Jedes Mal, wenn ich für längere Zeit nach Deutschland komme, kaufe ich mir eine Tasse. Dazu gehe ich in der Regel zum nächsten T.K. Maxx, wo ich mir für 4 Euro ein extra großes Gefäß für meinen Kräutertee kaufe. Die zierlichen europäischen Tassen, die ich in meinen möblierten Unterkünften vorfinde, fassen einfach nicht die Mengen, die ich brauche. Meine Kriterien sind einfach: Die Tasse muss groß und robust sein. Wie sie aussieht oder wer sie hergestellt hat, ist mir egal. In marxistischer Terminologie interessiert mich nur ihr Gebrauchswert.
Wenn ich hingegen schick oder modisch wirken wollte, könnte ich mir die Tasse »H deco rouge no. 1« von Hermès kaufen. Würde ich meinen Ingwertee aus diesem schönen Porzellangeschirr trinken, würde das vielleicht meinen sozialen Wert in den Augen anspruchsvoller Geschirrkenner erhöhen, aber der Gebrauchswert bliebe derselbe: Die Tasse fasst meinen Tee. Um im Vokabular des Marxismus zu bleiben: Die zusätzlichen 121 Euro, die ich theoretisch für die Hermès-Tasse bezahlen könnte, stellen die Differenz zwischen den Tauschwerten beider Tassen als Waren dar.
Wenn Marx den Unterschied zwischen Gebrauchs- und Tauschwert diskutiert, bezieht er sich auf materielle Objekte, die menschliche Wünsche und Bedürfnisse befriedigen und sich erst dann in Waren verwandeln, wenn sie auf einem Markt gehandelt werden. Im Jahr 1857 verwendete er das Beispiel von Weizen – dieser »besitzt denselben Gebrauchswert, ob er von Sklaven, Leibeignen oder freien Arbeitern gebaut werde. Er würde seinen Gebrauchswert nicht verlieren, wenn er vom Himmel herunterschneite. Wie verwandelt sich nun der Gebrauchswert in Ware? [Er wird zu einem] Träger des Tauschwerts.« Dem Kapitalismus als Wirtschaftssystem ist es also eigen, Dinge mit Gebrauchswert (die oft reichlich vorhanden und kostenlos sind) in Dinge mit Tauschwert umzuwandeln, das heißt knappe Waren, für die Menschen bezahlen müssen.
»Gefühle der sozialen Ausgrenzung verändern sogar die auditive Wahrnehmung: Ignorierte Personen erleben die Welt subjektiv als einen leiseren Ort.«
Obwohl Liebe kein materieller Gegenstand ist, hat sie dennoch einen Gebrauchswert, der außerhalb der sozialen Tauschbeziehungen existiert, die kapitalistische Gesellschaften beherrschen. Die meisten, wenn nicht sogar alle von uns haben Liebe gegeben und empfangen, oft beginnend als Kinder in unseren Familien, wo wir uns von den Menschen um uns herum umsorgt und bestätigt fühlten. Das Geben und Empfangen dieser lebenswichtigen Emotion ist für das menschliche Gedeihen ebenso wichtig wie Nahrung, Wasser und Unterkunft – und deshalb sollte sie in jedem politischen Programm für eine sozialistische Transformation einen prominenten Platz einnehmen. Wenn wir jedoch eine sozialistische Analyse und eine daraus folgende Politik der Liebe entwickeln wollen, müssen wir verstehen, wie unser derzeitiges Wirtschaftssystem uns die Zeit und Energie raubt, die notwendig sind, um diesen Grundbedürfnissen zu entsprechen.
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Um Gebrauchswert und Tauschwert der Liebe besser aufschlüsseln zu können, schlage ich vor, »Liebe« anhand von drei Komponenten zu verstehen: Aufmerksamkeit, Zuneigung und etwas, das ich als wechselseitigen Flow bezeichne.
