»Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.« Dieses Bonmot, das August Bebel, dem ersten Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokratie, zugeschrieben wird, wirft ein unvorteilhaftes Licht auf unsere schnelllebige Zeit rasanter Veränderungen. Zumindest im kapitalistischen »Westen« drohen Gesellschaften geschichtslos und damit zukunftsunfähig zu werden.
Der 1. Mai, der internationale Kampftag der Arbeiterbewegung seit 1890, ist eines der wenigen Relikte, das noch zuverlässig an ihre Geschichte erinnert – auch weil er Jahr für Jahr viele Menschen zu mobilisieren vermag. Derweil zerfällt die einstige politische und soziale Doppelbewegung von Sozialdemokratie und Gewerkschaften mit ihren klassischen Arbeitermilieus und ihrer Erinnerungskultur. Wichtige Protagonisten des 20. Jahrhunderts, deren Namen noch viele deutsche Straßen zieren, stoßen auf Unkenntnis oder Gleichgültigkeit. Kaum jemand vermag etwas mit ihren Namen anzufangen, je jünger, desto weniger – oder nichts.
Hans Böckler, der erste Vorsitzende des DGB und »Vater der Mitbestimmung«, dessen Geburtstag sich unlängst zum 150. Mal jährte, ist eine dieser historischen Figuren. Während seiner Lebenszeit – von 1875 bis 1951 – wurde die einst randständige und revolutionäre Arbeiterbewegung mächtig und zugleich pragmatisch. Mehr noch: Die Umstände seines Lebens erklären die Disziplin und den Pragmatismus, mit denen die deutschen Gewerkschaften einerseits die Erfolge erzielten, von denen wir bis heute zehren, und sich zugleich so weit in die kapitalistische Ordnung einfügten, dass frühere, größere Ambitionen wie Wirtschaftsdemokratie oder gar demokratischer Sozialismus heute kaum noch denkbar erscheinen.
Der prototypische Arbeiterfunktionär
Böcklers Geburtsjahr 1875 markiert zugleich die Vereinigung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) und des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) – der späteren SPD. Die Partei hielt ideell am von Karl Marx vorgegebenen Ziel fest, die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse zu erreichen. Dabei herrschte jedoch Uneinigkeit in der Frage der Mittel: Parlamentarischer Reformismus oder revolutionäre Massenstreiks zur Niederringung des obrigkeitsstaatlichen Systems – so lässt sich der sogenannte Revisionismusstreit in der SPD, aber auch bei den freien Gewerkschaften zusammenfassen, der sich in den Antipoden Eduard Bernstein und Rosa Luxemburg personifizierte.
Gelingt es in arbeitsteiliger Manier, den Kapitalismus mittels erfolgreicher Wahlen, einer beharrlichen Sozial- und Tarifpolitik und mit Unterstützung mitgliederstarker Organisation zu zähmen oder zu überwinden? Bricht er gar irgendwann zusammen, ohne dass eine soziale Revolution notwendig wäre, um die Emanzipation der Arbeiterklasse zu erkämpfen? Haben Kritiker wie Robert Michels recht, wenn sie am Vorabend des Ersten Weltkrieges darauf hinweisen, dass die immer mächtiger werdenden Gewerkschaften (2,5 Millionen Mitglieder) samt SPD (1.086.000 Mitglieder, 4.250.000 Wähler) zum Selbstzweck werden, und deren Funktionäre nicht für, sondern von den Organisationen leben, die sich – obzwar weiterhin inmitten harter Auseinandersetzungen mit Staat und Unternehmen – in das System integriert haben?
Allerdings handelt es sich bei diesem Integrationsprozess um keinen Automatismus. Oftmals beruht er auf einem moralisch-fundierten oder weltanschaulich-verbrämten Pragmatismus der Arbeiterfunktionäre, die verwirklichbare Ziele verfolgen und dabei risikoavers handeln wollen. Das zeigt sich an der Vita von Hans Böckler besonders deutlich.
