»Es rettet uns kein höh’res Wesen« – mit diesen Worten beginnt die zweite Strophe der Internationale, jener weltbekannten Hymne der Arbeiterbewegung. Dies wurde gemeinhin als eine Absage an den religiösen Glauben verstanden. Folgt man Martin Hägglund, steckt darin aber zugleich auch ein Bekenntnis zu einem andersartigen, säkularen Glauben, für den das diesseitige Leben und das Wohlergehen der Menschen im Hier und Jetzt der höchste Wert ist.
Hägglund, der Geisteswissenschaften und Komparatistik an der Yale University lehrt, hat mit seinem Buch Dieses eine Leben. Glaube jenseits der Religion, Freiheit jenseits des Kapitalismus eine umfassende Darstellung dieses Glaubenskonzepts vorgelegt, das nach seiner Auffassung schon immer da war, aber noch darauf wartet, bewusst angenommen zu werden. Meagan Day sprach mit Hägglund darüber, wie wir mit dem Tod umgehen, wie wir Sinn aus unserem Leben ziehen und was uns motiviert, uns für Freiheit, Demokratie und Sozialismus einzusetzen.
Als Erstes möchte ich sagen: Ich habe es geliebt, Dieses eine Leben zu lesen. Dein neues Buch hat mich wegen seines politischen Inhalts angezogen, aber die Lektüre wurde für mich zu einer Meditation über das Leben und die Sterblichkeit. Selbst wenn ich es versuche, kann ich nicht an das Leben nach dem Tod glauben. Ich hatte schon immer den Verdacht, dass es eine gute Seite hat, nicht an den Himmel zu glauben; dass es mich zwar mit Angst erfüllt, mich aber auch dazu zwingt, mein endliches Leben zu nutzen. Aber ich bin noch nie auf eine so stringente philosophische Argumentation gestoßen, die diesen Gedanken unterstützt.Du definierst »geistige Freiheit« als die Fähigkeit, sich frei die Frage zu stellen und zu beantworten, was wir mit unserer Zeit anfangen sollen. Du argumentierst, dass der religiöse Glaube, oder der Glaube an eine Ewigkeit im Himmel, Probleme für diese geistige Freiheit aufwirft. Der Glaube an die Ewigkeit sagt uns, dass wir unsere Zeit damit verbringen sollten, uns auf das Leben nach dem Tod vorzubereiten.Du bietest uns mit der Idee eines säkularen Glaubens eine Alternative zu diesem Erlösungsversprechen der Religion: eine Hingabe an dieses eine Leben, nicht an das nächste. Was genau ist säkularer Glaube? Und wie fördert er unsere Fähigkeit, geistige Freiheit zu erfahren?
Was den säkularen Glauben am grundlegendsten definiert, ist, dass das Objekt des Glaubens völlig von der Praxis des Glaubens abhängt. Was auch immer das Objekt des säkularen Glaubens sein mag – die Institutionen, die wir aufzubauen versuchen, die sozialistische Revolution, die wir herbeiführen wollen, die Gemeinschaften, die wir aufrechterhalten, oder sogar persönliche Liebesbeziehungen – diese Dinge existieren nicht unabhängig von der Art und Weise, wie wir uns ihnen widmen und sie unterstützen.
In diesem Sinne hat jeder einen säkularen Glauben. Ich versuche nicht, die Welt in religiöse und säkulare Menschen aufzuteilen. In dem Buch geht es nicht um das, was uns trennt, sondern um das, was wir gemeinsam haben. Wir alle haben einen säkularen Glauben. Was auch immer Dir am Herzen liegt, wofür Du Dich engagierst, Du musst daran glauben, dass es inhärent wertvoll ist und dass es zerbrechlich und endlich ist – sonst würdest Du Dich nicht darum kümmern. Jeder Mensch hat also eine gelebte Erfahrung von säkularem Glauben, wenn er sich engagiert und Projekte durchführt – ob er es weiß oder nicht.
»Wenn das höchste Objekt des religiösen Glaubens etwas Ewiges ist, dann ist das höchste Objekt des säkularen Glaubens etwas Endliches, dieses zerbrechliche Leben, das wir gemeinsam erhalten.«
Was ich als religiösen Glauben bezeichne, ist die entgegengesetzte Vorstellung. Es gibt hier ein ganz besonderes Objekt des Glaubens, wie Gott, die Ewigkeit oder das Nirwana – etwas, das unabhängig und ewig existiert und letztlich nicht von der Ausübung des Glaubens abhängt. Der religiöse Glaube beruht auf der Vorstellung, dass das endliche Leben nicht ausreicht, dass es etwas darüber hinaus geben muss.
