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Ja, die Ukraine ist ein echtes Land

Ihre Grenzen sind nicht mehr und nicht weniger willkürlich als die von Deutschland.

Ja, die Ukraine ist ein echtes Land
»Die Ukraine ist wirtschaftlich weniger gespalten als Großbritannien, sprachlich weniger gespalten als Kanada und politisch weniger gespalten als die USA.«Illustration: Markus Stumpf
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Im Jahr 2014, als Russland die Krim von der Ukraine annektierte, veröffentlichte die renommierte britische Literaturzeitschrift London Review of Books einen Artikel des Philosophen Glen Newey. Dessen Titel »Remember Eastern Rumelia« bezog sich auf den kurzlebigen Staat Ostrumelien, der im späten 19. Jahrhundert gegründet wurde. Er sollte die panslawischen Ambitionen im untergehenden Osmanischen Reich eindämmen, wurde aber bald vom unabhängigen Bulgarien absorbiert. 

Die Implikation war eindeutig – auch die Ukraine sei ein künstlicher Staat, ein Protektorat des Westens, dessen Grenzen bedeutungslos seien und der von der Geschichte vergessen werden würde wie Ostrumelien, an das sich höchstens erinnert, wer seltene Briefmarken sammelt. Der Name Rumelien erinnert an Ruritanien, ein fiktives Königreich, das sich der Schriftsteller Anthony Hope als Handlungsort für seinen Roman Der Gefangene von Zenda von 1894 ausdachte. Ruritanien wird zumeist in Osteuropa verortet und steht für albernen Prunk für die Herrschenden und Armut für die Bevölkerung – das europäische Äquivalent einer Bananenrepublik.

Im Vorfeld von Russlands jüngstem Einmarsch in die Ukraine wurde in Nischen der gesellschaftlichen Linken schon mal darüber spekuliert, ob die Grenzen des Landes nicht effektiver gezogen werden könnten. Vielleicht könnten sich Wladimir Putin und Joe Biden zusammensetzen und entscheiden, welche Teile der Ukraine an ihren östlichen Nachbarn abgetreten werden sollten. Etwa zu dieser Zeit veröffentlichte eine Organisation der britischen Linken wider besseres Wissen eine Karte des Landes, auf der die Krim, die völkerrechtlich als Teil der Ukraine anerkannt ist, als Gebiet Russlands eingezeichnet war. 

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Diese Denkweise wird regelmäßig auf postsowjetische Staaten wie die Ukraine, Belarus, Moldawien und insbesondere die »Stans« in Zentralasien angewandt – Länder, deren ethnische Diversität, von sowjetischen Autoritäten gezogene Grenzen und plötzliches Auftauchen auf der Landkarte nach 1991 offenbar dazu einladen, an ihrer Realität zu zweifeln.

Das ist, auf ganz grundsätzlicher Ebene, Unsinn. Die Ukraine ist in derselben Weise unecht wie Italien oder Deutschland. Ihr »nationales Erwachen« im 19. Jahrhundert glich dem anderer Länder. Radikale aus den deklassierten Teilen der Gesellschaft konstruierten eine neue Identität auf Grundlage einer vorhandenen sprachlichen, kulturellen und religiösen Geschichte, die sich verschiedentlich von den Geschichten ihrer Nachbarn abhob. Es gab einen Nationaldichter (den Schriftsteller und Künstler Taras Schewtschenko, der aus der leibeigenen Bauernschaft stammte und sich gegen das Zarenreich stellte), eine Wiederbelebung der Volkskunst, eine Welle neuer Veröffentlichungen in der Landessprache und soziale Bewegungen, die Autonomie forderten. 

»Vor den 1940er Jahren fielen auch ganz andere Akteure in die Kategorie ›ukrainischer Nationalismus‹, wie die Ukrainische Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die die kurzlebige Ukrainische Volksrepublik von 1917–20 anführte.«

Nach der Oktoberrevolution führte dies zu einer kurzlebigen Unabhängigkeit, 1922 wurde die Ukraine dann als Mitglied mit dem Recht auf Abspaltung in die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken aufgenommen. 1945 wurden ihre Grenzen auf Kosten Polens, Rumäniens, Ungarns und der Tschechoslowakei ausgeweitet und 1991 machte sie in einem Referendum von jenem Abspaltungsrecht Gebrauch. Sämtliche Regionen dieses vielfältigen Landes stimmten damals für die Unabhängigkeit der Ukraine: die ländlichen Gebiete im Westen und im Zentrum, der russischsprachige industrielle Osten, der multikulturelle, maritime Süden und sogar die weitgehend »ethnisch russische« Autonome Republik Krim. 

Wie Weißrussland und Russland hat auch die Ukraine ihre Wurzeln in dem ausgedehnten frühmittelalterlichen Staat Kiewer Rus, der im 9. Jahrhundert von Wikingern gegründet wurde – ein erst heidnisches, dann orthodox christliches Fürstentum mit der Hauptstadt Kiew. Nach dem Zusammenbruch der Kiewer Rus infolge der Invasion der Mongolen fielen ihre Gebiete an Litauen, Polen, die Goldene Horde und später das Großfürstentum Moskau. 

Infolge einer Revolte löste sich der größte Teil der Rus von Polen ab und existierte eine Zeit lang als unabhängiges Hetmanat unter Führung des Heers der Kosaken. Das Gebiet der heutigen Ukraine wurde schließlich im 18. Jahrhundert größtenteils in das Zarenreich und zum kleineren Teil in die Habsburgermonarchie eingegliedert. Etwa zu dieser Zeit ließen sich ukrainischsprachige Kosaken in den »wilden Feldern« der ehemals von Turkstämmen dominierten Gebiete im Süden und Osten nieder, die die Zarin Katharina die Große als Neurussland bezeichnete.

