Sinkende Geburtenraten haben sich in den vergangenen Jahren zum politischen Streitthema entwickelt. Während Rechte wie Elon Musk darin »das größte Risiko für den Westen« sehen und fordern, die reproduktiven Rechte von Frauen zurückzudrehen, ignorieren viele Linke das Thema oder unterschätzen die Komplexität des Problems.
Lange galten die skandinavischen Länder als Vorbild in Sachen Familienförderung, doch inzwischen sinken selbst dort die Geburtenraten massiv. Anna Rotkirch erforscht diese Paradoxie seit Jahren. Die Soziologin lehrt an der Universität Helsinki, leitet die Forschungsabteilung der finnischen Familienorganisation Väestöliitto und erarbeitet konkrete familienpolitische Empfehlungen für Finnlands Regierung. Ihre Forschung zeigt, warum selbst vorbildliche Sozialsysteme das demografische Problem nicht automatisch lösen – und was die Politik stattdessen tun müsste, um Menschen zu ermöglichen, die Familien zu gründen, die sie wollen.
Frau Rotkirch, in Deutschland ist die Geburtenrate inzwischen auf 1,38 Kinder pro Frau gesunken und liegt damit deutlich unter der eigentlich notwendigen Zahl von 2,1. Müssen wir uns Sorgen machen?
Es ist erstmal wichtig zu verstehen, wie rasant dieser Wandel vor sich geht. In Finnland hat sich die Geburtenrate seit 2010 um etwa ein Drittel reduziert. Mit meiner Forschungsgruppe untersuchen wir nicht nur die Geburtenraten, sondern auch, wie viele Kinder die Menschen überhaupt haben möchten. Und das Problem scheint vor allem in der steigenden ungewollten Kinderlosigkeit zu liegen. Die Menschen schaffen es also nicht, die Familien zu gründen, die sie sich wünschen. Und das hängt auch mit der sozialen Ungleichheit zusammen.
Inwiefern?
Nehmen wir Finnland: Diejenigen, für die es am unwahrscheinlichsten ist, Kinder zu bekommen oder eine langfristige Beziehung zu führen, sind Männer mit niedrigem Bildungsgrad. Wir sprechen hier wirklich von dramatischen Zahlen: Derzeit haben fast vier von zehn Männern mittleren Alters mit niedrigem Bildungsgrad keine Kinder – im Vergleich zu zwei von zehn Männern mit hohem Bildungsgrad. Und die meisten von ihnen möchten Kinder haben.
»Die meisten Menschen wünschen sich nach wie vor eine stabile Partnerschaft und Kinder. Das zu ermöglichen, sollte der Ausgangspunkt von Politik sein.«
Was die Gesellschaft insgesamt angeht: Es werden Schulen schließen, die Staatshaushalte unter Druck geraten und junge Erwachsene viel einsamer sein, wenn ihnen Partner und Kinder fehlen. Für mich ist das dringendere Problem aber, dass Menschen, die gerne Kinder hätten, sich diesen Wunsch nicht erfüllen können.
PAYWALL
Auf der Rechten heißt es ja immer, dass die sinkenden Geburtenraten langfristig zum Zivilisationskollaps führen werden. Aber wenn ich Sie richtig verstehe, müssen wir uns darüber eigentlich keine Sorgen machen. Das Problem ist vielmehr ungewollte Kinderlosigkeit.
Ja, genau. Panikmache sorgt zwar für Schlagzeilen, aber selbst bei dramatisch sinkenden Geburtenraten wissen wir, dass sie auch wieder steigen können und dass politische Maßnahmen nur allmählich Wirkung zeigen. Unsere Untersuchungen zeigen, dass die meisten Menschen sich nach wie vor eine stabile, feste Partnerschaft und Kinder wünschen. Das zu ermöglichen, sollte der Ausgangspunkt von Politik sein.
Progressive haben ja lange mit großen Augen auf die skandinavischen Länder und ihre familienpolitischen Maßnahmen geschaut: Auf die Elternzeit, die subventionierte Kinderbetreuung und die sozialen Sicherheitsnetze. Aber jetzt sinken auch dort die Geburtenraten.
Ja, noch vor 25 Jahren ging man davon aus, dass sich die Geburtenraten erholen würden, wenn alle unsere Gleichstellungspolitik und fortschrittliche Familienpolitik übernehmen würden. Das müssen wir inzwischen infrage stellen. Deutschland hat das finnische Rezept übrigens übernommen und die Familienleistungen noch großzügiger gestaltet. Eine Zeit lang hat das die Geburtenrate erhöht, inzwischen sinkt sie aber wieder. Finnland gehört wie Schweden und Norwegen zu den Ländern mit der größten Gleichstellung der Geschlechter weltweit, unsere Geburtenraten sind aber so niedrig wie in Chile.