Wenn das höchste Objekt des religiösen Glaubens etwas Ewiges ist, dann ist das höchste Objekt des säkularen Glaubens etwas Endliches, dieses zerbrechliche Leben, das wir gemeinsam erhalten. Es existiert nur durch die Art und Weise, wie wir es erhalten, und es kann auseinanderfallen, wenn wir es nicht erhalten. Aber genau das macht unsere Hingabe an dieses Leben so wichtig.
Die entscheidende Frage ist für mich daher, was es bedeuten würde, sich zu unserem säkularen Glauben zu bekennen und ihm gerecht zu werden – sowohl individuell als auch kollektiv. Ich möchte auch zeigen, dass es in den religiösen Texten selbst Ressourcen gibt, um sich dieser Frage zu nähern.
PAYWALL
Du widmest einen Teil des Buches der Lektüre des Werkes von C. S. Lewis, einem christlichen Schriftsteller, der zutiefst religiös war. Dabei interessiert Dich besonders sein Buch A Grief Observed. Er schrieb es, als seine Frau starb und er völlig verzweifelte. Er glaubte zwar, dass er sie im Himmel wiedersehen würde, aber er wollte sie zurück auf der Erde haben. Er sehnte sich danach, dass ihr gemeinsames Leben weitergeht. Was sagt uns das über die Spannung zwischen religiösem und säkularem Glauben?
Die Krise, die Lewis nach dem Verlust seiner Frau durchmacht, besteht nicht darin, dass er seinen Glauben an die Ewigkeit verloren hat. Es geht darum, dass er erkannt hat, dass selbst ein Zustand der Ewigkeit ihm nicht das geben könnte, was er will: Dieses eine Leben mit seiner Geliebten zu teilen.
Er erkennt, dass ein Teil dessen, was eine Liebesbeziehung sinnvoll und bedeutsam macht, gerade darin besteht, dass sie verloren gehen kann. Und dass man nur eine kostbare, begrenzte Zeit hat, um sich dieser Beziehung zu widmen. Dieses Wissen um die Endlichkeit bestimmt die Art und Weise, wie man die Beziehung gemeinsam aufrechterhält. Umgekehrt erkennt Lewis, dass ein Zustand der Ewigkeit, in dem es keinen Schmerz, kein Leid, keinen Verlust und keinen Tod gäbe, auch keine Freude, keine Leidenschaft und kein Leben bedeutet, weil nichts auf dem Spiel stehen würde.
Lewis’ Buch ist also ein sehr anschauliches Beispiel für etwas, das ich in Dieses eine Leben verfolge. Es gibt eine Version der säkularen Religionskritik, die besagt, dass es wünschenswert wäre, ein ewiges Leben zu haben, dass es aber eine Illusion ist. Ich versuche zu zeigen, dass das ewige Leben nicht nur unerreichbar ist, sondern auch nicht wünschenswert. Wenn man die Möglichkeit des Todes beseitigt, verliert man auch das Leben; wenn man die Möglichkeit des Leids beseitigt, verschwindet auch die Freude. Diese Dinge gehören zusammen. Der säkulare Glaube erlaubt es, den Tod voll und ganz als Tod und als Tragödie anzuerkennen. Er erlaubt es, die reale Möglichkeit – oder die schmerzliche Tatsache – anzuerkennen, dass Dinge unwiderruflich verloren gehen können.
»Unsere Liebe ist nicht etwas, das unabhängig von uns existiert, nur weil wir zusammengezogen sind oder geheiratet haben. Sie ist immer etwas, das wir kultivieren müssen, und sie lebt oder stirbt durch das, was wir tun.«
In dem Buch versuche ich zu zeigen, dass religiöse Denker von Lewis über Martin Luther bis hin zu Augustinus ihre eigene Erfahrung von Trauer nicht in einem religiösen Rahmen verstehen konnten. Wir brauchen einen säkularen Weg, über Trauer nachzudenken – um ihr sowohl individuell als auch gemeinschaftlich angemessen zu begegnen.
