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»Lieber ein Kommunist als ein Systemling«

Sie waren in den 1970er Jahren eine der schrägsten Krautrock-Bands Westdeutschlands – und bekennende Kommunisten. Ein Gespräch mit Floh de Cologne.

»Lieber ein Kommunist als ein Systemling«
»Wir waren eine Rockgruppe und eine Theatergruppe gleichzeitig.«Foto: Vridolin Enxing Privatarchiv
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Vor fünf Jahrzehnten befand sich die Bundesrepublik inmitten eines kulturellen Aufbruchs. Kurz zuvor waren im Zuge der Studentenbewegung Tausende von jungen Menschen für eine Revolution auf die Straße gegangen, die niemals kam. Doch die Energie, die sie freisetzten, musste irgendwo hin, und ein Großteil floss letztendlich in die Kulturbranche. Inspiriert von aufregenden neuen Klängen aus den USA begann eine Reihe westdeutscher Bands, psychedelischen Rock, Jazz und die Anfänge der elektronischen Musik miteinander zu verschmelzen und schufen damit eine dynamische Musikszene, die unter dem Namen »Krautrock« bekannt werden sollte.

Mittendrin war eine Gruppe langhaariger Linker aus Köln, die sich Floh de Cologne nannten. Als bekennende Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) zogen »die Flöhe« beinah zwei Jahrzehnte lang durchs Land und spielten ihren einzigartigen theatralischen Prog-Rock mit marxistischem Einschlag vor einem begeisterten Publikum aus jungen Arbeiterinnen und Gewerkschaftern – einmal sogar als Vorband von Jimi Hendrix. Ausgestattet mit Schlagzeug und E-Gitarren, Keyboards und sogar einem Saxophon veröffentlichte Floh de Cologne ab 1966 zahllose innovative Stücke, die heute noch beeindrucken.

Als die Bandmitglieder einsahen, dass sich der politische und kulturelle Wind gedreht hatte, legten sie 1983 nach einem letzten, achtstündigen Konzert voller »Kampfgeist und anarchischer Ironie« (Süddeutsche Zeitung) ihre Instrumente nieder. Der Bandmanager und gelegentliche Perkussionist Dieter Klemm und der Keyboarder Vridolin »Vitti« Enxing sprachen mit JACOBIN über ihre Musik, ihre Politik und ihren denkwürdigsten Auftritt.

Floh de Cologne hat sich vor vierzig Jahren aufgelöst. Zwischen 1966 und 1983 habt ihr zehn Platten veröffentlicht, drei Bücher herausgebracht, und über 1.500 Konzerte gegeben – eine beeindruckende Bilanz. Wie hat die Band eigentlich angefangen?

Dieter: Ich war nicht von vom ersten Moment an dabei, sondern bin nach einem Jahr dazugekommen. Wir haben alle Theaterwissenschaft studiert. Gerd Wollschon, der Gründer und lange Zeit Haupttexter der Band, hatte schon als Schüler Kabarett gemacht. An der Uni wollte er ein Studentenkabarett gründen, fand einige Mitstreiter, und so entstand im Januar 1966 Floh de Cologne, zusammen mit Markus Schmidt und drei anderen, die nicht so lange dabei waren.

Und wie kamt Ihr beiden dazu?

Dieter: Ich war mal in Hamburg Beamter. Das wussten sie, und dachten: »Der kennt sich mit Zahlen aus, den fragen wir, ob er Geschäftsführer werden will.« Ich habe gleich gesagt, ich würde auch gern mit auf die Bühne. Aber, sagte ich, »das Studium geht vor!« – was sich aber nach ein, zwei Jahren als Illusion erwies, weil wir sehr erfolgreich wurden.

Habt Ihr zu Ende studiert?

Dieter: Nein, niemand.

Und Du, Vridolin?

Vitti: Ich habe 1969 in einer kleinen Stadt in Westfalen Abitur gemacht. Mein Vater war der Dorflehrer und ich hatte schon seit einem Jahr nichts anderes mehr im Sinn, als die Haare wachsen zu lassen. Als ich zum Studieren nach Köln an die Musikhochschule ging, gab es den Marxistischen Studentenbund Spartakus, und dadurch hörte ich von den Konzerten von Floh de Cologne. Ich habe sie das erste Mal an der Uni gesehen, tausend Leute waren da. Ich war wie erschlagen. Unglaublich! Es kribbelt mir heute noch.