Sämtliche Formen der Liebe – romantische, platonische, kindliche, spirituelle und so weiter – beinhalten eine Kombination dieser drei Komponenten. Alle drei besitzen Gebrauchswerte, die außerhalb des Marktes existieren. Aber nur zwei von ihnen lassen sich direkt kommodifizieren, das heißt zur Ware machen, während die dritte, der wechselseitige Flow, dem Austausch notwendig äußerlich bleibt. Um zu verstehen, wie und warum der Kapitalismus unsere Fähigkeit einschränkt, Liebe zu geben und zu empfangen, muss man betrachten, wie er den Gebrauchswert, der sich nicht in Tauschwert umwandeln lässt, zugleich abwertet und ausbeutet.
Aufmerksamkeit schenken (oder verkaufen)
Eine der Komponenten der Liebe ist Aufmerksamkeit – die fast ausschließliche Konzentration der kognitiven Fähigkeiten eines Menschen auf ein anderes Subjekt oder Objekt. Menschen sehnen sich nach der Aufmerksamkeit anderer. Unser grundlegendes Zugehörigkeitsgefühl hängt davon ab, dass wir Zugang zu Aufmerksamkeitsressourcen haben, und unser Verlangen danach ist so stark, dass die meisten Menschen lieber negative Aufmerksamkeit erhalten als gar keine. Eine Studie aus dem Jahr 2015 ergab, dass Missachtung am Arbeitsplatz psychologisch tatsächlich schlimmer ist als »belästigendes Verhalten, das jemanden direkt herabwürdigt, beleidigt, herabsetzt oder demütigt«. Von Kolleginnen und Kollegen ignoriert zu werden, hatte »im Laufe der Zeit einen negativeren Einfluss auf die körperliche Gesundheit, die Einstellung zur Arbeit und die Fluktuation der Mitarbeiter als Belästigungen«.
Aufmerksamkeit hat eindeutig einen Gebrauchswert, da sie für das menschliche Wohlbefinden von zentraler Bedeutung ist. Von anderen gesehen und anerkannt zu werden sowie in unseren Gedanken und Meinungen gehört und bestätigt zu werden, ist ein grundlegendes psychologisches Bedürfnis. Wie eine Studie von 2010 ergab, reicht es schon aus, dass ein Gesprächspartner seinen Blick abwendet, um ein tief empfundenes Gefühl von Missachtung hervorzurufen, das das »explizite und implizite Selbstwertgefühl« vermindert. Und Untersuchungen von 2021 ergaben, dass Gefühle der sozialen Ausgrenzung sogar die auditive Wahrnehmung verändern: Ignorierte Personen erleben die Welt subjektiv als einen leiseren Ort.
»Auf seinen Reisen durch Sibirien staunte der russische Geograf Pjotr Kropotkin darüber, wie verschiedene Tiere zusammenarbeiten, um ihr gegenseitiges Überleben in einem unerbittlichen Klima zu sichern.«
Aufmerksamkeit ist eine der Komponenten der Liebe, die sich besser zur Ware machen lassen. Man kann Aufmerksamkeit mit Geld kaufen, und die eigene Aufmerksamkeit zu verkaufen, ist ein legitimer Weg, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Therapeutinnen, Lebensberater und Personal Trainer verkaufen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit in Blöcken. Tarotkartenleserinnen und Hellseher berechnen ebenfalls pro Sitzung. Eltern bezahlen Kinderbetreuerinnen, damit diese sich um ihre Kleinen kümmern, und in den USA, die in Sachen Kommodifizierung immer ganz vorne mit dabei sind, ermöglicht ein Unternehmen namens rentafriend.com seinen Nutzern sogar, Stunden platonischer Aufmerksamkeit zu kaufen und zu verkaufen.
Gleichzeitig verschlingen Unternehmen, Algorithmen und die Notwendigkeiten des modernen Lebens einen Großteil unserer Aufmerksamkeitsressourcen. Social-Media-Plattformen fesseln unsere Aufmerksamkeit, verkaufen diese an Werbetreibende und lassen uns erschöpft zurück. Indem das kapitalistische Wirtschaftssystem unsere Fähigkeit auslaugt, unsere Aufmerksamkeit zu konzentrieren, wird sie zudem immer knapper, wodurch ihr Tauschwert steigt. Am Ende eines weiteren hektischen Tages spätkapitalistischer Plackerei kann es geschehen, dass selbst die liebevollsten Eltern ihre Kinder halb ignorieren. Freunde lassen ihre Nachrichten auf »gelesen« und Liebende ghosten einander.