Beim Lesen habe ich darüber nachgedacht, was die Leute auf meiner Beerdigung sagen sollen. Mir wäre es lieber, wenn meine Angehörigen nicht sagen: »Sie hat ein Leben gelebt, über das Gott lächeln würde, und er wird sie sicher in den Himmel lassen.« Viel lieber wäre es mir, wenn sie sagen würden: »Sie hat unser aller Leben während ihrer Zeit bei uns bereichert, und die Dinge, die ihr wichtig waren, leben nach ihr weiter. Sie sind durch ihre Hingabe besser geworden. Und es ist eine Tragödie, dass sie von uns gegangen ist. Wir wünschten, sie wäre noch hier.«
Ja, und das ist der Kern der Erfahrung von Trauer, ob man nun religiös ist oder nicht. Ich versuche zu zeigen, dass eine säkulare Perspektive uns die Mittel an die Hand geben kann, um die Konflikte und Tragödien auszudrücken, die wir durchleben.
Kommen wir zur Liebe, die eng mit der Trauer verbunden ist, wie der Fall von Lewis zeigt. Augustinus betrachtet die cupiditas als eine geringere Form der Liebe. Das meint eine selbstzweckhafte Liebe, die am Werk ist, wenn wir »jemanden um seiner selbst willen lieben oder wenn wir uns dem Gedeihen einer gemeinsamen, säkularen Welt als Selbstzweck verschrieben haben«, wie Du schreibst. Augustinus versucht, dieses Gefühl stattdessen in eine »Liebe zu Gottes ewiger Gegenwart« zu lenken. Das ist eine religiöse Herangehensweise an die Liebe und scheint dem sehr unähnlich zu sein, was die meisten von uns meinen, wenn wir »Ich liebe dich« sagen. Ist die gewöhnliche Liebe also ein Ausdruck des säkularen Glaubens?
Ja, das ist ein sehr anschauliches Beispiel, und deshalb komme ich im Laufe des Buches mehrfach darauf zurück. Sogar der Satz »Ich liebe dich« ist, wie Du sagst, ein sehr ergreifender Ausdruck säkularen Glaubens. Wenn Du sagst, »Ich liebe dich«, dann drückst Du damit nicht einfach eine Tatsache aus, die unabhängig von Deiner Verpflichtung zu ihr existiert. Im Gegenteil, Du gehst eine Verpflichtung ein. Und einer Verpflichtung muss man »treu bleiben«. Und deshalb sagen wir auch, dass man »untreu« sein kann. In diesem Fall handelt es sich um einen säkularen Glauben, denn auch hier gilt, dass das Objekt des Glaubens nicht unabhängig von der Verpflichtung ihm gegenüber existiert. Die Beziehung existiert nur durch die Praxis, sie aufrechtzuerhalten.
Wir müssen uns immer wieder Fragen stellen wie: »Sollten wir unsere Beziehung aufrechterhalten? Führen wir sie auf die richtige Weise? Müssen wir unsere Vorstellung davon ändern, wer wir füreinander sein sollten?« All das sind Fragen der geistigen Freiheit, denn es sind Fragen danach, wie wir unsere Zeit verbringen und wie wir uns engagieren sollten.
Ich glaube, dass selbst säkulare Menschen manchmal heiraten wollen, um diese intensive Verantwortung auszulagern. Ich spüre selbst den Wunsch, meine Beziehung zu vergegenständlichen, um mich unabhängiger von ihr zu fühlen – um auf sie zeigen zu können und zu sagen: »Diese Beziehung ist etabliert und sie ist vertraglich.« Aber selbst für Menschen, die verheiratet sind, ist es immer noch eine ständige Praxis der Hingabe und der Verpflichtung.
Das stimmt. In Liebesbeziehungen vergessen wir oft, dass das, was die Beziehung ausmacht und wer wir sind, davon abhängt, was wir tun. Unsere Liebe ist nicht etwas, das unabhängig von uns existiert, nur weil wir zusammengezogen sind oder geheiratet haben. Sie ist immer etwas, das wir kultivieren müssen, und sie lebt oder stirbt durch das, was wir tun.
