Algorithmus. Liebe, die durch zufällige Begegnungen oder Blickkontakt entstehen kann, die nicht von Apps und sozialen Medien erfasst werden, scheint weniger ein Ideal als vielmehr ein Hindernis für die Selbstoptimierung zu sein. Hinter der Suche nach dem gleichgesinnten, verlässlichen Partner verbirgt sich das Bedürfnis, Einkommen und Vermögen unter den bedrängten Aspiranten der urbanen Mittelklassen zu konsolidieren.

»Wie sollen wir ›die Menschen‹ oder die Kämpfe der Arbeiterklasse lieben, wenn wir einander nur als Spiegelbilder unserer sorgfältig kuratierten Identitäten lieben?«

Die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen und eingetragener Lebenspartnerschaften war ein gewaltiger Schritt, um queere Menschen aus moralischer und juristischer Dunkelheit zu befreien. Die Normalisierung homosexuellen Lebens und die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Liebe gehören zu den größten kulturellen Errungenschaften liberaler Demokratien – und die Akzeptanz von nicht-heterosexuellen Formen der Liebe verschaffen insbesondere der urbanen, wohlhabenden Mittelschicht greifbare materielle Vorteile.

Der Anthropologe Roger Lancaster zeigte in seiner Ethnografie des schwulen Lebens in Mexiko, dass die Sehnsüchte der arbeitenden schwulen Männer eng mit Träumen sozialer Mobilität und Amerikanisierung verknüpft sind. Die polyamoren Paare von heute, die im gentrifizierten Brooklyn leben, schmücken sich mit dem Ruhm der offenen Beziehungen, die homosexuelle Gemeinschaften einst in den Bohème-Vierteln von Montmartre, Bloomsbury und Greenwich Village gegen alle Konventionen verteidigten.

Unter dem überwachenden Blick der sozialen Medien kann jedoch keine gleichgesinnte Avantgarde ihre Geheimnisse und Grenzüberschreitungen für sich behalten. Alle unsere Fetische und Wünsche müssen als Zeichen unseres kulturellen Bekenntnisses zur libidinösen Übertretung zur Schau gestellt werden: Wir müssen den ungeschriebenen Regeln unserer Netzwerke und Peer-Gruppen folgen – oder riskieren, für unsere mangelnde Vorstellungskraft verbannt oder verurteilt zu werden. Wie sollen wir »die Menschen« oder die Kämpfe der Arbeiterklasse lieben, wenn wir einander nur als Spiegelbilder unserer sorgfältig kuratierten Identitäten lieben – eingeschlossen im eisernen Käfig des Eigeninteresses urbaner Mittelklassen? Wie können wir erotische und ethische Autonomie erreichen, wenn jede Berührung gemessen wird?

»Linksliberale glauben, es könne Liebe ohne Opfer, Leidenschaft ohne Schmerz geben – und dass jede nicht-normative Körperkonstellation automatisch zu einem politisch progressiven Orgasmus führe.«

Die Neotraditionalisten, erschöpft von der Logik des Eigeninteresses und der liberalen Selbstverherrlichung, versuchen, ihre Begierden in performativer Monogamie zu läutern – inszeniert als ein weiterer »Lifestyle« im Netz. Die Rationalisierung der Liebe durch die Konsolidierung von Vermögen innerhalb der Klasse – ob im Gewand des »Trad«-Lifestyles oder der Polyamorie – erhebt persönliche Freiheit zum höchsten Wert menschlicher Beziehungen. Linksliberale glauben, es könne Liebe ohne Opfer, Leidenschaft ohne Schmerz geben – und dass jede nicht-normative Körperkonstellation automatisch zu einem politisch progressiven Orgasmus führe. Kein Wunder, dass die Jugend libidinös erschöpft ist, der Romantik misstraut und gegenüber Begierden übervorsichtig ist. 

Die Welt des Misstrauens, die der Kapitalismus geschaffen hat, reduziert das Begehren auf einen unglücklichen Zustand der Angst und Unordnung. Was wir derzeit erleben, ist ein blutleerer Kampf der Geschlechter, in dem es kaum oder gar keine gegnerischen Spannungen gibt, die für eine authentische intersubjektive Beziehung notwendig sind. Liebe zu machen, ist zu einer weiteren Bühne verkommen, auf der wir auftreten und scheitern. Den Menschen, die an die Safe Spaces der Ähnlichkeit und Kompatibilität gewöhnt sind, fehlt einfach die libidinöse Energie, die nötig wäre, um unsere Angst voreinander und vor dem Begehren zu durchbrechen.

Die großen revolutionären Heldinnen und Helden vergangener Jahrhunderte wurden von einer Liebe zur Freiheit und Gleichheit angetrieben, die ihr Eigeninteresse überstieg. Eine solche Gefahr in der Liebe ist nur jenen zugänglich, die sich in historische und intersubjektive Zusammenhänge einzuschreiben vermögen, in denen Begehren, Risiko, Unvorhersehbarkeit, Zurückweisung und Scheitern reale, körperlich spürbare Möglichkeiten sind. 

Die Tragödie unserer Zeit besteht darin, dass der Jugend die notwendigen Voraussetzungen für kollektives Handeln und amouröse Autonomie vorenthalten wurden. Und doch, im jugendlichen politischen Elan um Figuren wie Zohran Mamdani zeigt sich ein Funken Hoffnung: dass wir die sozialen und seelischen Tragödien unserer Zeit überwinden können, indem wir lernen, die Liebe zu den Menschen, zu den arbeitenden Klassen, ins Zentrum unseres Lebens zu stellen.

Tags: Politik

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