Zum Inhalt springen

Schlager für Europa

Der Eurovision Song Contest war schon immer ein Fenster in die politische Gefühlslage Europas.

Schlager für Europa
»In ihrem Beitrag ›In Corpore Sano‹ sang Konstrakta über den mangelnden Zugang zur Gesundheitsversorgung und den Druck, gesund bleiben zu müssen, weil die Alternative einfach zu teuer ist.«IMAGO / ABACAPRESS
Veröffentlicht:

Praktisch jedes Jahr passiert beim Eurovision Song Contest irgendetwas, das die Behauptung der Organisatoren infrage stellt, der ESC sei »nicht politisch«. Tatsächlich war die ESC-Bühne seit ihren Anfängen im Jahr 1956 immer ein umkämpfter Raum, dessen kulturelle Bedeutung noch immer anhält, auch nachdem das Internet das Fernsehen als das mächtigste Medium entthront hat.

Im Jahr 2022 wurde Russland wegen seiner Invasion der Ukraine kurzerhand vom Wettbewerb ausgeschlossen und die Veranstaltung zu einer großen Solidaritätsbekundung mit dem überfallenen Land umfunktioniert. Zwei Jahre später steht die Politik des Wettbewerbs erneut im Rampenlicht – dieses Mal aber nicht wegen seiner Antikriegshaltung, sondern weil sich der ESC weigert, zum Krieg in Israel/Palästina Stellung zu beziehen.

Indes schließen sich immer mehr Künstlerinnen und Künstler der Forderung an, Israel von der Veranstaltung auszuschließen – zumindest, bis ein dauerhafter Waffenstillstand erreicht ist. Israel zeigte sich seinerseits gegenüber Eurovision unbeeindruckt, indem es Millionen für einen Werbespot während des Superbowls im Februar dieses Jahres ausgab.

Israel, das erstmals 1971 teilnahm, hat den Wettbewerb insgesamt viermal gewonnen. Der Sieg von Dana International im Jahr 1998 – der erste für eine Transfrau – war der denkwürdigste. 1998 war auch das erste Jahr, in dem das Televoting des Publikums eingeführt wurde, um den zunehmend veralteten Geschmack der Fachjurys zu umgehen.

So kam es zu einer europaweiten LGBTQ-Mobilisierung, um Dana International zu unterstützen. Dieser Schritt demokratisierte die Wahl eines »Songs für Europa« und trug dazu bei, den Wettbewerb selbst in eine informelle Pride-Feier zu verwandeln. Gleichzeitig wurde Israel in die Liste der vielen Länder aufgenommen, die die ESC-Bühne nutzen, um eine idealisierte Version ihrer selbst zu propagieren.

PAYWALL

Der Ausschluss Russlands 2022 war nicht der erste in der Geschichte der Organisation. 1993 wurde die Teilnahme der Bundesrepublik Jugoslawien abgesagt, nachdem die UN wirtschaftliche und kulturelle Sanktionen verhängt hatte, um die Jugoslawienkriege einzudämmen. Der Nachhall dieser Kriege ist noch immer auf der Bühne zu spüren, wann immer Serbien teilnimmt. Als Kroatien 2022 der serbischen Liedermacherin Konstrakta die Höchstpunktzahl von 12 Punkten gab, werteten viele dies als ein hoffnungsvolles Zeichen, dass die ethnisch-nationalistischen Auseinandersetzungen der vorigen Jahrzehnte der Vergangenheit angehören.

»1993 übertrug die bosnische Jury ihre Stimmen live aus einem Studio im belagerten Sarajewo.«

In seiner langen Geschichte hat der ESC stets die gängigen Vorstellungen von Europa infrage gestellt. Von außen betrachtet mag das Zelebrieren von Kitsch und Camp irritierend wirken – vor allem, wenn man den Kontinent für die Heimat der Hochkultur hält. Dabei ist der Wettbewerb die europäischste Sache überhaupt. Seine Wurzeln liegen in der Hochtechnologie und im Kalten Krieg sowie in der Schaffung eines gemeinsamen Standards, um verschiedene verdinglichte lokale Kulturen zu beurteilen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Fernsehen zu einem Indikator für die technologische Entwicklung eines Landes, wobei jeder Staat damit beschäftigt war, seine eigenen Rundfunkprotokolle zu entwickeln. 1948 gründeten 26 Länder aus Ost- und Westeuropa die Internationale Rundfunk- und Fernsehorganisation, um die nationalen Rundfunkdienste zu verbinden. Politische Spannungen führten aber 1950 dazu, dass die meisten westeuropäischen Mitglieder die Organisation verließen und die Europäische Rundfunkunion (EBU) gründeten. Die Aufgabe der EBU war es, den Austausch zwischen den Ländern zu fördern und die Standards zu koordinieren. Das erforderte ein gemeinsames Programm, das in allen Mitgliedsländern ausgestrahlt werden sollte.

Die Lösung für dieses Problem kam in einer unerwarteten Form – einem Gesangswettbewerb. Auf Vorschlag des Schweizer EBU-Präsidenten Marcel Bezençon wurde der Eurovision Song Contest 1956 im Schweizerischen Lugano ins Leben gerufen. Es war die erste große Veranstaltung, bei der europäische Länder live im Fernsehen gegeneinander antraten, vier Jahre vor der Fußball-Europameisterschaft.