In Deinem Buch versuchst Du auch, Dir vorzustellen, wie man im Zustand der Ewigkeit einen Sinn finden könnte. Ich habe mich beim Lesen dabei ertappt, wie ich Dir spontan zustimme: Ja, alles, was meinem Leben einen Sinn gibt, ist für mich bedeutsam, weil die Zeit entgleitet. Die Dinge, die mir am meisten am Herzen liegen, sind empfindlich, was bedeutet, dass ich mich für sie einsetzen und ihnen meine Aufmerksamkeit schenken muss. Und ich empfinde tiefe Befriedigung, wenn ich diese Zuwendung aktiv ausübe.Wir können uns nicht vorstellen, dass wir in einem Leben nach dem Tod, das niemals endet, in der Lage wären, irgendeine Art von Praxis in Bezug auf die Welt auszuüben, die uns dieselbe bedeutungsvolle Erfahrung vermitteln würde.
Auf jeden Fall, und ich denke, das ist für die ganze Frage der Revolution und des Sozialismus sehr relevant. Eine Sache, die oft über Marx und Marxisten gesagt wird, ist, dass wir einfach den Himmel durch das kommunistische Paradies ersetzen wollen. Was ich zu zeigen versuche, ist jedoch, dass der Sozialismus kein Zustand ist, in dem alle Probleme gelöst sind. Es ist ein Zustand der Existenz, in dem wir uns die Frage, was wir mit unserer Zeit anfangen sollen, voll und ganz zu eigen machen können – und zwar, um unserer Endlichkeit wirklich gerecht zu werden, nicht um sie zu überwinden.
»Frei zu sein, bedeutet nicht, frei von allen Beschränkungen oder Zwängen zu sein. Frei zu sein, bedeutet, dass wir uns einer Sache widmen können, mit der wir uns identifizieren und die uns am Herzen liegt.«
Jede politische Bewegung wird von dem Gedanken heimgesucht, dass alles auseinanderfallen könnte. Es kann sein, dass wir nicht erreichen, was wir anstreben, und selbst wenn wir es erreichen, wird es immer fragil sein. Das Risiko des Scheiterns wird nie verschwinden, es ist sogar ein Grund, warum wir uns überhaupt für ein Projekt einsetzen. Selbst wenn wir eine emanzipierte Gesellschaft erreichen, werden wir immer die Institutionen erhalten müssen, denen wir uns verbunden fühlen, auch auf die Gefahr hin, dass wir dabei scheitern. Das ist ein Teil dessen, was den politischen Kampf zu einem lebendigen Projekt macht.
Du betrachtest Marx als jemanden, dessen Ansichten die logische Erweiterung des säkularen Glaubens darstellen. Das heißt, wenn es im säkularen Glauben darum geht, das eine endliche Leben jedes Einzelnen wertzuschätzen, dann stellt Marx die notwendigen Fragen darüber, wie die Gesellschaft gestaltet sein sollte, um die Menschen am besten dabei zu unterstützen. Der Sozialismus ermöglicht es den Einzelnen, die Frage zu stellen und zu beantworten, was sie mit diesem Leben anfangen sollen.
Marx denkt auf einer sehr grundlegenden Ebene über Zeit und Freiheit nach. Er geht von der Tatsache aus, dass alle Lebewesen einen Zeitüberschuss erzeugen: Wir brauchen nicht unsere ganze Zeit zum Überleben, wir haben auch etwas Zeit, um andere Dinge zu tun. Dabei interessiert Marx insbesondere, dass wir im Gegensatz zu anderen uns bekannten Tierarten diese zusätzliche Zeit als freie Zeit betrachten und uns fragen können, was wir damit anfangen sollen. Was ist es wert, getan zu werden?
Dies ist die grundlegende Motivation hinter Marx’ Kapitalismuskritik und seiner Forderung nach einer anderen Form des gesellschaftlichen Lebens. Um ein freies Leben zu führen, reicht es nicht aus, dass wir formale Rechte auf Freiheit haben. Wir müssen auch Zugang zu den materiellen Ressourcen und den Formen der Bildung haben, die es uns ermöglichen, uns mit der Frage zu beschäftigen, was wir mit unserer gemeinsamen Zeit anfangen sollen. Was uns wirklich gehört, sind nicht Eigentum oder Güter, sondern es ist die Zeit unseres Lebens.