Wenn wir uns daran gewöhnen, Aufmerksamkeit als etwas zu betrachten, das wir kaufen können, dann sind wir auch weniger geneigt, unsere wenigen verbleibenden Aufmerksamkeitsressourcen (kostenlos) zu teilen. In den USA schrecken viele Frauen (laut einer aktuellen Studie 26 Prozent) davor zurück, Männer zu daten, die nicht in Therapie sind – sie weigern sich, die volle Last der Aufmerksamkeit zu tragen, die in romantischen Beziehungen oft erforderlich ist. Forschung von der Harvard University verweist zudem auf eine »Freundschaftsrezession« in den USA, da steigende Lebenshaltungskosten die Menschen dazu zwingen, mehr Zeit bei der Arbeit und weniger Zeit mit sozialen Kontakten zu verbringen.
Während wohlhabendere Mitglieder der Gesellschaft die Aufmerksamkeitsressourcen anderer kaufen, bilden diejenigen, die sich diese nicht leisten können, eine wachsende Unterschicht von Menschen, die wenig bis gar keine Aufmerksamkeit genießen, was die globale Epidemie der sozialen Isolation weiter anheizt. Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2025 leidet jeder sechste Mensch weltweit unter Einsamkeit, einem Mangel an sozialer Bindung, der für fast 900.000 zusätzliche Todesfälle pro Jahr verantwortlich ist.
Zuneigung und Flow
Liebe beinhaltet auch Zuneigung – eine weitläufige Kategorie, die Sex, Berührungen, Trost, freundliche Worte, Komplimente und eine Vielzahl von Handlungen umfassen kann, die Zärtlichkeit, Leidenschaft, Fürsorge oder Hingabe ausdrücken. In seiner berühmten Studie »The Nature of Love« von 1958 beobachtete der amerikanische Psychologe Harry Harlow Rhesusaffenbabys, denen leblose Ersatzmütter zur Verfügung gestellt wurden – eine erste aus Draht, die Milch spendete, und eine zweite mit weichem Stoffüberzug, aber ohne Milch. Harlow stellte fest, dass die Affenbabys noch mehr als Nahrung das begehrten, was er als »Kontaktkomfort« bezeichnete. In jüngerer Zeit weisen Ergebnisse der biologischen Anthropologie darauf hin, dass einfache menschliche Berührung dazu beitragen kann, den physiologischen Stress zu mildern, der mit extremen Umgebungen wie geringer Schwerkraft, großer Höhe oder übermäßiger Kälte und Hitze verbunden ist. Da die Klimakrise die Grenzen der menschlichen Biologie weiter herausfordert, wird Zuneigung also noch an Gebrauchswert gewinnen.
Doch wie Portionen von Aufmerksamkeit können auch Einheiten von Zuneigung leicht kommodifiziert werden. In Gesellschaften, in denen die Lebenshaltungskosten das durchschnittliche Einkommen übersteigen, lassen Überarbeitung und Angst die Menschen zeitarm und erschöpft zurück, sodass sie ihre Zuneigungsvorräte für die notwendige Selbstfürsorge horten. Unerbittlicher Wettbewerb und wirtschaftliche Instabilität zehren an uns. Wenn Zuneigung knapp wird, steigt ihr Tauschwert, und immer mehr Lohnabhängige entscheiden sich rational dafür, ihre Zuneigung als eine Form von Arbeitskraft zu verkaufen, insbesondere wenn die Durchschnittslöhne niedrig sind.
Das vielleicht offensichtlichste Beispiel ist die Sexarbeit, die schon lange vor dem Aufkommen des Kapitalismus existierte, heute aber eine Vielzahl kreativerer Formen annimmt, von »Camming« bis »Findom«. Aber auch andere Arten von Zuneigung lassen sich mit Geld kaufen. Japanische Geschäftsmänner bezahlen Frauen in Hostess-Clubs zum Beispiel dafür, dass sie ihnen durch persönliche Komplimente das Gefühl geben, begehrt und geschätzt zu sein. Wer reich genug ist, kann sich auch eine stetige Versorgung mit professionalisierten Formen der menschlichen Berührung kaufen: Massagetherapie, Fußreflexzonenmassage, Spa-Behandlungen, Schönheitsdienstleistungen und so weiter. Indem das reichste Prozent der Gesellschaft seine Kalender mit gekauften Formen der Verwöhnung füllt, wird Zuneigung an sich zu einem Luxusgut, das gehortet, gehandelt und zur Schau gestellt wird – ein Totem des persönlichen Erfolgs in einem Wirtschaftssystem, in dem alles einen Preis hat.