Ungefähr vier Monate vor meinem Abschluss kam einer zu mir und sagte: »Hör mal, die Flöhe suchen einen Neuen, das wäre doch was für dich.« Dann habe ich angerufen bei Floh de Cologne, es gab eine Sitzung bei Gerd Wollschon, und schon da sollte ich mich vorstellen. Aber ich glaube, das Wichtigste war, dass ich in der kommunistischen Partei war.

Ihr wart also schon Kommunisten, bevor Ihr Bandmitglieder wurdet?

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Dieter: Also ich nicht. In dieser ersten Zeit spielten wir in einem Hinterzimmer eines Gasthofs in Köln, die Franziskaner am Gürzenich. Nach der Vorstellung haben wir noch geredet und diskutiert und uns gegenseitig politisiert. Es war schon eine große linke Aufbruchsstimmung, mit Vorlesungsbesetzungen und Demonstrationen und Anklagen gegen rechte Professoren und so weiter. Aber ich kam nicht als Linker, sondern ich wurde einer.

Aber für die meiste Zeit wart Ihr Mitglieder der DKP?

Vitti: Ja, das war ein Kriterium. Die anderen sind alle unabhängig in die DKP eingetreten, es gab da keinen gemeinsamen Beschluss in der Gruppe, es war einfach die logische Konsequenz aus unserer Aktivität. Die anderen linken Gruppen – die Trotzkisten, die Maoisten und so weiter – waren alle zu abgedreht für uns.

Dieter: Wir haben alle politischen Strömungen kennengelernt, aber haben uns in Richtung DKP entwickelt – »Revisionisten«, wie es damals hieß. Sie erschien uns die realistischste Option zu sein. Man darf nicht vergessen, dass die DKP 1968 gegründet wurde und damals in der gesamten linken Kulturszene sehr angesehen war. Viele Schriftsteller, von denen man es heute gar nicht mehr glaubt, waren in der DKP, auch viele Maler und Musiker.

»SimSAlabimbambaSAladUSAladim. Es war nur eine halbe Stunde lang, aber eine harte Anklage gegen die Verbrechen der USA im Vietnamkrieg. Die Leute gingen nachher schweigend raus.«

Vitti: Es war die Tradition von Rosa Luxemburg, von Karl Liebknecht, der KPD in den 1920er Jahren – diese Glaubwürdigkeit! Ich habe diese alten Leute, die ich da kennenlernte und die vom Widerstand erzählten, bewundert. Ich war damals der Meinung, es gibt nur eine Sorte von anständigen Deutschen: Die waren entweder emigriert oder im KZ. Ich war ziemlich aggressiv, weil wir immer viel zu hören gekriegt haben auf der Straße: »Wie kann man nur so rumlaufen? Ihr gehört ins Arbeitslager!« Die Leute haben immer noch so einen Scheiß geredet und ich hatte eine riesige Wut.

Die Ablehnung der faschistischen Vergangenheit und des gesellschaftlichen Mainstreams hat also eine große Rolle gespielt?

Vitti: Eine ganz große. Ich hatte mir dann so ein Kettchen mit Hammer und Sichel gekauft und hingehängt, um zu provozieren. Ich habe mir damals eingebildet, ich sei ein besserer Deutscher, ein Revolutionär! Ich hatte immer das Gefühl, dass ich Genossinnen und Genossen finden werde, egal wo ich hinreise. Das gab mir sowas wie eine zweite Heimat.

Ich bezog mich nicht in erster Linie auf die DDR und hatte nie vor, auszuwandern. Mit Floh de Cologne war ich dort auf Tour, und als Linker mit stark anarchistischen Zügen konnte man damit nicht zufrieden sein. Es gab aber auch tolle Sachen – zum Beispiel hatte man das Gefühl, der Feminismus wäre dort schon lange ausgebrochen.

Eure Auftritte wurden einmal als »Agitations-Revuen« beschrieben, eine Mischung aus politischem Vortrag und experimenteller Rock-Musik. Welche Themen haben Euch beschäftigt?

Dieter: Wir haben schon als Kabarett-Gruppe Stücke wie das Vietnam-Stück gemacht, SimSAlabimbambaSAladUSAladim. Es war nur eine halbe Stunde lang, aber eine harte Anklage gegen die Verbrechen der USA im Vietnamkrieg. Die Leute gingen nachher schweigend raus.