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»Militärdienst, Familiengründung, harte Arbeit mit langen Arbeitszeiten im Rahmen einer Sechs-Tage-Woche und gewerkschaftspolitisches Engagement prägten Böcklers Alltag.«
Nach dem frühen Tod des Vaters begann der damals dreizehnjährige Böckler in Fürth, einem Zentrum der Blattmetallherstellung, eine Lehre als Metallschläger, weil er die Familie miternähren musste. Mit neunzehn wurde er Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbands (DMV) und der SPD. Militärdienst, Familiengründung, harte Arbeit mit langen Arbeitszeiten im Rahmen einer Sechs-Tage-Woche und gewerkschaftspolitisches Engagement prägten seinen Alltag.
Diese Einbindung in ein Räderwerk mit wechselseitigen Abhängigkeiten und damit verbundenen Moralvorstellungen dominierte die deutsche Gesellschaftsgeschichte – ja den westlichen Kapitalismus überhaupt – bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Vor diesem Hintergrund begann Böcklers vielversprechende Partei-, vor allem aber Gewerkschaftskarriere mit vielen Stationen als hauptamtlicher DMV-Sekretär im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Von der Pike auf internalisierte Böckler Arbeitsethos, Verantwortungsbewusstsein und Organisationsdisziplin. Entsprechend besann er sich auf das Machbare – ein Bedürfnis nach großen politischen Visionen verspürte er weniger.
Sein Biograf Ulrich Borsdorf betont, dass Böckler – und mithin viele proletarische Familien – aus ihren schwierigen Arbeitsbedingungen und ärmlichen Lebensverhältnissen eher einen »politisch begründeten Anspruch auf ›Gerechtigkeit‹« ableiteten als den Willen, die gesellschaftlichen Verhältnisse umzuwälzen. Diese – auch mit christlichen Bezügen verknüpfte – Prägung erweist sich auch im Falle Böcklers als biografische Konstante. »Wenn Böckler [nach 1945] die Forderung nach Gleichstellung von Kapital und Arbeit formulierte, hatte dies tiefe lebensgeschichtliche Wurzeln, ging über reine Interessenvertretung hinaus, war Ausdruck einer genuin moralischen Position«, so Borsdorf.
Diese Position findet sich auch in Böcklers viel zitiertem Leitmotiv wieder, das er auf dem Gründungskongress des DGB von 1949 formulierte: »Mittelpunkt ist der arbeitende Mensch« – dieser sei »der weitaus wichtigste Produktionsfaktor, inmitten allen wirtschaftlichen Geschehens«. Ihm müsse der Platz eingeräumt werden, auf den er »ein für alle Mal Anspruch hat«.
Nach dieser produktions- und erwerbszentrierten Sichtweise erhält derjenige gesellschaftliche Anerkennung, der arbeitet, wobei sich auf die Arbeit auch die persönliche Identität gründet. Die Rückseite dieser Überzeugung bildet die abgründige Floskel des Apostel Paulus, die noch 2010 der Sozialdemokrat Franz Müntefering mit Bezug auf die nach Peter Hartz benannten Arbeitsmarktreformen wiederholte: »Wer nicht arbeitet, der soll nicht essen.«
Diese Doppeldeutigkeit hatte Konsequenzen für das Handeln vieler Arbeiter und prägte den individuellen Lebens- oder sogar den gesamten Organisationsrhythmus. So wie Ungerechtigkeitsempfindungen aufgrund von Ausbeutung bei Böckler und vielen Mitstreitern kollektive Empörung und damit auch Proteste auslösen konnten, kann der arbeitende Mensch als Maß aller gewerkschaftlichen Dinge auch zum ideologischen Selbstzweck und zur fatalistischen Affirmation des stummen Zwanges der Verhältnisse werden.