»Der Versuch, den wechselseitigen Flow zur Ware zu machen, tötet ihn.«
In liebevollen Beziehungen ist das Teilen von Aufmerksamkeit und Zuneigung mit einer dritten Komponente verbunden, die ich als »wechselseitigen Flow« bezeichne – einem natürlichen Kreislauf des Gebens und Nehmens. Wie die Botanikerin Robin Wall Kimmerer aus dem indigenen Stamm der Potawatomi so schön in ihren Schriften einfängt, finden wir ihn überall in der Natur. Die Erde nährt die Bäume, die ihre Blätter und Früchte abwerfen, um die Erde mit neuen Nährstoffen zu versorgen. Bienen sammeln Nektar von blühenden Pflanzen, bestäuben sie und sichern so deren Überleben. Menschen atmen Sauerstoff ein und Kohlendioxid aus, während Pflanzen Kohlendioxid einatmen und Sauerstoff ausatmen. Ganze Ökosysteme basieren auf dem wechselseitigen Flow, diesem ständigen Kreislauf des Gebens und Nehmens.
Der Gebrauchswert des wechselseitigen Flows liegt darin, wie er diese empfindlichen Ökosysteme auf natürliche Weise steuert und sowohl die Zusammenarbeit innerhalb und zwischen den Arten als auch die Aufrechterhaltung des systemweiten Gleichgewichts ermöglicht. Auf seinen Reisen durch Sibirien staunte der russische Geograf Pjotr Kropotkin darüber, wie verschiedene Tiere zusammenarbeiten, um ihr gegenseitiges Überleben in einem unerbittlichen Klima zu sichern. Auch fanden Forscher heraus, dass menschliche Kleinkinder artenübergreifendes altruistisches Verhalten zeigen: Sie helfen Hunden, auch wenn keine Hoffnung auf Gegenseitigkeit besteht.
Ein Großteil der Liebe, die ich im Laufe der Jahre für meine eigenen vierbeinigen Begleiter empfunden habe, rührt von dem wechselseitigen Flow der Zuneigung und Aufmerksamkeit her, der zwischen uns zirkuliert. Studien zeigen, dass das Streicheln eines Hundes für den Streichelnden genauso angenehm ist wie für den Gestreichelten. Eine Studie von 2024 ergab, dass Veteranen des US-Militärs »signifikant geringere PTBS-Symptome, Angstzustände und Depressionen« berichteten, wenn ihnen Servicehunde zur Seite gestellt wurden. Und meine Universität bringt während Prüfungen Therapiehunde auf den Campus, um den Stress der Studierenden zu reduzieren.
Wir sitzen alle im selben Boot
Wechselseitiger Flow ist nicht dasselbe wie Reziprozität. Reziprozität suggeriert eine Strichliste, in der alle Beteiligten das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen festhalten. Wechselseitiger Flow hingegen lässt kurzfristige Ungleichgewichte zu, da er in Beziehungen besteht, die über einen längeren Zeitraum und in nächster Nähe bestehen. Meine Hunde und ich haben wechselseitigen Flow geteilt, weil wir über viele Jahre hinweg denselben Tagesablauf hatten; unsere Vertrautheit wuchs parallel zur Intensität und Dauer unserer Verbindung.
In ähnlicher Weise erfordert auch Elternschaft, dass man diesen Zustand des wechselseitigen Flows in gewissem Maße akzeptiert. Kleine Kinder verlangen ein außergewöhnliches Maß an Aufmerksamkeit und Zuneigung, aber viele Eltern empfinden auch ein tiefes Gefühl von Sinnhaftigkeit und Zufriedenheit, wenn sie diese Ressourcen freigiebig teilen (anderenfalls hätte unsere Spezies nicht überlebt). Dieser Zustand des wechselseitigen Flows wird durch die gemeinsame Erwartung aufrechterhalten, dass die Beziehungen zwischen den Generationen über Jahrzehnte hinweg bestehen bleiben.