Frei zu sein, bedeutet nicht, frei von allen Beschränkungen oder Zwängen zu sein. Frei zu sein, bedeutet, dass wir uns einer Sache widmen können, mit der wir uns identifizieren und die uns am Herzen liegt. Das kann bedeuten, wirklich hart zu arbeiten, aber auf eine Art und Weise, bei der wir den Sinn und Zweck und die Bedeutung unseres Tuns erkennen. Das steht im Gegensatz zu dem, was Marx entfremdete Arbeit nennt: Sie ist kein Ausdruck dessen, wofür wir uns einsetzen, sondern nur Mittel zum Zweck, um zu überleben.
Auch im Sozialismus werden die Menschen mühsame Arbeit verrichten müssen. Aber der Unterschied ist, dass die Gesellschaft so gestaltet wäre, dass klar ist, dass wir diese Arbeit tun, um die Gesellschaft am Laufen zu halten. Wir würden das sowohl für uns selbst als auch als Ausdruck der Zuwendung füreinander und für unsere gemeinsame Welt tun.
Ja, das ist ein wichtiges Argument, das ich in meinem Buch ausführlich darlege. Wenn man den Zweck dessen, was man tut, einsehen und bejahen kann, dann verändert sich auch die Qualität der gesellschaftlich notwendigen Arbeit. Wenn ich etwas tue, das nicht besonders aufregend ist, ich aber seinen Sinn und Zweck verstehe – wenn ich also sehen kann, dass die Tätigkeit tatsächlich auf begreifbare Weise zum Gemeinwohl beiträgt –, dann verstehe ich, dass diese Tätigkeit inhärent wertvoll ist, auch wenn sie schwierig und anstrengend ist.
Im Kontrast dazu versuche ich zu zeigen, dass das Maß des Wertes im Kapitalismus selbstwidersprüchlich ist. Der Grund, warum wir bestimmte Formen der Arbeit als verlustbringend empfinden, liegt darin, dass wir danach streben, Zeit für unser Leben als Selbstzweck zu haben. Das positive Maß des Wertes sollte also sein, wie viel Zeit wir haben, um die Projekte zu verfolgen und die Verpflichtungen zu erfüllen, die wir als inhärent wertvoll erleben.
Das nenne ich »gesellschaftlich verfügbare freie Zeit«. Deren Schaffung setzt eine Gesellschaftsform voraus, die sich in ihren Grundprinzipien an unserem Leben als Selbstzweck orientiert. Aber im Kapitalismus wird das Engagement für gesellschaftlich verfügbare freie Zeit untergraben, da ihre Ausweitung und Kultivierung nach kapitalistischem Maßstab keinen Wert erzeugt.
Nehmen wir an, wir produzieren in einem Dorf immer effizientere Technologie und haben dann einen Brunnen in der Mitte des Dorfes. In diesem Fall sind wir in einem existenziellen Sinne wohlhabender, weil wir jetzt Zeit haben, andere Dinge zu tun, als aus der Not heraus von weither Wasser zu holen. Aber wenn es keine Notwendigkeit für Lohnarbeit gibt, um dieses Wasser zu beschaffen, und wenn es nichts kostet, dann erzeugt die Produktion von Wasser keinen Wert im kapitalistischen Sinne.
Wenn wir Reichtum anders messen würden, könnten wir Technologien schaffen, die uns mehr freie Zeit und mehr Freiheit geben. Ein sozialistisches Prinzip ist, dass Technik für Menschen da sein sollte und nicht umgekehrt Menschen »Anhängsel« einer profitablen Technik sind. Dieser Grundsatz erstreckt sich auch auf die Frage der Demokratie. »Der Mensch ist nicht des Gesetzes, sondern das Gesetz ist des Menschen wegen da«, schreibt Marx über die demokratische Verfassung.In Anlehnung daran argumentierst Du, dass der Kapitalismus ein Hindernis für die Demokratie als solche ist. Das hat bedeutende Implikationen: Wenn der Kapitalismus die Demokratie behindert und die Demokratie einen Zustand beschreibt, in dem die Menschen kollektiv entscheiden, was sie mit ihrer Zeit anfangen wollen, bedeutet das dann auch, dass der Kapitalismus die geistige Freiheit einschränkt?
Marx hat die Ideale von Freiheit und Gleichheit, die in der Idee der Demokratie stecken, sehr ernst genommen. In dem Buch versuche ich zu zeigen, dass er sie ernster nimmt als die Liberalen. Sein Aufruf zur Überwindung des Kapitalismus sollte nicht als Aufruf zur Abschaffung der Demokratie verstanden werden, sondern als der Versuch, eine wirkliche Demokratie zu ermöglichen.
