Seit einigen Jahren wächst in der Linken das Interesse daran, die Rolle der Familie und der Reproduktionsarbeit im Kapitalismus zu analysieren. Ein Großteil dieser Arbeit entstand unter dem Banner der Sozialreproduktionstheorie. Diese stützt sich auf den feministischen Marxismus der 1970er Jahre und betont, was die Familiensoziologin Susan Ferguson als »die umfassendere soziale Reproduktion des Systems« bezeichnet, sprich: die alltägliche Betreuungsarbeit, die in Haushalten (aber auch in Schulen, Krankenhäusern, Gefängnissen und anderen Institutionen) geleistet wird. Dieser Ansatz untersucht nicht nur, wie die Familie im Kapitalismus überlebt, sondern auch, wie sie zu seiner Aufrechterhaltung beiträgt.
Diese Theorie der sozialen Reproduktion kritisiert die Rolle der Familie im Kapitalismus, stellt aber selten das Fortbestehen der Familie an sich infrage. Diese radikalere Perspektive wurde inzwischen von einem wachsenden Kreis feministischer Denkerinnen wiederbelebt – darunter Alva Gotby, Sophie Lewis, Helen Hester, M. E. O’Brien, Melinda Cooper und Kathi Weeks –, die sich für das einsetzen, was heute als feministischer Familienabolitionismus bezeichnet wird. Diese Denkerinnen wollen die Familie nicht verändern oder »reformieren«, sondern sie komplett abschaffen.
Die Argumentation für eine Abschaffung der Familie beruht auf zwei zentralen Thesen. Erstens fungiere die Familie als wichtiger Ort der kapitalistischen Reproduktion: Der Zufluss an zukünftigen Arbeitskräften werde gesichert, während gleichzeitig Erziehung, Pflege und Care-Arbeit in den privaten Zuständigkeitsbereich gedrängt würden. Zweitens sei die Familie ein Ort der Hierarchie, der Disziplin und des Zwangs. Dieses System ist strukturiert durch Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und oftmals auch Gewalt. An seine Stelle möchten Abolitionistinnen eine Welt setzen, in der Fürsorge und Care-Arbeit von Verwandtschaft abgekoppelt, kollektiv organisiert und von patriarchalen und kapitalistischen Zwängen befreit ist. Das ist sicherlich eine ambitionierte Vision. Aber ist sie tragfähig?
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Im Folgenden (und ausführlicher in meinem demnächst erscheinenden Buch) argumentiere ich, dass dies nicht der Fall ist. Der Familienabolitionismus bietet eine wertvolle Kritik an gewissen politischen Wertvorstellungen zur Kernfamilie und den ihr auferlegten Pflichten. Darüber hinaus fordert er zu Recht einen kollektiven und emanzipatorischeren Ansatz für Care-Arbeit. Allerdings überbewertet er die funktionale Notwendigkeit der Familie für den Kapitalismus und ihre Rolle als Vermittlerin kapitalistischer Macht. Darüber hinaus übergehen Abolitionistinnen nicht selten den ambivalenten Charakter des Familienlebens an sich. Sehen wir uns das Ganze einmal genauer an.
Der Kapitalismus braucht die Familie nicht
Aus Sicht feministischer Familienabolitionistinnen ist die Familie als zentraler Ort der Reproduktion von Arbeitskraft für das System notwendig. Ohne die unbezahlte Hausarbeit, Pflege und emotionale Unterstützung, die in Haushalten geleistet wird, wäre die tägliche und generationsübergreifende Erneuerung der Arbeiterschaft schlicht nicht möglich. Das führt uns zur entscheidenden Frage: Ist es für den Kapitalismus tatsächlich erforderlich, dass diese Tätigkeiten innerhalb der Kernfamilie ausgeübt werden? Ich würde sagen: Nein.
Wie die Theorie der sozialen Reproduktion selbst gezeigt hat, wird diese gesellschaftliche Reproduktionsarbeit an Orten weit über den Haushalt hinaus geleistet. Schulen, Nachbarschaft, andere Gemeinschaftsorganisationen und auch staatliche Institutionen tragen zum Erhalt und zur Erneuerung der Arbeitskräfte bei. Die Kernfamilie ist somit nur ein Knotenpunkt in einer umfassenderen Reproduktionsinfrastruktur. Die Familie ist weder allumfassend noch unverzichtbar für das Funktionieren des Kapitalismus.