Ein gutes Gespräch ist ein Mikrokosmos des wechselseitigen Flows. Es beinhaltet spontane Akte des Denkens, Sprechens, Zuhörens und Reagierens in einem lockeren Hin und Her, in dem niemand dominiert. Wir tauschen Geschichten, Neuigkeiten, Ideen und Beobachtungen aus und bekommen oder bieten Mitgefühl, Einsichten und Ratschläge, ohne Rücksicht auf ihren potenziellen monetären Wert.
Im kreativen Bereich beruhen Jazz-Jam-Sessions und Amateur-Tanzveranstaltungen auf der gemeinsamen Freude am wechselseitigen Flow. In den vielen Sommermonaten, die ich in Freiburg im Breisgau verbracht habe, habe ich immer wieder innegehalten, um die Menschen im Tanzbrunnen in der Nähe der Cafeteria der Universität zu bewundern. In dem offenen Becken eines Brunnens, den die Alliierten im Zweiten Weltkrieg zerbombt haben, versammeln sich an warmen Abenden Paare aller Altersgruppen, um gemeinsam unter dem Sternenhimmel zu tanzen, einfach nur zum Spaß. Ähnlich erlebte ich kürzlich auf einer Reise nach Schottland meinen ersten Ceilidh, bei dem verschiedene Menschen ihre Instrumente mitbringen, um ohne Noten oder vorab festgelegte Songlisten gemeinsam zu jammen. Es ist eine raue, fröhliche Mischung aus Gesang und Klang, bei der die Musiker in spontaner Reaktion aufeinander einfach nur zum Spaß traditionelle schottische Melodien spielen.
»In einer Gesellschaft, in der alles einen Preis hat, sind die Dinge, die ›unbezahlbar‹ bleiben, verdächtig oft solche, aus denen Eliten Profite ziehen.«
Selbst bei Kindern wird die höchste Stufe und wichtigste Form des Spielens als »kooperatives Spiel« oder »wechselseitiges Spiel« bezeichnet. Denken wir an die langen Tage unserer Kindheit zurück, als wir mit unseren Spielkameraden imaginäre Welten teilten und in gemeinsam geschaffenen Fantasien die Zeit vergaßen. Rollenspiele, Verkleiden und gemeinsames Geschichtenerzählen basieren auf einem natürlichen Zustand des wechselseitigen Flows zwischen den Fantasien der Kinder. Diese Aktivitäten lehren Kinder, die emotionalen Signale anderer zu lesen und spontan darauf zu reagieren. Kinderpsychologen erkennen, dass ausgedehnte Phasen des wechselseitigen Spiels für unsere kognitive Entwicklung unerlässlich sind. Indem wir uns in gemeinsamen Zuständen des wechselseitigen Flows verlieren, lernen wir die prosozialen Verhaltensweisen, auf denen unsere Gesellschaften aufgebaut sind.
Albert Einstein führte dieses Argument in seinem denkwürdigen Essay »Warum Sozialismus?« noch weiter und stellte die These auf, dass Individuen und Gesellschaft in einem ständigen Zustand des wechselseitigen Flows existieren:
»Das Individuum ist in der Lage, selbstständig zu denken, zu fühlen, zu kämpfen, zu arbeiten; aber es ist in seiner physischen, intellektuellen und emotionalen Existenz derart abhängig von der Gesellschaft, dass es unmöglich ist, es außerhalb des gesellschaftlichen Rahmens zu betrachten. Es ist die ›Gesellschaft‹, die den Menschen Nahrung, Kleidung, Wohnung, Werkzeuge, Sprache, die Formen des Denkens und die meisten Inhalte dieser Gedanken liefert; sein Leben wird durch die Arbeit möglich gemacht und durch die Leistungen der vielen Millionen Menschen in Gegenwart und Vergangenheit, die sich hinter dem Wort ›Gesellschaft‹ verbergen.«
Wenn es um Freundschaft und romantische Liebe geht, treten wir aufgrund der Langlebigkeit und Nähe ganz natürlich in einen Zustand des wechselseitigen Flows mit anderen Menschen ein. Die Gründe für diesen Flow können unterschiedlich sein (körperliche Anziehung, ähnliche politische Überzeugungen, vergleichbare intellektuelle Interessen und so weiter), aber der wechselseitige Flow von Aufmerksamkeit und Zuneigung wächst über den anfänglichen Impuls hinaus. Verglichen mit Beziehungen zu Haustieren und den meisten Kindern fühlen sich diese Erwachsenenbeziehungen jedoch prekärer an, da sich jederzeit eine der Parteien plötzlich aus dem Flow zurückziehen könnte.