Das große Thema im nächsten Programm war die Konsumgesellschaft. Wir hatten erkannt – oder meinten erkannt zu haben –, dass immer mehr Konsum kein sinnvolles und erfülltes Leben bietet. Der Konsumterror war ein großes Thema für uns in den ersten Jahren.

Das hört man in Eurem ersten richtigen Rock-Album, Fließbandbabys Beat-Show, wo es noch viel um Konsumkritik geht, während in späteren Jahren vor allem Arbeitskampf und Antiimperialismus dominieren. Auch Euer Stil hat sich über die Jahre stark verändert. Wie habt Ihr Euch vom Kabarett hin zum Prog-Rock entwickelt?

Dieter: Wir waren damals die Spitze des jungen deutschen Kabaretts. Wir spielten vier Wochen lang im Münchner Rationaltheater, dem Kabarett von Rainer Uthoff in Schwabing, und innerhalb von drei Tagen waren alle Karten ausverkauft – es lief wie verrückt. Natürlich hätten wir so weitermachen und vielleicht wohlhabend werden können, aber wir wollten nicht viel Geld verdienen, wir wollten die Welt verändern!

Wir wollten ein anderes Publikum erreichen: Schüler, Lehrlinge, junge Studenten – weil die dazu bereit sind, nachzudenken und ihr Leben zu verändern. Kabarett war in uns drin, aber wir mussten etwas anders machen, wir mussten Rock-Musik machen. Aber wie geht das?

Ihr wart alle keine Musiker?

Dieter: Nein, ich persönlich überhaupt nicht. Markus Schmidt hatte schon im Kabarett Klavier gespielt und zur Gitarre gesungen. Und wir holten Dick Städtler dazu, der schon als Kind Klavierunterricht hatte. Wir hatten aber nichts, keine Anlage oder so, und keine Instrumente. Bis dahin hatte nur Hansi Frank auf einer Snare-Drum getrommelt, die wurde zu einem Schlagzeug ausgebaut, und dann haben wir eine E-Gitarre geholt, aus Holz selbst Lautsprecher gebaut und angefangen, Musik zu entwickeln und zu üben.

Hattet Ihr dabei Vorbilder?

Dieter: Frank Zappa in den USA zum Beispiel oder Tuti Kupferberg und die Fugs. Die hatten wir 1968 bei den Internationalen Essener Songtagen kennengelernt. Die machten gute Rock-Musik, aber mit politischen Texten. Wir waren schwer begeistert – in die Richtung musste es gehen.

Eure Musik sollte offensichtlich politische Inhalte vermitteln – man spürt den pädagogischen Anspruch. Haben Euch dabei bestimmte Konzepte oder Theoretiker beeinflusst?

Dieter: Nein, das war eher spontan, die Texte haben wir alle gemeinsam entwickelt und redigiert. Es gab keine Zeile, die auf der Bühne gesungen wurde, hinter der nicht jeder von uns stand.

Euer erstes richtiges Album war die allererste Platte, die beim legendären Krautrock-Label Ohr erschien, und spätere Aufnahmen wurden von Conny Plank produziert, einer Ikone der damaligen experimentellen Musikszene. Habt Ihr Euch als Teil dieser Szene verstanden? Gab es einen Austausch mit anderen Bands aus der Zeit, wie Can oder Guru Guru?

Dieter: Wir waren eher in der politischen Liedermacher-Szene unterwegs. Wir waren mit Franz Josef Degenhardt und Dieter Süverkrüp und Hannes Wader befreundet. Mit Guru Guru sind wir, glaube ich, einmal gemeinsam aufgetreten, und Can kannten wir natürlich, die waren ja auch aus Köln. Aber die Musikszene hat uns immer ein bisschen belächelt. Wir machten Musik, aber sie hatte einen Zweck. Sie sollte nicht nur schön sein, und das unterschied uns von den anderen Bands.

»Wir hatten Prinzipien: nicht mehr als ein Facharbeitergehalt verdienen, nicht unterscheiden zwischen niederen und höheren Arbeiten und alles selber aufbauen und abbauen.«

Vitti: Man traf sich auf Festivals, man kannte sich, aber wir hatten immer den Eindruck, dass die anderen uns als Musiker nicht ernst nahmen, und dafür hatten sie auch Gründe. Wir waren – bis auf mich, weil ich das gelernt hatte – keine guten Musiker. Keiner von uns konnte ein Deep-Purple-Gitarrensolo nachspielen. Ich erinnere mich, als Udo Lindenberg und die Scorpions in die Szene kamen – das waren Musiker. Wir waren Musikdarsteller. Unser Schlagzeuger hat immer gesagt: »Ich bin kein Schlagzeugspieler, ich bin Schlagzeugdarsteller.«

Ich habe mich dann richtig bemüht, aus den anderen bessere Musiker zu machen. Es war nicht so einfach, aber sie haben es irgendwie eingesehen. Sie haben auch gemerkt, dass wir mehr Komplimente von Kollegen und Musikern kriegten, seitdem ich in der Band war.