Echte Demokratie würde voraussetzen, dass es in unseren politischen Debatten und unseren Überlegungen zum Gemeinwohl um konkurrierende Auffassungen darüber geht, wie wir den Interessen der Gesellschaft als Ganzer am besten dienen können. Stattdessen haben wir konkurrierende private Interessen, die im Namen der Allgemeinheit vorgebracht werden.
»Es ist genauso ein Fehler, Reformen abzulehnen, weil sie hinter einer Revolution zurückbleiben, wie es ein Fehler ist, sich mit Reformen zufriedenzugeben und die Notwendigkeit einer Revolution abzustreiten.«
Im Kapitalismus müssen wir diesen privaten Interessen Vorrang einräumen. Wir müssen die Erwirtschaftung von Profiten durch Unternehmen gesellschaftlich priorisieren, denn nur so kann Reichtum überhaupt erst geschaffen werden. Selbst die Interessen der Arbeitenden sind vom Kapital geprägt, denn jeder, der für einen Lohn arbeitet, ist auf das Wachstum des Kapitalvermögens angewiesen, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Es muss jemanden geben, der die Arbeitenden beschäftigt.
Unsere Überlegungen sind daher von vornherein durch die Notwendigkeit eingeschränkt, die Erzielung von Profiten zu fördern. Welche Debatten wir auch immer darüber führen, wie der Reichtum umverteilt werden soll – wir sind dem Profitzwang untergeordnet. Jede Frage darüber, was für uns und die Gesellschaft sinnvoll und wertvoll wäre, ist strukturell davon abhängig, was profitabel ist. Im Kapitalismus lässt sich die Priorität, die dem Profit eingeräumt wird, nicht auf eine ideologische Weltanschauung zurückführen. Es geht darum, wie wir unser Leben materiell erhalten.
Deshalb argumentierst Du in Deinem Buch, dass es im demokratischen Sozialismus nicht nur darum geht, den vorhandenen Reichtum der Gesellschaft umzuverteilen. Du vertrittst die These, dass ein freundlicherer Kapitalismus nicht ausreicht. Um diese Vision des menschlichen Wohlergehens zu verwirklichen, bräuchten wir eine völlige Veränderung der Art und Weise, wie wir Wohlstand messen. Warum reicht eine progressive Umverteilungsagenda nicht aus, um die anstehende Aufgabe zu bewältigen?
Lass mich zunächst sagen, dass ich nicht gegen Umverteilung oder Reformen bin. Es ist sehr wichtig, die Dinge weniger schlimm zu machen, als sie sind. Aber ich versuche zu zeigen, dass wir uns zwar für verschiedene Arten von Reformen oder Umverteilung einsetzen und engagieren können, dass wir aber gleichzeitig unser Verständnis für die tieferen Probleme offen halten müssen, die damit zusammenhängen, wie wir den Wert in unserer Gesellschaft messen. Wir müssen uns fragen: Wie wird der Reichtum, den wir verteilen, überhaupt erzeugt?
Marx zeigt, dass die Produktion von Reichtum im Kapitalismus selbst Ungleichheit, Ausbeutung und Kommodifizierung voraussetzt. Kapitalismus erfordert Arbeitslosigkeit als strukturelles Merkmal und hat eine inhärente Tendenz zu Krisen. Diese Probleme können nicht durch Umverteilung gelöst werden, denn der Reichtum, den man umverteilt, wird selbst durch diese ungleichen Verhältnisse produziert. Wenn wir das verstehen, dann sehen wir, dass Reformen sehr wichtig sein können. Sie müssen aber auch Mittel zum Zweck einer echten sozialen Revolution der Art und Weise sein, wie wir unser Leben gemeinsam führen.