Treue zur Organisation
Die zweite Richtschnur des pragmatischen Arbeiterfunktionärs liefern natürlich die Beschlüsse und Satzungen der jeweiligen Organisation, für die man tätig ist. Paradigmatisch dafür steht Böcklers tiefe Loyalität gegenüber dem DMV. Weder während des Ersten Weltkriegs, wo er an der Front, dann bei der Durchsetzung des umstrittenen, auch gegen Arbeiterproteste gerichteten Hilfsdienstgesetzes mitwirkte, noch während der Novemberrevolution, wo er zum Sekretär in der Zentralarbeitsgemeinschaft (ZAG) avancierte, stellte Böckler die gewerkschaftliche Beschlusslage infrage.
1918/19 wurde der Ruf nach gesellschaftlicher Neuordnung lauter, genauer nach demokratischer Kontrolle der Wirtschaft durch einen Reichsrätekongress unter dem Schlagwort »Sozialisierung«. Durch das sogenannte Stinnes-Legien-Abkommen zwischen Gewerkschaften und Unternehmensverbänden geschah das Gegenteil. Zwar beschloss man den Acht-Stunden-Tag und die Gleichstellung von Kapital und Arbeit, trug aber maßgeblich dazu bei, »Ruhe und Ordnung« zulasten der kriegsmüden Bevölkerung herzustellen sowie bestehende Macht- und Eigentumsstrukturen der herrschenden, oftmals kaisertreuen Klassen zu bewahren. Die ZAG-Politik führte Sozialisierungspläne ad absurdum und bewirkte einen massiven Vertrauens- und Mitgliederrückgang bei den Gewerkschaften, mitunter auch beim mächtigen DMV.
»Böcklers Blick nach vorne richtete sich weniger auf eine sozialistische Vision als darauf, eine neue Demokratie zu wagen, die eine politische und soziale Demokratie sein müsse.«
Nach dem ZAG-Intermezzo leitete Böckler ab 1920 die Verwaltungsstelle des DMV in Köln und avancierte zum Bezirksleiter des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes Rheinland und Westfalen-Lippe. Bereits im Kölner Stadtparlament vertreten, wurde er zudem 1928 für die SPD in den Reichstag gewählt. In den 1920er Jahren begann auch die Zusammenarbeit zwischen Böckler und dem marxistischen Sozialdemokraten Viktor Agartz, die weitreichende Bedeutung für die Programmatik des DGB zwischen 1945 und dem Bruch des DGB mit Agartz 1957 erlangen sollte. Borsdorfs Böckler-Biografie legt nahe, »dass Agartz’ Vorstellung einer sozialistischen Wirtschaftsordnung die bei Böckler angelegten Stränge ›Gemeinwirtschaft – Planwirtschaft – Wirtschaftsdemokratie‹, verstärkt von den negativen Erfahrungen der nationalsozialistischen Wirtschaftsanarchie, zum Klingen gebracht hat«.
Die kampflose Niederlage der Arbeiterbewegung 1933 nahm Böckler hin. Es bleibt Borsdorf zufolge offen, ob er den »Anpassungs- und Unterwerfungskurs der ADGB-Spitze von der Erklärung an Hitler am 21. März 1933 bis zum Maiaufruf am 19. April kritisiert oder mitgetragen hat«. Von einzelnen Kontakten zu Kollegen oder zum Widerstand um Wilhelm Leuschner abgesehen, verhielt sich Böckler während der NS-Diktatur weitgehend unauffällig, zumal er unter polizeilicher Beobachtung stand. Indessen erwarb er im und über das Rheinland hinaus so viel biografisches Kapital, dass der nunmehr siebzigjährige 1945 »von allen Gewerkschaftern ohne weiteres als der Mann anerkannt [wurde], der den Wiederaufbau der Gewerkschaften vornehmen kann«, wie Werner Hansen feststellte, der am amerikanischen Office of Strategic Services (OSS) arbeitete und wenig später zum engsten Mitarbeiter Böcklers wurde.
