Oliver Hans hat einen Job, von dem viele Menschen gar nicht wissen, dass er gemacht wird: Er handelt mit Kirchenvermögen auf den Finanzmärkten. Schon in seiner Jugend verzockte er sein Kommunionsgeld an der Börse. Heute leitet der ehemalige Chef der Stuttgarter Börse die katholische Caritas Stiftung Stuttgart, wo er rund 100 Millionen Euro verwaltet. Damit ist er aber nur ein kleiner Fisch im Meer des Kirchenkapitals. Nach Schätzungen des Kirchenexperten Carsten Frerk besitzen die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland zusammen ein Vermögen von rund 300 Milliarden Euro, aufgeteilt auf etliche Bistümer und noch mehr Unternehmen. Das entspricht ungefähr dem Besitz der 5 reichsten deutschen Familienclans.
Das Kapital der Kirche ist weit gestreut: Dutzende Milliarden Euro kursieren als klassisches Börsenkapital am Finanzmarkt. Dazu kommt ein Immobilienkapital von zehntausenden Grundstücken, von Kirchengeländen bis zu Beständen von Wohnungskonzernen. Die Kirche verfügt über Finanzkapital samt eigenen christlichen Hausbanken oder Investmentfonds zur Vermögensverwaltung. Und sie hält Produktivkapital in Form von Krankenhäusern, Kindertagesstätten und anderen sozialen Einrichtungen. 1,8 Millionen Menschen arbeiten direkt oder indirekt für die christlichen Kirchen – und zwar weitestgehend ohne Streikrecht und bei gelockertem Kündigungsschutz: Wildwest-Kapitalismus im Namen Gottes.
Vom Christenkommunismus zum Kirchenkapitalismus
Im Jahr 1905 veröffentlichte Rosa Luxemburg den EssayKirche und Sozialismus. Darin unterteilt sie die Geschichte der Kirche in vier Phasen: Vom 1. bis zum 3. Jahrhundert setzten sich christliche »Kommunisten« für eine Verbrauchsgemeinschaft ein, bei der die Gläubigen alles untereinander teilten – Nahrung, Kleidung, Unterkünfte. Im 4. Jahrhundert, als sich das Christentum immer weiter verbreitete, wurden die Ressourcen vermehrt für die Geistlichkeit und die Bedürfnisse der Kirche selbst verwendet. Im 5. Jahrhundert wurde das Kirchenvermögen geviertelt auf den Bischof, die Geistlichkeit, den Kirchenbau und die Unterstützung der Armen aufgeteilt. Und im 6. Jahrhundert verband sich die Kirche »mit den anderen Ausbeutern und Schindern des Volkes: mit Fürsten, Landadel und Wucherern«, so Luxemburg. Diese vierte Phase hat nie so richtig aufgehört.
»Die Kirche verdient daran mit, dass den Krankenschwestern im Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar der Tarifvertrag verwehrt wird, und die christliche Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft mbH fährt mit ihren über 26.500 Wohnungen Multimillionengewinne ein.«
Der wohl gefährlichste Moment für die Ausbeuterkirche war die Französische Revolution. Vorher besaß die Kirche rund ein Fünftel des Bodens in Frankreich. Im Zuge der Säkularisierung wurde das kirchliche Vermögen erst links und dann auch rechts des Rheins verstaatlicht. Doch nach Napoleons Tod kehrte sich die Umverteilung um: Die Kirchengebiete wurden neu aufgeteilt und regionale Kirchensteuern eingeführt.
PAYWALL
1875 wurde im Zuge von Otto von Bismarcks sogenanntem Kulturkampf das Brotkorbgesetz erlassen, das Staatszuschüsse an die Kirche untersagte, bis sie den preußischen Gesetzen nachkamen. Gleichzeitig wurde gesetzlich festgelegt, dass die Kirchen sich künftig nur noch über Beiträge der Gläubigen finanzieren sollten. Damit wurde die kirchliche Mehrwertaneignung abermals eingeschränkt. Nichtsdestotrotz schafften es kirchliche Privilegien wie die Kirchensteuer noch 1919 in die Verfassung der Weimarer Republik. Zugleich wurde das kirchliche Selbstordnungs- und Selbstverwaltungsrecht geschaffen, das Streiks und Tarifverhandlungen bei christlichen Arbeitgebern ausschließt und Kündigung aufgrund von Kirchenaustritt ermöglicht.
Unter den Nationalsozialisten wurde die Evangelische Kirche weitgehend ins Regime integriert. Ähnlich war es bei den Katholiken: Der Papst schloss sogar ein Konkordat mit den Nazis – nicht zuletzt, um das Kircheneigentum zu schützen. Nach der Nazizeit wurde 1949 das Ende aller Staatsleistungen für die Kirche in die BRD-Verfassung aufgenommen, allerdings bis heute nicht umgesetzt. Dafür wurde nach der Wende das in der DDR vergesellschaftete Kirchenvermögen zurückgegeben oder finanziell entschädigt. Die Kirche lässt sich ihren Status als Großbesitzer einfach nicht nehmen.
»Im Schweiße deines Angesichts«
Heute ist das kirchliche Vermögen in Deutschland im internationalen Vergleich eines der größten der Welt, sagt der Präsident der Vatikanbank. Auch die sinkenden Kirchensteuereinnahmen aufgrund schwindender Kirchenmitgliedschaft dürften darauf keinen Einfluss haben. Denn die Kapitalrendite, die insbesondere Außenstehende für die Kirche erwirtschaften, dürfte ein Vielfaches der Steuereinnahmen betragen.
Mittlerweile wird zwar nach christlichen Wertvorstellungen investiert – somit sind bestimmte Sektoren wie Rüstung oder Glücksspiel sowie Länder, die zum Beispiel Menschenrechte verletzen, nach eigenen Angaben von der Investitionstätigkeit ausgeschlossen. Das macht es aber nicht besser, wenn die Kirche daran mitverdient, dass den Krankenschwestern im kirchlichen Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar der Tarifvertrag verwehrt wird, oder wenn die christliche Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft mbH mit ihren über 26.500 Wohnungen Multimillionengewinne einfährt.
Über ihre weltweiten Kapitalanlagen eignet die Kirche den Mehrwert unzähliger Arbeiterinnen und Arbeiter an. An diesem ungeheuren Kapital ändert auch das häufig geforderte Ende der Kirchen-Subventionen nichts. Wer es ernst meint, muss wie immer an die Produktionsmittel heran, auch an die der Kirche.