Kämpfe für Reformen haben eine wichtige Funktion. Wenn sie bewusst und unter den richtigen Umständen geführt werden, können sie das Bewusstsein der Menschen dafür wecken, dass sie ausgebeutet werden, ihre Zeit falsch eingesetzt wird und ihre geistige Freiheit beschnitten wird.So sprachen sich zum Beispiel 2014 in einer Umfrage nur 21 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner für eine einheitliche öffentliche Krankenversicherung aus. 2018 aber war diese Zahl auf 70 Prozent gestiegen. Und das lag nicht daran, dass sich ihre Gesundheitskosten in diesen vier Jahren deutlich erhöht hätten, sondern daran, dass Bernie Sanders die Forderung nach »Medicare for All« populär gemacht hat. Diese Reform wurde als eine legitime Option beworben und erschien den Menschen plötzlich möglich.So kann es bei Kämpfen für Reformen darum gehen, die Idee zu verbreiten, dass Wandel möglich ist, und die Menschen so in Bewegung zu setzen, dass das Klassenbewusstsein und die Macht wachsen, die notwendig sind, um eine echte Revolution zu erreichen.
Auf jeden Fall. Es ist genauso ein Fehler, Reformen abzulehnen, weil sie hinter einer Revolution zurückbleiben, wie es ein Fehler ist, sich mit Reformen zufriedenzugeben und die Notwendigkeit einer Revolution abzustreiten. Beide Optionen sind falsch. Wir müssen über die Wechselbeziehung zwischen Reform und Revolution nachdenken.
Ich kritisiere, dass Umverteilungsreformen als Lösung für die grundlegenden Probleme des Kapitalismus angesehen werden, und ich zeige im Detail, warum wir letztlich nicht nur eine Umverteilung des Reichtums, sondern eine Neubewertung des Wertes brauchen. Aber ich will nicht behaupten, dass Reformen sinnlos sind. Im Gegenteil, es ist durchaus möglich, Veränderungen vorzunehmen, die für die Verbesserung der Lebensqualität der Menschen wertvoll sind, aber auch für die Bewusstseinsbildung und die Mobilisierung für größere Umwälzungen.
Deine Argumentation ist eng mit der Frage des säkularen Glaubens verbunden. Um eine revolutionäre Veränderung herbeizuführen, müssen sich Menschen dazu verpflichtet fühlen, sich in ihrer Zeit auf der Erde für die Revolution einzusetzen. Und wir alle, die wir diese Aufgabe wirklich ernst nehmen, müssen uns mit der Tatsache auseinandersetzen, dass uns dieses Projekt überdauern wird: Wir werden es nicht mehr erleben. Wir müssen eine Art säkularen Glauben an das sozialistische Projekt bewahren.
Ja, und ich will in diesem Buch zeigen, dass es bei diesem Projekt um die Werte geht, die wir bereits teilen. Marx versucht zu zeigen, dass die Art und Weise, wie der Liberalismus die Werte von Freiheit und Gleichheit zur Rechtfertigung des Kapitalismus nutzt, fehlgeleitet ist. In Wirklichkeit untergräbt der Kapitalismus diese Werte. Liberalismus und Kapitalismus können sie nicht angemessen verwirklichen. Beim sozialistischen politischen Projekt geht es also darum, der Verpflichtung zu Freiheit und Gleichheit gerecht zu werden, der wir uns bereits verschrieben haben.
Und ja, wie Du schon sagtest, das Engagement für ein politisches Projekt, das vielleicht nie verwirklicht wird – oder erst dann, wenn man selbst schon längst tot ist – ist ein sehr anschauliches Beispiel für säkularen Glauben.
Der Schluss Deines Buches befasst sich mit den Schriften und Reden von Martin Luther King Jr. Er war natürlich ein Gläubiger, und seine Sprache ist offenkundig religiös. Aber Du siehst King als jemanden, der sich wie Marx zutiefst den säkularen Werten verpflichtet fühlt.Du machst uns auf seine letzte Rede aufmerksam, die er am Abend vor seiner Ermordung vor streikenden Müllarbeitern in Memphis hielt. Er sagte, dass die Menschen »Anzüge, Kleider und Schuhe im Diesseits« brauchen, nicht »lange weiße Gewänder dort drüben«. Warum sollten wir annehmen, dass King ein Botschafter des säkularen Glaubens war, wo er doch bis zum Schluss über Gott und den Himmel sprach?
Eine der vielen Funktionen, die King nach seinem Tod erfüllt, ist die eines Beispiels für engagierte Religiosität: »Seht her, ein wirklich erfolgreiches politisches Engagement wird durch den religiösen Glauben gestützt und aufrechterhalten.« Aber wie ich in diesem Buch zu zeigen versuche, haben auch diejenigen, die sich als religiös bezeichnen, einen säkularen Glauben. Und es gibt viele Aspekte religiöser Praktiken und Gemeinschaften, die sich eigentlich besser in Begriffen des säkularen Glaubens verstehen lassen.