Mehr noch: Der zeitgenössische Kapitalismus ist in vielerlei Hinsicht durch eine Destabilisierung der Kernfamilie als Standardform der Care-Arbeit gekennzeichnet. In Love and Gold untersucht die Soziologin Arlie Russell Hochschild die Entstehung globaler »Pflegeketten«, in denen Migrantinnen aus dem Globalen Süden die Hausarbeit in wohlhabenderen Haushalten verrichten – und dabei oft ihre eigenen Kinder daheim zurücklassen. Dieses Phänomen spiegelt die strukturellen Widersprüche wider, die durch kapitalistische Arbeitsmärkte entstehen: Je mehr Frauen im Globalen Norden einer Erwerbstätigkeit nachgehen, desto mehr werden Care-Aufgaben auf ärmere Frauen abgewälzt. Der entsprechende Markt ist oft rassifiziert und transnational.
Dies zeigt gerade nicht, dass der Kapitalismus die Familie braucht und deswegen verteidigt, sondern vielmehr, dass er Pflegearbeit ausbeutet, wo immer er kann. Care-Arbeit bleibt für das System unverzichtbar, aber ihre konkrete Gestaltung wird zunehmend flexibler. Der Kapitalismus braucht nicht die Kernfamilie, er braucht Reproduktion. Wenn wir die Familie in unserer Kritik zu eng fassen und zu sehr in den Mittelpunkt stellen, besteht die Gefahr, Form mit Funktion zu verwechseln.
Reproduktion ist die entscheidende Kategorie – sie kann vielfältige institutionelle Formen annehmen und immer wieder neu organisiert werden, ohne dass ihre essenziell wichtige Rolle für die Aufrechterhaltung kapitalistischer Verhältnisse infrage gestellt würde. Kollektive Formen der Care-Arbeit können zwar die Lasten der privatisierten Hausarbeit erleichtern und tatsächlich Raum für emanzipatorischere soziale Arrangements schaffen, aber sie sind nicht von Natur aus emanzipatorisch. Wir wissen: Auch gemeinschaftliche Pflegearbeit kann vom Kapital vereinnahmt und instrumentalisiert werden.
Was wir brauchen, ist daher eine breitere Auseinandersetzung mit der Frage, wie der Kapitalismus das Entstehen und Entfalten von Leben organisiert und ausbeutet, anstatt uns auf lediglich eine der Institutionen zu fixieren, in denen diese Reproduktion stattfindet.
Ideologie oder Überleben
Zeitgenössische Familienabolitionistinnen argumentieren, der Kapitalismus reproduziere sich über die Familie nicht nur materiell, sondern auch ideologisch. Innerhalb der Familie würden Subjekte geformt, die kapitalistische Normen verinnerlichen: individualistische, eigentumsorientierte Sichtweisen, die Klassensolidarität zersetzen und kollektiven Widerstand verhindern. Aus dieser Sicht überlebt der Kapitalismus nicht nur dank gewisser ökonomischer Strukturen, sondern auch, weil er Subjekte so formt, dass sie ihn aufrechterhalten. Die Transformation der Welt erfordere daher sowohl die Abschaffung von derartigen Institutionen als auch eine Art »Neukonfiguration« der Subjekte, die diese Institutionen aufrechterhalten.
Dies ist wohlgemerkt keine einfache Forderung nach individueller ethischer Veränderung. Familienabolitionistinnen betonen, dass andere Wünsche und ein anderes Verlangen nur durch strukturelle Veränderungen entstehen können. In Anlehnung an Shulamith Firestone lehnt Kathi Weeks die Vorstellung ab, dass individuelle Selbstverbesserung für ein solches verändertes Verlangen (»desire«) ausreichend sei. Ihrer Ansicht nach muss das Verlangen nach etwas anderem durch kollektive, materielle Veränderungen erreicht werden.
Wenn eine solche Transformation des Verlangens besonders betont wird, stellt sich die Frage nach dem Ort des Kampfes: Soll eine politische Transformation darauf abzielen, Institutionen oder einzelne Subjekte oder beides zu verändern? Der Revolutionär Leo Trotzki forderte beispielsweise Reformen, die innerhalb des Kapitalismus realistisch erschienen, aber bei ernsthafter Verfolgung die Unfähigkeit des Systems, sie zu erfüllen, offenbaren würden – und damit seine Grenzen aufzeigen und das politische Bewusstsein radikalisieren würden.