Die Lehre aus den nordischen Ländern ist also, dass Gleichstellungspolitik wichtig ist, aber mehr Gleichstellung nicht automatisch zu höheren Geburtenraten führt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die nordische Familienpolitik ist sehr gut für das Wohlbefinden von Eltern und Kindern. Aber sie reicht nicht aus, um die Geburtenkrise zu lösen.
Sie haben angedeutet, dass sich vielleicht etwas geändert hat an der Art, Beziehungen zu führen. Was genau passiert da?
Genau das ist ein wichtiger Grund für die niedrigere Zahl von Geburten. Etwa 75 Prozent des Rückgangs in Finnland in den letzten fünfzehn Jahren ist auf weniger erste Kinder zurückzuführen. Das heißt, diejenigen, die schon Mütter sind, haben oft auch noch weitere Kinder – das Problem ist der Schritt zum ersten Kind. Fragt man Menschen, was sie daran hindert, ein Kind zu bekommen, nennen sie als erstes, dass sie keinen passenden Partner finden. Zwar leben viele, wie vor zwanzig Jahren, mit Mitte zwanzig zum ersten Mal mit ihrem Partner zusammen. Aber diese erste Partnerschaft führt seltener zu einem Kind. Sie trennen sich also, bevor sie Kinder bekommen.
Die Beziehungen werden also instabiler. Aber passt das nicht zu dem, was Rechte für die Ursache des Geburtenrückgangs halten: Dass der Feminismus die Beziehungen destabilisiert hat, indem er die Ansprüche vieler Frauen erhöht und dafür gesorgt hat, dass sie keine Lust mehr auf die Rolle als Mutter haben?
Naja, was ich hier nenne, sind erstmal Fakten. Was die genauen Gründe dafür sind, ist schwer zu sagen. Es gibt grob drei Hypothesen: Einerseits die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen und der Fakt, dass Männer da nicht mithalten. Junge Frauen verdienen mittlerweile oft mehr als junge Männer. Weil das Einkommen für heterosexuelle Frauen bei der Partnerwahl eine große Rolle spielt, macht es das für viele schwieriger, einen Partner zu finden.
»Alle – auch Konservative – sagen, man solle studieren, arbeiten, reisen. Wo da die Familiengründung reinpasst, sagt einem keiner.«
Ein zweiter Grund ist die regionale Diskrepanz zwischen dem Ort, an dem junge Erwachsene leben möchten, und dem Ort, an dem sie es sich aufgrund der hohen Lebenskosten leisten können. Und schließlich spielen auch Dating-Apps, soziale Medien und die zunehmende Bildschirmzeit eine Rolle. All diese Faktoren tragen dazu bei, aber keine dieser Erklärungen scheint mir eher rechts- oder linkslastig zu sein.
In einem kürzlich erschienenen Essay haben Sie darauf hingewiesen, dass die Darstellung von Mutterschaft in den sozialen Medien die Absichten potenzieller Eltern beeinflussen kann.
Ja, es gibt immer mehr Forschungsergebnisse, die einen Zusammenhang zwischen sozialen Medien und einer geringeren Geburtenrate herstellen. Ein aktuelles Experiment zum Kinderwunsch hat zum Beispiel ergeben, dass dieser möglicherweise weniger stabil ist, als wir dachten. Wenn die Studienteilnehmer Bilder von glücklichen Eltern gesehen haben, weckte das nämlich einen sofortigen, aber anhaltenden Wunsch nach Kindern. Das Gegenteil traf ebenfalls zu: Content, der Ängste in Bezug auf eine Schwangerschaft hervorruft, kann dazu führen, dass man weniger Kinder haben möchte.
Die Inhalte, zum Beispiel auf TikTok, sind stark polarisiert: Idealisierte Tradwives und Mütter mit dreizehn Kindern auf der einen Seite und beängstigende Schwangerschaftsgeschichten und die Message, dass man besser allein bleiben sollte, auf der anderen. Einer der ersten Beiträge, die ich auf TikTok gesehen habe, empfahl Frauen, dass sie ohne Freunde besser dran wären. Dabei zeigt die Wissenschaft, dass es einem besser geht, wenn man Freunde hat – und der romantische Partner gehört zu den einflussreichsten Faktoren für das Wohlbefinden.
Als Feministin finde ich das interessant. Feministinnen haben heterosexuelle Ehen schon immer kritisiert, aber »alleine ist man besser dran« war nicht gerade die Idee dahinter. Es ging um Solidarität, nicht darum auf seine Freunde zu verzichten, weil sie vermeintlich toxisch sind.