Beim zweiten Wettbewerb, der 1957 in Frankfurt stattfand, nahmen zehn Länder teil. Wenige Wochen später unterzeichneten sechs von ihnen die Römischen Verträge, das entscheidende Dokument für die Gründung der Europäischen Union. Ab 1961 war Jugoslawien das einzige sozialistische Land, das am Wettbewerb teilnahm, und bis in die 1990er Jahre auch das einzige osteuropäische. 2022 nahmen schließlich vierzig verschiedene Staaten an zwei Halbfinal-Veranstaltungen und einem separaten Finale teil, die alle live übertragen wurden.

Dass dabei auch Länder mitmachen, die sich im Krieg befinden, ist kein Novum des Jahres 2022. Im Jahr 1993 nahmen Kroatien und Bosnien und Herzegowina zum ersten Mal als unabhängige Länder teil, während in weiten Teilen des zerfallenen Jugoslawiens Kampfhandlungen stattfanden. Die bosnische Jury übertrug ihre Stimmen live aus einem Studio im belagerten Sarajewo. Das war ein trauriges Ende des seltsamen Raums, den sich Jugoslawien bei der Eurovision geschaffen hatte: Es nutzte den Wettbewerb weniger, um die Blockfreiheit zu fördern, sondern warb vielmehr für seine sonnigen Strände an der Adria.

Am erfolgreichsten war Jugoslawien in seiner Dämmerung 1989, als seine Abgesandten, die Band Riva, »Rock me Baby« sang und sich den Weg zum Sieg bahnte. Ein Jahr später verzauberte der italienische Sänger Toto Cutugno die Jury auf der Bühne des berühmten modernistischen Konzertsaals Vatroslav Lisinski in Zagreb mit »Insieme: 1992« (Gemeinsam: 1992). Das Lied feierte die bevorstehende Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht, der die Europäische Gemeinschaft in die Europäische Union umwandeln sollte. Nur eine Woche später bekämpften sich im nahegelegenen Maksimir-Fußballstadion rivalisierende Anhänger der Fußballvereine Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad in einem blutigen Prolog zum Zerfall Jugoslawiens.

Für andere ehemals sozialistische Länder sollte die Teilnahme am Eurovision Song Contest in den 1990er Jahren als Symbol und Vorbote einer blühenden »europäischen« Zukunft dienen. Jeder Beitrittskandidat musste bestimmte Voraussetzungen erfüllen: eine öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt, die Mitgliedschaft in der EBU und die technische Fähigkeit, den gesamten Wettbewerb ohne Unterbrechung zu übertragen.

»Konstraktas Anziehungskraft resultierte aus ihrem ausdrücklichen Bemühen, grundlegende Probleme anzusprechen, mit denen die Menschen in der gesamten Region konfrontiert sind.«

Die Mitgliedschaft in der EBU ist an den Europäischen Rundfunkraum (EBA) gebunden, dessen Grenzen von der Internationalen Fernmeldeunion festgelegt werden. Ursprünglich waren Armenien, Aserbaidschan und Georgien davon ausgeschlossen, bis die Grenzen nach jahrelangem Lobbying Anfang der 2000er Jahre geändert wurden. Die südliche Grenze umfasst nordafrikanische Länder wie Marokko und im Nahen Osten Israel. Der Libanon wollte 2005 teilnehmen, zog aber in letzter Minute zurück.

Die wiederkehrende Frage nach dem ESC in Krisenzeiten führt uns zurück zur serbischen Sängerin und Songschreiberin Konstrakta. Die ungewöhnlich große Unterstützung, die sie in der gesamten jugoslawischen Region erhielt, war kein Zeichen dafür, dass die nationalistischen Spannungen in der Region nachgelassen haben. Tatsächlich war das Jahr 2022 einer der angespanntesten Sommer in der Region seit Ende der Kriege. Vielmehr resultierte Konstraktas Anziehungskraft aus ihrem ausdrücklichen Bemühen, grundlegende Probleme anzusprechen, mit denen die Menschen in der gesamten Region konfrontiert sind.

In ihrem Beitrag »In Corpore Sano« (ein lateinischer Ausdruck, der »In gesundem Körper« bedeutet) sang Konstrakta über den mangelnden Zugang zur Gesundheitsversorgung und den Druck, gesund bleiben zu müssen, weil die Alternative einfach zu teuer ist. In diesem Fall konnte ein Eurovision-Beitrag tatsächlich »Menschen zusammenbringen«. Er kanalisierte die geteilte Unzufriedenheit über das Versagen der postsozialistischen Staaten, grundlegende soziale Bedürfnisse zu befriedigen – wie »europäisch« sie nun auch sein mögen.

Dubravka Sekulić

Dubravka Sekulić ist Architektin, Theoretikerin und Pädagogin. Sie ist die Autorin von

Alle Artikel
Tags: Politik

Weitere in Politik

Alle anzeigen

Von unseren Partnern

Neues Buch

Neues Buch

Creative Construction: Demokratische Planung im 21. Jahrhundert. Herausgegeben von Jan Groos und Christoph Sorg, mit einem Vorwort von Kohei Saito und Beiträgen von: Audrey Laurin-Lamothe, Frédéric Legaul, Simon Tremblay-Pepin, Jakob

Von Ole Rauch
/