Wenn diese Beziehungen ins Wanken geraten, kann dies daran liegen, dass mindestens eine Partei den Zustand des wechselseitigen Flows zugunsten einer viel kalkulierteren Form des Austauschs aufgegeben hat. Narzissmus, Gier, Ressentiments, Traumata, Paranoia und eine Vielzahl weiterer psychologischer Zustände können die Fähigkeit beeinträchtigen, einen natürlichen Rhythmus des Gebens und Nehmens aufrechtzuerhalten. Und manche Menschen sind einfach nur bescheuert.
Liebe steht nicht zum Verkauf
Die Wichtigkeit des wechselseitigen Flows für unsere Erfahrung der Liebe wird durch die vielen Darstellungen in Musik, Kunst, Literatur und Kino weiter verdeutlicht. Die Handlung fast jeder romantischen Komödie oder jedes BFF-Films dreht sich um Menschen, die ihren Seelenverwandten finden, also den Menschen, mit dem sie am leichtesten in diesen Flow-Zustand geraten. Es mögen sich andere, wohlhabendere oder attraktivere Verehrer präsentieren, aber bei der »wahren Liebe« geht es fast immer um eine besondere Verbindung. Auch Demonstrationen des wechselseitigen Flows lassen sich zur Ware machen, wobei eifrige Zuschauer hoffen, ihn in Echtzeit mitzuerleben. Impro-Comedy ist ein gutes Beispiel dafür, ebenso wie bestimmte Sportarten, bei denen Athleten durch gelungene Zusammenarbeit mit ihren Teamkollegen brillieren. Obwohl die Ceilidhs, die ich in Inverness besucht habe, kostenlos waren, kauften die Zuschauer manchmal Bier für die Musiker oder warfen Münzen in einen Trinkgeldbecher.
Im Gegensatz zu Aufmerksamkeit und Zuneigung lässt sich der wechselseitige Flow selbst jedoch nicht zur Ware machen. Wenn man ihm einen Tauschwert zuweist, negiert man damit sein Wesen als natürlicher, rhythmischer Kreislauf des Gebens und Nehmens, in dem keine unmittelbare Gegenleistung erwartet wird. Das ist so, als würde man jemanden mit einem Schild mit der Aufschrift »Free Hugs« in der einen Hand sehen, während er in der anderen Hand eine Spendendose schüttelt. Wenn irgendeine Form der Bezahlung verlangt wird, dann sind die Umarmungen nicht mehr »kostenlos«. Während der Gebrauchswert von Zuneigung und Aufmerksamkeit zumindest teilweise erhalten bleibt, unabhängig davon, ob sie frei geteilt oder verkauft werden oder wie Schnee vom Himmel fallen, verliert der wechselseitige Flow seinen Gebrauchswert, sobald man ihn auf den Markt zerrt. Er basiert auf Großzügigkeit, einem Teilen von affektiven Ressourcen aus Fürsorge und nicht aus Eigeninteresse. Der Versuch, den wechselseitigen Flow zur Ware zu machen, tötet ihn. Das ist ein Problem für den Kapitalismus.