Wie kann man sich ein Konzert von Euch vorstellen?

Vitti: Eigentlich war es ein Musiktheaterstück mit Dialogen, Multimedia, mit Film, Dia-Einspielung und O-Tönen. DieGeyer-Symphonie ist ein Paradebeispiel dafür. Wir haben bei jedem Konzert auch alles selber aufgebaut, zwei einhalb Stunden Knochenarbeit vor jedem Auftritt.

Dieter: Bei den großen Bühnenprogrammen wie Koslowsky waren wir eine Rockgruppe und eine Theatergruppe gleichzeitig. Wir haben auch Filme gemacht und gezeigt. In Koslowsky gab es etwa eine Aufnahme von mir in einer Telefonzelle und anschließend bin ich dann in demselben Kostüm auf die Bühne gegangen.

Und nach dem Konzert?

Vitti: Wir sind grundsätzlich immer ins Publikum gegangen. Wir hatten auch immer einen Stand draußen, wo wir unsere Plakate verkauft haben, für 1 D-Mark. Dazu haben wir unsere Schallplatten verkauft und mit den Leuten diskutiert.

Ihr habt linke Propaganda als Merchandise betrieben?

Vitti: Wir hatten große Plakate, DIN A1 oder A0, auf denen das ganze Stück abgedruckt war, wie ein Textbuch, aber auch agitatorische Aufforderungen wie »Reicht das weiter!«, »Besetzt eure Kantine!«, »Kauft linke Bücher!«, »Lest Marx!« und so weiter. Sie gingen weg wie warme Semmeln.

Habt Ihr viel gefeiert nach den Konzerten, so wie man sich Rockstars in den 1970er Jahren vorstellt?

Vitti: Bis wir alles abgebaut hatten, war es meistens ziemlich spät. Mit Feiern war nicht viel. Wir mussten am nächsten Morgen auch wieder um 7 Uhr raus.Und was meinst Du, was das für Übernachtungen waren? Immer die billigsten Hotels, immer in Doppelzimmern, Waschbecken an der Wand, Dusche auf dem Gang – so haben wir das zehn Jahre lang gemacht.

War das eine bewusste Entscheidung?

Vitti: Ja, wir hätten uns vielleicht ein paar Roadies leisten können, aber es ging überhaupt nicht, andere Leute »niedere Arbeiten« für sich verrichten zu lassen. Wir hatten Prinzipien: nicht mehr als ein Facharbeitergehalt verdienen, nicht unterscheiden zwischen niederen und höheren Arbeiten und alles selber aufbauen und abbauen. Wir konnten nicht von der Arbeiterklasse predigen, und selber nicht wissen, wie es dem Arbeiter geht.

Waren »die Arbeiter« bei Euch im Publikum?

Vitti: Ja klar. Natürlich kamen viele Studierende, also Uni-Publikum. Aber wenn man sich als Veranstalter zum Beispiel die IG Metall aussucht, dann sind da auch Lehrlinge dabei und Arbeiter. Manchmal haben auch die DKP oder die Jusos Konzerte von uns veranstaltet – die haben dann immer wieder Schwierigkeiten gekriegt.

Wir bestanden darauf, dass der Eintritt nicht teurer sein durfte als eine Kinokarte. Das hat professionelle Veranstalter natürlich vor uns abgeschreckt, weil die konnten ja keinen Reibach mit uns machen. Wir konnten trotzdem überleben, weil unglaublich viele Leute kamen, 1975 sogar mehr als zu Udo Jürgens!

»Bevor wir gezwungen sind, durch die Eisdiele zu tingeln, hören wir lieber in Würde auf.«

Dieter: Viele Menschen fühlten sich von unserer Musik und der Art der Darstellung in ihrem Denken bestätigt. Aber wir haben sicher auch viele politisch beeinflusst. Es kommt heute noch vor, dass mich irgendwo jemand anspricht und sagt: »Du warst doch bei Floh de Cologne. Ohne euch wäre mein Leben anders gewesen.«

Gibt es ein Konzert, das Ihr besonders gut in Erinnerung habt?