Böckler verfügte als Antifaschist und Organisationsfachmann bei den britischen Besatzungsoffizieren über genügend Autorität, um schrittweise den umstrittenen Aufbau gewerkschaftlicher Industrieverbände durchzusetzen. Ohne Gegenkandidat wurde er im Oktober 1949 auf dem DGB-Gründungskongress in München zum ersten Vorsitzenden gewählt. Diese Position machte ihn zu einer Schlüsselfigur im Ringen um die Nachkriegsordnung in Westdeutschland.
Wiederaufbau oder Neuaufbau?
Nach Kriegsende antizipierten viele Sozialisten, Kommunisten und andere Antifaschisten eine sozialistische Neuordnung der Wirtschaft. Der Kapitalismus mitsamt seinen Besitzverhältnissen und Strategien der Profitmaximierung galt ihnen als systemischer Treiber des verheerenden Zweiten Weltkriegs. Indessen war Böcklers Handeln von »Schuld- und Pflichtbewusstsein« angetrieben – Schuld wegen der Opfer, die die nationalsozialistische Gewaltherrschaft auf sich geladen hatte, sowie Pflicht gegenüber der deutschen Bevölkerung, die vor einem Trümmerhaufen stand, den er und die überlebenden Gewerkschaften abzuräumen begannen. Sein Blick nach vorne richtete sich weniger auf eine sozialistische Vision als darauf, eine neue Demokratie zu wagen, die im Sinne des sozialdemokratischen Staatsrechtlers Hermann Heller eine politische und soziale Demokratie sein müsse.
Tatsächlich blieben die Besitzverhältnisse unverändert. Verstaatlichungen wurden abgelehnt und das bereits in der Weimarer Republik diskutierte Konzept der Wirtschaftsdemokratie als Weg zum sozialistischen Ziel blieb umstritten. Anders als Agartz und viele Zeitgenossen vermied es Böckler, vom »Sozialismus« zu sprechen. Für ihn gab es auch keine »Klassengegner« mehr. Vielmehr müssten die Gewerkschaften in den Vorständen und Aufsichtsräten gleichberechtigt vertreten sein. Böckler plädierte für eine Sozialpartnerschaft im Sinne einer sozialen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung zwischen Arbeit und Kapital.
Daran knüpfte die Forderung nach einer umfassenden Mitbestimmung in einer regulierten Marktwirtschaft an, in deren Mittelpunkt der arbeitende Mensch und nicht die Verfügung über Eigentum zu stehen habe. Diese Vorstellung war auch bei Anhängern eines christlichen Sozialismus und mit der christlichen Soziallehre vereinbar. Einer ihrer wichtigsten Wortführer, der CDU-Politiker und langjährige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Karl Arnold, ein Weggefährte Böcklers, konnte sich damit anfreunden. Gleiches gilt für den überparteilichen Charakter der Einheitsgewerkschaft, die der von Böckler geführte DGB verkörperte.
»Die Mitbestimmung ist ein Relikt einer angestrebten sozialistischen Demokratisierung der Wirtschaft.«
Angesichts des Kalten Krieges, ungleicher Kräfteverhältnisse zwischen der Arbeiterschaft auf der einen und dem Kapital, den Besatzungsmächten und den wiedererstarkten bürgerlichen Parteien auf der anderen Seite, schien 1951 der Weg frei für die Zementierung eines als »historisch« gefeierten Kompromisses in der Kohle- und Stahlindustrie. Dort hatten die Westalliierten nach Kriegsende eine paritätische Mitbestimmung gewährt, um die Arbeiter dieser strategisch wichtigen Branche in den Hungerwintern 1946/47 bei der Stange zu halten. Zeitgleich wurden jedoch gewerkschaftliche Forderungen nach einer umfassenderen, branchenübergreifenden Mitbestimmung trotz Streiks und Streikandrohungen vom Tisch gefegt.