»Die Reichen kaufen sich unendlich viel Aufmerksamkeit und Zuneigung anderer Menschen, aber kein Geld der Welt kann ihnen die Erfahrung kaufen, vollständig in einen natürlichen Kreislauf des nicht-transaktionalen Gebens und Nehmens einzutauchen.«
Kapitalisten mögen den Wert des wechselseitigen Flows anerkennen und stimmen vielleicht sogar zu, dass ihm kein Tauschwert zugewiesen werden kann. Familienkonservative und rechte Ideologen erkennen beispielsweise an, dass kleine Kinder viel Zuneigung, Aufmerksamkeit und wechselseitigen Flow erfahren müssen, um ihre sozialen und kognitiven Fähigkeiten zu entwickeln. Traditionalisten erklären jedoch, dass die Zuwendung und Zuneigung für kleine Kinder ausschließlich durch den Zustand des wechselseitigen Flows erreicht werden könne und dass die Förderung dieses Zustands die unveräußerliche Verantwortung der Eltern – insbesondere der Mütter – sei, die dies aus einer »natürlichen« und biologisch begründeten Liebe zu ihren eigenen Kindern zu leisten hätten.
Obwohl zahlreiche Belege dafürsprechen, dass Säuglinge und Kleinkinder sehr gut von einer Vielzahl fürsorglicher Erwachsener (ob bezahlt oder unbezahlt) versorgt werden und sichere Bindungen zu ihnen aufbauen können, hat die allgegenwärtige Idealisierung der »besonderen Bindung« zwischen Mutter und Kind zur Folge, dass die Sorgearbeit von Frauen aus der produktiven Wirtschaft ausgeschlossen wird. In einer Gesellschaft, in der alles einen Preis hat, sind die Dinge, die »unbezahlbar« bleiben, verdächtig oft solche, aus denen Eliten Profite ziehen.
Gleichzeitig gibt es im Kapitalismus auch den Impuls, den Gebrauchswert von Dingen zu mindern, die sich der Kommodifizierung widersetzen. Während wir erwachsen werden, lehren uns hoch individualistische Gesellschaften, die Risiken davon zu fürchten, in einen Zustand gegenseitiger Abhängigkeit zu geraten, weil andere uns ausnutzen könnten. Freundlichkeit wird einem als Schwäche ausgelegt. Internationale Studien zeigen auffallend verschiedene Niveaus des sozialen Vertrauens in verschiedenen Ländern, wobei größere und großzügigere Sozialstaaten mit einem geringeren Misstrauen korrelieren.
In der siebten Welle der World Values Survey, durchgeführt zwischen 2017 und 2022, wurde zum Beispiel die Frage gestellt: »Würden Sie generell sagen, dass man den meisten Menschen vertrauen kann, oder dass man im Umgang mit Menschen sehr vorsichtig sein muss?« Die Mehrheit der Deutschen und Amerikaner gab an, dass man im Umgang mit anderen Menschen »sehr vorsichtig sein muss«: 54,5 Prozent in Deutschland und sogar 62,5 Prozent in den USA, verglichen mit nur 25,8 Prozent der Befragten in Dänemark und 26,9 Prozent in Norwegen.
In unerbittlichen kapitalistischen Gesellschaften mit hoher Ungleichheit lernen wir, uns vor denen zu schützen, die nur nehmen, aber selten geben. Uns wird gesagt, wir sollten uns aus »toxischen« Freundschaften zurückziehen und »needy« Partner besser loswerden. In einer Welt, in der Aufmerksamkeit und Zuneigung derart hochpreisig gehandelt werden, ist es töricht, sie frei zu teilen.
Liebe jenseits des Kapitalismus
Gesellschaften mit mehr Gerechtigkeit und weniger Ungleichheit, die das Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger in den Vordergrund stellen, schaffen die notwendigen Voraussetzungen für wechselseitigen Flow. Es braucht Zeit und Nähe, um mit anderen in einen Flow zu kommen, um die erlernte Buchhaltungsmentalität loszulassen und sich wieder einem Kreislauf des Gebens und Nehmens anzuschließen, ohne Kosten und Nutzen zu berechnen. Das ist der Grund, weshalb wir oft besonders gute Gespräche mit unseren Familien und alten Freundinnen führen. Wir fragen nicht mehr: »Was kann diese Person für mich tun?« Oder: »Was hat sie in letzter Zeit für mich getan?« Wir vertrauen darauf, dass sich der Flow mit der Zeit ausgleichen wird. Aber Zeit ist ein knappes Gut, und unter dem ständigen Stress instabiler Märkte kann Nähe eher zu Spannungen als zu Verbundenheit führen.