Vitti: Auf jeden Fall. Das Goethe-Institut hatte als deutsche Kulturinstitution Schwierigkeiten in Holland, weil die Deutschen da nicht so beliebt waren, und hat gesagt: »Dann nehmen wir was Linkes, dann nehmen wir eben Floh de Cologne.« Als wir in Den Haag ankamen, ging ich kurz auf die Bühne um die Gitarren zu stimmen, guckte in den Saal, und da saßen nur uralte Menschen – alle in Anzügen, mit Krawatte und so weiter. Ich ging zurück und sagte: »Jungs, alles leiser stellen! Das muss ein Irrtum sein, die rechnen mit was Anderem!«

Aber nach dem letzten Ton – ein tosender Applaus! Wir wussten nicht, wie uns geschah. Wir kamen raus und schon hatten mindestens fünf so alte Leutchen uns in die Klemme genommen. Sie umarmten mich: »Das ist großartig, was ihr heute für eine Jugend seid! Wir sind alle jüdische Emigranten, aus Deutschland geflüchtet, und wir wollten mal gucken, was die deutsche Jugend heute zu sagen hat.« Wir wurden dann bis morgens um 5 Uhr überall hingeschleppt von diesen alten Leuten, die nachts noch für uns gekocht haben. Es war sowas von eindrücklich. So eine Geschichte erlebst Du nur, wenn Du Floh de Cologne bist.

Ihr habt Euch 1983 von der Bühne verabschiedet und seid nie wieder als Band in Erscheinung getreten. Wieso habt aufgehört?

Dieter: Zum einen wurden wir langsam älter: Die meisten von uns waren um die vierzig und das Publikum fing an, uns zu siezen. Dann gab es innerhalb der Gruppe Abnutzungserscheinungen im zwischenmenschlichen Bereich. Wir waren in den Jahren, wo wir sehr erfolgreich waren, bis zu zweihundert Mal im Jahr auf der Bühne.

Aber der dritte Grund ist, glaube ich, dass sich die politische Landschaft in der zweiten Hälfte der 1970er und Anfang der 80er deutlich geändert hatte. Diese Aufbruchsstimmung mit der Studentenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition war nicht mehr da. Es waren die Kohl-Jahre, alles wurde so versteinert, und viele Jugendliche dachten nicht mehr an die Veränderung der Welt, sondern nur noch an die Sicherung des Einkommens und der Rente.

Vitti:Ich habe mich damals gewundert, dass keiner gesagt hat: »Ach nee, lasst uns ein bisschen weitermachen.« Aber mit Auftritten Geld zu verdienen, wurde immer schwieriger. Und wir sagten uns: »Bevor wir gezwungen sind, durch die Eisdiele zu tingeln, hören wir lieber in Würde auf.«

Seid Ihr noch politisch engagiert? Ist von Eurer Karriere als revolutionäre Rocker etwas übriggeblieben?

Vitti: Politische Hoffnung habe ich immer noch, ohne Hoffnung kann man nicht leben. Aber meine Sozialisierung im traditionellen »Linkssein« lässt zu wünschen übrig. Ich bin zu zweifelnd und nachdenklich geworden. Vor allem in der Frage von Industrialisierung und Ressourcen-Vernichtung befürchte ich, dass es in einer irgendwie gearteten sozialistischen Gesellschaft so weiter gehen würde, lediglich unter anderen Besitzverhältnissen. Da hat der Marxismus für mich keine Lösung parat.

Dieter: Ich bin vor einigen Monaten wieder in die DKP eingetreten, nachdem ich zwanzig Jahre lang nicht mehr in der Partei war.

Vitti: Ich bin nie ausgetreten! Bloß gab es hier in Oberbayern, wo ich lebe, eine Wohngebietsgruppe in Weilheim, die hatte ungefähr sechs Mitglieder, und nach dem Fall der Mauer hat sie sich aufgelöst. Meine alten Parteibücher habe ich aber immer noch in der Schublade. Wenn also jemand nach meinem Tod rumkramt und sagt: »Ah, der war bis zu seinem Ende Kommunist«, dann weißt Du, dass das so nicht stimmt. Aber lieber jemand sagt, ich bin Kommunist, als so ein Systemling.

Loren Balhorn

Loren Balhorn ist Editor-in-Chief von JACOBIN.

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