In vielen Religionen ist der eigentliche Gegenstand der Verehrung nicht ein unabhängig existierender Gott, sondern die Gemeinde selbst, also die Gemeinschaft, die Menschen aufbauen und in der sie die Würde und den Eigenwert des einzelnen menschlichen Lebens anerkennen. Dies ist für mich die praktische Wahrheit des Gemeindelebens. Durch die Praxis, zusammenzukommen und die Würde des Anderen anzuerkennen, können sich die Menschen der Verbesserung ihrer gemeinsamen Lebensbedingungen widmen und dieses Projekt als höchstes Gut anerkennen.
»Die Lektion von King lautet also nicht, dass wir einen religiösen Glauben brauchen, um unser politisches Engagement aufrechtzuerhalten, sondern dass der säkulare Glaube das Herzstück des Emanzipationskampfes ist.«
Ich versuche zu zeigen, dass King in den politischen Reden, in denen er sich religiöser Sprache bedient, Begriffe wie »Gott« oft nicht verwendet, um einen ewigen Erlöser zu benennen. Er benutzt »Gott« als Bezeichnung für die Idee der sozialen Freiheit für alle, eine Idee, die wir uns selbst auferlegen und an die wir uns halten. Die Lektion von King lautet also nicht, dass wir einen religiösen Glauben brauchen, um unser politisches Engagement aufrechtzuerhalten, sondern dass der säkulare Glaube das Herzstück des Emanzipationskampfes ist.
Er benutzt die »Sprache Gottes«, des höchsten Objekts religiöser Verehrung, um unsere Aufmerksamkeit auf den weltlichen Emanzipationskampf auf der Erde zu lenken und ihn auf die Ebene des Heiligen zu heben.
Genau das versuche ich zu zeigen: Die säkulare Wahrheit ist in der religiösen Sprache verborgen – und die säkulare Wahrheit ist, dass unser gemeinsames Leben das Heiligste ist und dass wir es erhalten müssen.
In seiner letzten Rede vollzieht er diese erstaunliche Wendung, die Du erwähnt hast und die ich im Buch analysiere: Er verwandelt die Idee des neuen Jerusalems, die eine klassische religiöse Trope für die Ewigkeit ist, in die Idee des neuen Memphis. Das neue Memphis ist wirklich das gelobte Land, auf das wir warten, aber es hängt von uns ab.
King weiß, dass dies zu seinen Lebzeiten nicht geschehen wird, aber er hat sich dennoch dafür eingesetzt. Es geht nicht um eine vertikale Verpflichtung gegenüber etwas, das über uns steht, sondern um eine horizontale Verpflichtung gegenüber etwas, das wir erreichen können.
In dieser Rede sagt er sogar: »Wie jeder Mensch möchte ich ein langes Leben führen.« Aber warum sollte man ein langes Leben führen wollen, wenn man sich sicher ist, dass man im Himmel seine Belohnung bekommt? Man muss sich diesem Leben verschrieben haben, um es fortsetzen zu wollen.
Ja, und er sagt auch, dass er das gelobte Land gesehen hat, und dass er vielleicht nicht mit dorthin kommt.
Richtig, denn wäre das gelobte Land eine Ewigkeit im Himmel, dann würde er mit uns dorthin kommen. Das ist der Moment in der Rede, wo überdeutlich wird, dass das gelobte Land hier unter den Lebenden ist, und dass wir erst dorthin gelangen werden, nachdem er schon gestorben ist.
Eine Sache ist mir in diesem Zusammenhang wirklich wichtig: King war bereit, mit seinem politischen Kampf einen frühen Tod zu riskieren. Das ist geistige Freiheit, also die Freiheit zu entscheiden, wofür es sich wirklich zu leben lohnt. Und ein Teil dessen kann sein, das eigene Leben für ein Projekt zu opfern, das einen überdauern wird. Auch wenn man nicht sterben möchte, kann man sich entscheiden, dass das, woran man glaubt, das Risiko wert ist. Und das ist ein Akt der Hingabe, der nur einem sterblichen Wesen möglich ist.