Der wechselseitige Flow ist ein wesentlicher Bestandteil der Liebe, aber der Kapitalismus verdrängt ihn. Selbst die wohlhabendsten Mitglieder unserer Gesellschaft bemerken diesen Niedergang. Die Reichen kaufen sich unendlich viel Aufmerksamkeit und Zuneigung anderer Menschen, aber kein Geld der Welt kann ihnen die Erfahrung kaufen, vollständig in einen natürlichen Kreislauf des nicht-transaktionalen Gebens und Nehmens einzutauchen, denn dieser ist in seinem Wesen nicht-transaktional. Sozialistinnen und Sozialisten haben dies seit jeher verstanden.
Im Kommunistischen Manifestschrieben Marx und Engels, das bürgerliche System habe in der Gesellschaft »kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ›bare Zahlung‹«. Damit habe der Kapitalismus jede echte menschliche Emotion »in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt« und »die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst«. 1923 schrieb Alexandra Kollontai über die »Kälte der seelischen Einsamkeit«, die Menschen in Wirtschaftssystemen empfinden, in denen Privateigentum unsere kollektiven Ideale der Liebe verzerrt. Sie imaginierte eine sozialistische Zukunft, in der die Menschen einen solchen Überfluss an wechselseitigem Flow genießen würden, dass der Verlust eines bestimmten Flows sich weniger verheerend anfühlen würde.
»Ein robusterer Sozialstaat und besserer Arbeitsschutz allein wird nicht ausreichen, um die strengen Beschränkungen zu überwinden, die Jahrhunderte des Kapitalismus unserer Liebe zu uns selbst und zueinander auferlegt haben.«
Auch Einstein war sich bewusst, dass Menschen dem natürlichen wechselseitigen Flow zwischen Individuen und Gesellschaft misstrauen könnten. Er vermutete, dass ein Mensch dies möglicherweise nicht als »etwas Positives, Organisches, als Schutzgewalt, sondern eher als eine Bedrohung seiner naturgegebenen Rechte oder sogar seiner ökonomischen Existenz« empfinden könnte. Vielmehr seien Menschen, die in einem System leben, in dem Tauschwerte über Gebrauchswerte gestellt werden, »unwissentliche Gefangene ihrer eigenen Ichbezogenheit« und fühlten sich »unsicher, einsam und des ursprünglichen, einfachen und schlichten Lebensgenusses beraubt«.
Würden wir in einer gerechteren Gesellschaft mit einem höheren Maß an sozialer Sicherheit und mehr Freizeit leben, hätten wir mehr Kapazitäten für echten wechselseitigen Flow. Die Kluft zwischen dem Gebrauchswert und dem Tauschwert von Aufmerksamkeit und Zuneigung würde kleiner werden. Das bedeutet nicht, dass sie überhaupt nicht kommodifiziert werden sollten – zumindest derzeit sind zu viele Menschen auf ihren Verkauf angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, und diese Arbeitenden sollten sich wie alle anderen Arbeitenden organisieren, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Aber wir müssen auch größer denken. Ein robusterer Sozialstaat und besserer Arbeitsschutz würden zwar den wechselseitigen Flow begünstigen, aber das allein wird nicht ausreichen, um die strengen Beschränkungen zu überwinden, die Jahrhunderte des Kapitalismus unserer Liebe zu uns selbst und zueinander auferlegt haben. Wir brauchen eine neue Politik der Liebe – eine, die sich aktiv der Logik von Akkumulation und Profit widersetzt, indem sie sich Freude, Mitgefühl, Verbundenheit und Solidarität neu annimmt. Diese Art von grenzenloser, unverfälschter Liebe wird erst nach dem Kapitalismus möglich sein – einem System der Knappheit, das im grundlegenden Widerspruch zu der Großzügigkeit steht, von der die Liebe abhängt. Wir müssen für eine neue Welt kämpfen, in der wir alle die Ressourcen haben, um die Zeit und Nähe zu teilen, die erforderlich sind, um die naiven und einfachen Freuden am natürlichen Kreislauf des Gebens und Nehmens zu genießen.