1961, zu Böcklers zehntem Todestag, bemerkte der IG-Metall-Vorsitzende Otto Brenner mit Verwunderung, dass dieser »große Mann heute von allen möglichen Kreisen als Vorbild in Erinnerung« gerufen werde – auch von seinen Gegenspielern, als hätten sie bereits vergessen, wofür Böckler gestanden habe: »Weiß der Bundeskanzler [Adenauer] nicht mehr, dass die deutschen Gewerkschaften unter Böcklers Führung 1951 dem Bundestag durch Streikdrohung das Gesetz über die Mitbestimmung in der Eisen- und Stahlindustrie und im Bergbau abgetrotzt haben? […] Seine Politik war darauf gerichtet, eine Restaurierung der alten Verhältnisse, die wir vor 1933 hatten, nicht wieder zuzulassen. Deshalb sprach er bewusst von einem Neuaufbau und nicht von einem Wiederaufbau Deutschlands.«
Böcklers Erbe
Brenners Würdigung bezeugt, wie ambivalent und interpretationsoffen Böcklers politisches Erbe schon damals war und bis heute geblieben ist. Verlangt sein Gedenken danach, sein Lebenswerk zu bewahren, oder darüber hinaus zu einer neuen Gesellschaftsordnung fortzuschreiten?
Für Brenner galt Letzteres: »Sein Ziel war die volle gesellschaftliche Gleichberechtigung der Arbeitnehmer […]. Der arbeitende Mensch sollte endlich in den Mittelpunkt des Wirtschaftslebens treten und die politische zur sozialen Demokratie ausgebaut werden. Dieser Aufgabe wollen wir treu bleiben. Sie bedeutet, dass wir gegenüber der immer stärker werdenden Tendenz zur Konzentration die Mitbestimmung der Arbeitnehmer auf allen Ebenen des Wirtschaftsprozesses, die öffentliche und demokratische Kontrolle wirtschaftlicher Macht und die planvolle Lenkung der gesamten Volkswirtschaft im Interesse aller erstreben müssen.«
Ob Böckler Brenner hinsichtlich planvoller Lenkung der gesamten Volkswirtschaft gefolgt wäre, bleibe dahingestellt. In der Praxis brachte die Montanvereinbarung zwischen den Kölnern Hans Böckler und Konrad Adenauer den Zug »Demokratisierung der Wirtschaft« zum Stehen. Forderungen im Münchner Programm des DGB von 1949 nach Wirtschaftsdemokratie und Sozialisierung wurden zur Makulatur. Ein für die Gewerkschaften durchsetzungsfähiges Betriebsverfassungs- oder Personalvertretungsgesetz mit harten Durchgriffsrechten, das unmittelbar in strategische Grundsatz- oder Investitionsentscheidungen eingreifen kann, ist bis heute ausgeblieben. Der Kapitalismus in Form der sozialen Marktwirtschaft und die Restauration tradierter Machtverhältnisse blieb und bleibt gesellschaftliche Wirklichkeit.
Viktor Agartz sprach von einer Tür, die Böckler mit dem Kompromiss von 1951 geöffnet habe, und die »andere ganz aufzustoßen haben«. Das ist mehr als achtzig Jahre her. Die Mitglieder der Gewerkschaften wüssten, so Agartz weiter, »dass Hans Böckler lebt, wenn sie diese Tür durchschreiten«. Wissen sie es wirklich?
Den ersten Vorsitzenden des DGB umgibt die Aura eines Übervaters, der nicht von, sondern vor allem für die Arbeiterbewegung lebte und der für die Idee der Mitbestimmung Gesundheit und Leben opferte. Dieser Kampf um Mitbestimmung macht ihn für die DGB-Gewerkschaften zur Ikone, nach ihm ist die gewerkschaftsnahe Stiftung benannt, ein Thinktank und Motor der Mitbestimmungsidee.
Die Mitbestimmung ist ein Relikt einer angestrebten sozialistischen Demokratisierung der Wirtschaft. Heute wird Wirtschaftsdemokratie, wenn überhaupt, dann eher als »Transformationshebel« im Rahmen einer kapitalistischen Spielanordnung des 21. Jahrhunderts verstanden. Das sagt einiges über die Verfasstheit so mancher Gewerkschafter aus. Ihnen ist Hans Böckler offenbar immer noch einen Schritt voraus.