Aufgrund dieser komplexen Geschichte erforderte die Schaffung einer unabhängigen Ukraine – auf Grundlage der Gebiete, in denen die Mehrheit nicht Polnisch und nicht Russisch, sondern die sogenannte ruthenische oder ukrainische, wörtlich »Grenzland«-Sprache, sprach – die Zusammenführung von Regionen, die seit vielen Jahrhunderten nicht mehr zur selben politischen Einheit gehört hatten. Ungewöhnlich erscheint das aber nur, wenn man ausblendet, dass im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts genau auf diese Weise die unabhängigen Staaten Italien, Deutschland, Griechenland, Polen und Rumänien entstanden. Auch sie wurden durch nationalistische Bewegungen, imperiale Kriege und populäre Aufstände aus verschiedenen Reichen und Fürstentümern zusammengeschustert.

Aber Italien, Deutschland, Polen, Griechenland – das sind doch Nationen »mit Geschichte«, echte Nationen, mit einer echten Literatur und einer echten Kultur? In Wirklichkeit gibt es in diesen Ländern vor dem 19. Jahrhundert kaum mehr Belege für ein gemeinsames Nationalbewusstsein als in der Ukraine. Die Unterscheidung zwischen »geschichtlichen« und »geschichtslosen« Völkern geht – jedenfalls in der Linken – auf Friedrich Engels’ Interpretation der Revolutionen von 1848 in Mitteleuropa zurück. Engels war verblüfft darüber, dass einige Bevölkerungsgruppen (wie die relativ gebildeten und organisierten Deutschen, Polen oder Italiener) sich in jenem Jahr gegen die Habsburgermonarchie erhoben, während andere (etwa die meist ländlichen und ungebildeten Tschechen, Slowenen, Rumänen oder Ukrainer) dies nicht taten. Basierend auf dieser Tatsache stellte Engels die These auf, dies sei auf das Fehlen einer kohärenten nationalen Kultur zurückzuführen. Passenderweise war es ein Ukrainer, Roman Rosdolsky, der dieses Argument in den 1960er Jahren auf marxistischer Grundlage widerlegte. Rosdolsky stellte infrage, dass man auf diese Weise dem einen Nationalismus Fortschrittlichkeit und einem anderen Rückständigkeit zuschreiben konnte. Vielmehr trage jeder Nationalismus beide Tendenzen in sich.

Die Ukraine ist da keine Ausnahme. Doch der Begriff »ukrainischer Nationalismus« bezieht sich heute in der Regel auf die Tradition des ukrainischen Faschismus, der in den 1930er Jahren im ehemaligen habsburgischen Teil der Ukraine, der nun von Polen kontrolliert wurde, unter der Führung von Stepan Bandera entstand – eine zweifellos rassistische und völkermörderische Bewegung. Vor den 1940er Jahren dagegen fielen auch ganz andere Akteure in die Kategorie »ukrainischer Nationalismus«, wie der Schriftsteller und Aktivist Iwan Franko, der erstmals das Kapital ins Ukrainische übersetzte; die reformistischen Sozialistinnen und Sozialisten der Ukrainischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die die kurzlebige Ukrainische Volksrepublik von 1917–20 anführten; und der revolutionäre linke Flügel der sogenannten Borotbisten, die sich auf die Seite der Bolschewiki stellten und dazu beitrugen, dass die Ukraine unter ihren eigenen Bedingungen, mit bedeutender nationaler und sprachlicher Autonomie, in die Sowjetunion eingegliedert wurde.

Seit der Unabhängigkeit tendiert die offizielle nationale Erinnerungskultur – insbesondere in der Westukraine – dazu, sich auf Banderas rechtsextreme Ukrainische Aufständische Armee zu berufen und das Unheil der kollektivierungsbedingten Hungersnot von 1932/33 als eine spezifisch ukrainische Katastrophe darzustellen, obwohl auch in Kasachstan und im Südwesten Russlands Millionen von Menschen starben. 

Und doch wurde im Jahr 2022 immer wieder auch die Erinnerung an den Kampf gegen Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg beschworen. Wie der ukrainische Sozialist Wolodymyr Artjuch anmerkte, wird in der mitreißenden Kriegsrhetorik von heute immer wieder Josef Stalin zitiert, auch wenn sich das niemand eingestehen mag. Denn wenn Ukrainerinnen und Ukrainer die Bombardierung von Charkiw mit der von Leningrad oder die Belagerung von Mariupol mit der von Stalingrad vergleichen, dann setzen sie sich selbst mit der Roten Armee der frühen 1940er Jahre gleich und Putins Streitkräfte mit der Wehrmacht. 

Die Ukraine ist insofern ein Konstrukt wie alle anderen Nationen auch. Sie ist vielfältig und ungleich, aber wirtschaftlich weniger gespalten als Großbritannien, sprachlich weniger gespalten als Kanada, politisch weniger gespalten als die USA und kulturell weniger gespalten als Italien. Unter Nationen ist die Ukraine nicht außergewöhnlich.

Owen Hatherley

Owen Hatherley ist Culture Editor bei »Tribune« und Autor mehrerer Bücher. Zuletzt ist von ihm »Red Metropolis: Socialism and the Government of London« bei Repeater erschienen.

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