»Care-Arbeit bleibt für das System unverzichtbar, aber ihre konkrete Gestaltung wird zunehmend flexibler.«
Im Gegensatz dazu scheint Weeks weniger daran interessiert zu sein, die äußeren Grenzen des Kapitalismus aufzudecken, als vielmehr die Grenzen unserer eigenen »desires« und psychosexuellen Vermögen zu erweitern. Sophie Lewis formuliert dies in Die Familie abschaffen so: »Als Menschen zusammen zu sein und die Trennung von Menschen zu beenden – das ist eine Zukunft, die imaginiert werden kann, auch wenn wir sie noch nicht in vollem Maße herbeisehnen können. Ich weiß nicht, wie es geht, sich völlig danach zu sehnen, trotzdem kann ich es kaum erwarten, herauszufinden, was nach der Familie kommt.«
Hier wird Abolitionismus zu einer Forderung, die sich nicht nur auf Institutionen bezieht, sondern auf unsere persönlichen, unterjochten Fähigkeiten zu lieben, zu sorgen und uns etwas anderes vorzustellen. Die Familie produziere privatisierte, kleinbürgerliche Subjekte, die von Solidaritätsdenken isoliert und strukturell nicht auf ein kollektives Leben jenseits der Verwandtschaft vorbereitet seien. Wie Lewis in Surrogacy Now schreibt, ist sie »motiviert durch den Hass auf den Kapitalismus, der proprietäre, dyadische Formen der Familie fördert und queere, gemeinschaftlich-kameradschaftlichere Formen gezielt unterdrückt«.
Nun lässt sich die Annahme hinterfragen, dass die Familie per se nach Besitz strebende, individualistische Subjekte hervorbringt. Wie der Gewerkschafter und Forscher Dustin Guastella angemerkt hat, könnte man die ideale Familie genauso gut als »organische soziale Beziehung betrachten, die auf Selbstlosigkeit, uneigennütziger Fürsorge und Geschwisterlichkeit beruht«. Und wenn wir uns umschauen, finden wir zahlreiche Beispiele für Menschen, die fähig sind, einander nicht im Sinne von Besitz, sondern als konkrete andere Person zu lieben. Diese Gegenmeinung muss durchaus ernst genommen werden. Noch dringlicher ist meiner Meinung nach aber das grundlegende Problem, dass die kapitalistische Subjektivität als erster Angriffspunkt für Kritik überbewertet wird.
Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Ansichten betonen sowohl der Philosoph Søren Mau als auch der Soziologe Vivek Chibber die Zwangswirkung und Unpersönlichkeit des Kapitals als Schlüssel zum Verständnis davon, wie der Kapitalismus wachsen und gedeihen kann. Beide weisen darauf hin, dass Menschen durchaus kritisch gegenüber dem Kapitalismus eingestellt sein können, aber dennoch an ihm festhalten müssen. Das Problem ist demnach nicht, dass Menschen kapitalistische Subjekte wären, sondern dass sie im Kapitalismus leben. Zu starke Verweise auf rein ideologische Erklärungen bergen die Gefahr, die deutlich konkreteren, materiellen Gründe für Konformität mit den Anforderungen des Kapitalismus zu übersehen.
Nochmals: Die meisten Menschen passen sich kapitalistischen Normen nicht an, weil sie ideologisch getäuscht werden, sondern weil das Überleben im Kapitalismus ihnen kaum eine Alternative lässt. Eine solche materialistische Sichtweise lenkt unser Augenmerk weg von der Ideologie und hin zu den strukturellen Zwängen, die das Kapital auferlegt. Dabei zeigen sich Institutionen – einschließlich der Familie – nicht als monolithische Herrschaftsinstanzen, die kapitalistische Subjekte hervorbringen, sondern vielmehr als widersprüchliche Räume, die von kapitalistischen Imperativen, vorkapitalistischen Überresten und auch gegenhegemonialem Potenzial geprägt sind.
Die Familie ist nicht nur kapitalistisch
Abgesehen davon, dass der Familienabolitionismus auf einem allzu funktionalistischen Verständnis der Rolle der Familie innerhalb des Kapitalismus beruht, vereinfacht er zudem tendenziell die komplexe Beziehung zwischen sozialer Reproduktion und kapitalistischer Akkumulation.
Die Arbeit der feministischen Philosophin Nancy Fraser über den Kapitalismus als institutionalisierte Gesellschaftsordnung bietet einen guten Rahmen, der uns hilft, die Kernfamilie weder als pro- noch als antikapitalistisch zu verstehen. Der Kapitalismus, so Fraser, ist nicht nur ein Wirtschaftssystem, sondern basiert auf grundlegenden Trennungen zwischen wirtschaftlicher Produktion und sozialer Reproduktion, ebenso wie zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen menschlicher Arbeit und natürlichen Ressourcen sowie zwischen Ausbeutung und Enteignung. Entscheidend ist, dass der Kapitalismus auch von einer Reihe nicht-kapitalistischer »Rahmenbedingungen« abhängt: reproduktive Arbeit, politische Institutionen, natürliche Ressourcen und rassistische Enteignung.