Ein Faktor, den Sie in der Vergangenheit benannt haben, scheint auch zu sein, dass viele junge Menschen heute vermeintlich spannendere Dinge mit ihrem Leben anfangen wollen und in Studien angeben, dass ein Kind ihren Lebensstil zu sehr beeinträchtigen würde. Betrachten Sie das auch als Ergebnis eines liberaleren Feminismus?
In der Vergangenheit habe ich mich mit Feministinnen der ersten Generation wie Alexandra Kollontai und Emma Goldman beschäftigt. Für sie ging es darum, Frauen zu befreien, damit sie ein anderes Leben führen konnten. Es ging nicht darum, wichtige Beziehungen an sich zu vermeiden. Ich weiß nicht, wann dieser sehr starke Individualismus Teil des Feminismus wurde.
Aber trotz dieses Individualismus wünschen sich die meisten Frauen noch immer einen festen Partner und Kinder – und zwar mindestens zwei. Wir sehen diesen Trend, bei dem Menschen ein Kind als die Krönung ihres Lebens betrachten. Infolgedessen ist das Alter bei der ersten Geburt stark gestiegen. Genau das führt dazu, dass mehr Menschen kinderlos bleiben und es weniger wahrscheinlich wird, mehr als zwei Kinder zu bekommen. Wenn man erst mit 32 Jahren anfängt, sinken die Chancen, mehrere Kinder zu bekommen, drastisch. Die höchste Fruchtbarkeit haben Frauen im Alter von 24 Jahren.
Das wird bei den Appellen an die junge Generation vergessen. Alle – auch Konservative – sagen, man solle studieren, arbeiten, reisen. Wo da die Familiengründung reinpasst, sagt einem keiner. Mein eigener dreißigjähriger Sohn war schockiert, als ich ihm zeigte, wann man anfangen sollte, Kinder zu bekommen, wenn man mehr als eines haben möchte.
Wie passt das zum letzten UN-Bericht zu diesem Thema, der gezeigt hat, dass die wichtigsten Hindernisse, die Menschen für ihren unerfüllten Kinderwunsch weltweit angeben, erstens finanzielle Einschränkungen, zweitens Arbeitsplatzunsicherheit und drittens Wohnkosten sind? Anders als der Lebensstil und die Beziehungen wäre das ja alles durch politische Maßnahmen recht einfach zu bewältigen.
Eine gute Wirtschaft ist natürlich das Fundament; günstige Wohnungen und gute Beschäftigungsaussichten sind wichtig. Aber in den skandinavischen Ländern hat sich in den letzten zwanzig Jahren wirtschaftlich nichts so drastisch verändert, dass es den aktuellen Rückgang der Geburtenrate erklären könnte. Es sind andere Dinge, die sich verändert haben. Wir haben zum Beispiel heute sehr hohe Erwartungen an Eltern. Das stresst wiederum die Eltern, was kinderlose Menschen abschreckt. Wir brauchen also bessere Unterstützung für junge Eltern im Alltag.
»Unser Lebensstil steht im Grunde im Widerspruch zum Körper von Frauen. Das ist nicht die Schuld der Frauen, sondern die Schuld des Kapitalismus.«
Und klar, auch Geld kann helfen – warum also nicht mehr Kindergeld für das erste Kind geben und mehr für jüngere Eltern, die tendenziell ärmer sind? Eine Vorauszahlung für die Geburt des ersten Kindes in jüngeren Jahren würde signalisieren, dass Kindererziehung erstens kostspielig ist, zweitens ein öffentliches Gut darstellt und dass wir drittens als Gesellschaft diejenigen unterstützen, die sich dafür entscheiden, diese Aufgabe auf sich zu nehmen. Wahrscheinlich werden wir eine Politik brauchen, die junge Familien priorisiert, wenn wir den Trend sinkender Geburtenraten stoppen wollen.
Weil Menschen realistisch gesehen nur dann so viele Kinder haben können, wie sie wollen, wenn sie früh anfangen, sollte der Staat also jüngere Eltern stärker unterstützen als ältere Eltern?
Wenn wir wollen, dass die Menschen mehr Kinder bekommen, müssen sie sie viel früher bekommen. Unser Lebensstil steht im Grunde im Widerspruch zum Körper von Frauen. Das ist nicht die Schuld der Frauen, sondern die Schuld des Kapitalismus. Trotzdem sollte die Linke fragen: Was ist eigentlich unser Bild eines guten Lebens? Die Rechte gibt darauf Antworten, aber die passen nicht für alle. Nur eine kleine Minderheit wird je ein Leben als Tradwife führen können. Die Linke müsste mehr anbieten als: »Jeder macht einfach immer das, was er will.« Als moralisches Leitbild reicht das nicht aus.