»Ich habe gesehen, dass Familien ebenso Schaden anrichten wie Wunden heilen und Trost spenden können. Ich habe gesehen, wie Familien Ungleichheit reproduzieren, aber auch, wie sie sich dagegen wehren.«
Der Kapitalismus hat ein ambivalentes Verhältnis zu diesen nicht-ökonomischen Sphären. Reproduktionsarbeit – also die Arbeit, die die Arbeitskräfte erhält und erneuert – ist, wie Fraser zeigt, »gleichzeitig unverzichtbar sowie ein Hindernis für die Akkumulation«. Der Kapitalismus geht an Grenzen; er beutet Ressourcen ständig aus, ohne sie vollständig wieder aufzufüllen. Die Familie existiert in diesem ambivalenten Raum. Fraser beschreibt sie als »Reservoir nicht-ökonomischer Normativität«: einen Bereich von Werten, Fürsorge und Beziehungen, den der Kapitalismus zwar ausbeuten, aber sich nicht vollständig einverleiben kann. Die Familie ist demnach tief mit dem Kapitalismus verflochten und reproduziert oft unterdrückerische soziale Hierarchien, aber sie enthält auch zentrale Elemente einer Gegen-Normativität und gegenseitiger Fürsorge, die sich der kapitalistischen Logik widersetzen.
Das bedeutet auch: Das Ende des Kapitalismus wird nicht durch die Abschaffung der Familie erreicht. Wenn wir die Familie als etwas vom Kapitalismus Getrenntes, aber dennoch mit ihm Verflochtenes verstehen, können wir in ihr ein gewisses antikapitalistisches Potenzial erkennen. Dies gilt auch für andere soziale Konstellationen und Beziehungen, die über das bloße ökonomische Überleben hinaus von Bedeutung sind. Fergusons Arbeit über die Spannung zwischen kapitalistischer Zeitrechnung und der Zeit der sozialen Reproduktion verdeutlicht das Spannungsverhältnis: Die soziale Reproduktion innerhalb der Familie folgt Rhythmen und Tempi, die einerseits vom mechanisierten Tempo des Kapitalismus geprägt sind, ihm andererseits aber auch widerstehen.
Oder wie der Historiker Eli Zaretsky es ausdrückt: »Die Familie, die auf die ›natürlichen‹ Rhythmen des Essens, Schlafens und der Kinderbetreuung abgestimmt ist, kann niemals vollständig mit dem mechanisierten Tempo des industriellen Kapitalismus synchronisiert werden.« Diese Diskrepanz eröffnet einen Raum für Widerstand. Tatsächlich könnten Fürsorge, Care und soziale Reproduktion innerhalb der Familie Alternativen zur kapitalistischen Ausbeutung aufzeigen und anregen – statt diese Ausbeutungsmechanismen einfach zu reproduzieren.
Es gibt solche und solche
Als ich mit einem Freund über dieses Thema sprach, fragte er halb im Scherz: »Ist es nicht einfach so, dass diejenigen, die die Familie abschaffen wollen, aus schlechten Familien kommen, und diejenigen, die für die Familie sind, aus guten?« So nervig diese Frage auch war, sie ließ mich nicht los. Es ist einfach, die Abschaffung der Familie als persönliche Traumabewältigung abzutun – oder Familienbefürworter als Menschen, die schlicht Angst haben, etwas zu verlieren, das ihnen lieb ist. Das wäre vereinfachend und unfair. Dennoch denke ich, dass die persönlichen Interessen in diesen Debatten weit mehr Reflexion verdienen. Wir erleben Familie nicht als abstraktes Ding. Unsere Ansichten sind geprägt von komplexen Erinnerungen, emotionalen Bindungen und weitergegebenen Geschichten.
Auch meine eigene Position ergibt sich aus diesem Geflecht persönlicher und politischer Erfahrungen. Ich habe gesehen, dass Familien ebenso Schaden anrichten wie Wunden heilen und Trost spenden können. Ich habe gesehen, wie Familien Ungleichheit reproduzieren, aber auch, wie sie sich dagegen wehren. Ich habe gesehen, wie Familien scheiterten, und ich habe gesehen, wie sie überlebten. Diese Erfahrungen – und die extremen Ungleichheiten, die sich auch darin zeigen, wie unterschiedlich Familien in der Lage sind, zur Entfaltung von Einzelpersonen beizutragen und Sorgearbeit zu leisten – motivieren meine spezifischen politischen Ansichten.
Der Familienabolitionismus will Fürsorge kollektiver, gerechter und freier machen. Dieses Ziel teile ich. Doch dieses Projekt beginnt nicht mit dem Ende der Familie, sondern mit einer nüchternen Einschätzung dessen, was Familien im Kapitalismus eigentlich sind – und was nicht. Daher: Lasst uns für bessere Arten des gemeinsamen Lebens, Zusammenseins und gegenseitigen Sorgens einstehen. Aber lasst uns nicht davon ausgehen, dass es für dieses Ziel hilfreich ist, die Familie abzuschaffen.