Akademiker geben ihren Forschungseinrichtungen gerne hochtrabende Namen. Aber das Future of Humanity Institute der Universität Oxford – also das Institut für die Zukunft der Menschheit – ist selbst für eine Eliteinstitution, die es für selbstverständlich hält, das viele ihrer Absolventinnen in die Zirkel der Macht aufsteigen, ziemlich großspurig.
Der zukunftsgerichtete Blick und die universalistische Perspektive, die im Namen anklingen, erwecken den Eindruck, das Institut würde kosmopolitische und egalitäre Positionen vertreten. Umso überraschender war es für manche, als kürzlich eine rassistische E-Mail von Nick Bostrom, einem Professor des Instituts, wieder auftauchte. In dieser Nachricht, die 1996 an eine transhumanistische Mailingliste versendet wurde, die Bostrom abonniert hatte, behauptet der damals angehende Oxford-Professor: »Schwarze sind dümmer als Weiße.« Später im Text setzt er noch einen drauf und verkündet enthusiastisch: »Ich mag diesen Satz und denke, er ist wahr.«
Als vermeintlichen Beleg für seine Behauptung verweist Bostrom in der Mail auf »wissenschaftliche« Befunde über IQ-Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen. Wie zu erwarten glaubt Bostrom, dass ein offener Diskurs über diese wichtigen Themen aus Angst vor Rassismus-Vorwürfen vermieden würde: »Für die meisten Menschen scheint dieser Satz jedoch gleichbedeutend zu sein mit der Aussage: ›Ich hasse diese verdammten N–!!!‹«.
In Anbetracht dieser Sorge schlussfolgert er, dass bei der Vermittlung der »Fakten« über die relative geistige Unterlegenheit bestimmter Gruppen Vorsicht geboten sei. Schließlich wolle man nicht des Rassismus bezichtigt werden oder »persönlichen Schaden« riskieren. Er betont hartnäckig, kein Rassist zu sein, und scheint das auch tatsächlich zu glauben.
Man könnte meinen, dieser Jahrzehnte zurückliegende Vorfall sei heute nicht mehr wirklich relevant. Und vermutlich wäre das auch so, hätte Bostrom nicht kürzlich eine Entschuldigung in Umlauf gebracht, in der er jedoch die zentralen Behauptungen seiner rassistischen Tirade kaum anfechtet. »Ich distanziere mich vollkommen von dieser abscheulichen E-Mail von vor 26 Jahren«, schreibt Bostrom. Und weiter: »Sie gibt meine damaligen und heutigen Ansichten nicht akkurat wieder. Der Ausspruch eines rassistischen Schimpfworts war abstoßend. Ich habe mich damals innerhalb von 24 Stunden für das entschuldigt, was ich geschrieben hatte, und ich entschuldige mich heute erneut ohne Vorbehalte. Ich schrecke zurück, wenn das lese und lehne es strikt ab.«
Das Hauptproblem sieht Bostrom also in der Verwendung eines rassistischen Schimpfwortes und nicht in seiner Neigung zu pseudowissenschaftlichen Vorstellungen über »Rassenunterschiede«.
Reich werden, um den Armen zu helfen
Bostrom ist ein Verfechter des sogenannten Longtermism. Dieses vormals eher randständige Konzept ist dank des Bestellers What We Owe the Future (zu deutsch »Was wir der Zukunft schuldig sind«) des Philosophen William MacAskill im letzten Jahr äußerst populär geworden. MacAskill ist ein Pionier des Effektiven Altruismus, dem das Konzept des Longtermism entstammt. Dessen Grundprinzip besagt, dass wir der Menschheit der Zukunft, egal wie fern diese auch sein mag, den gleichen moralischen Wert beimessen müssen wie heute lebenden Menschen. Auch wenn diese Vorstellung harmlos erscheint, wird sie von Reaktionären und Tech-Gurus gefördert, die Bostrom und MacAskill mit Forschungsgeldern in Millionenhöhe unterstützen.
»Mein extremer Reichtum ist gut, egal wie unverhältnismäßig er auch sein mag, weil andere davon profitieren werden – wenn nicht heute, dann sicherlich morgen.«
Warum sind Tech-Milliardäre derart von Effektivem Altruismus und Longtermism begeistert, dass sie MacAskill und seine Clique mit Stipendien überhäufen, ihre Bücher empfehlen und sie zu Aufenthalten nach Kalifornien einladen?
PAYWALL
Die kurze Antwort lautet, dass der Effektive Altruismus im Grunde eine konservative Bewegung ist, auch wenn er als neuer und bahnbrechender Ansatz gehyped wird. Denn aus Perspektive des Effektiven Altruismus sind Milliardäre die Lösung für die globale Armut und nicht deren Ursache. Die Bewegung hat sich parasitär innerhalb der Milliardärsklasse ausgebreitet und liefert ihnen eine moralische Rechtfertigung für ihren exzessiven Reichtum.
Auf einer von Google veranstalteten Konferenz im Jahr 2015 verkündeten die Organisatorinnen und Organisatoren enthusiastisch, dass der »Effektive Altruismus die letzte soziale Bewegung sein könnte, die wir jemals brauchen werden«. So unglaubwürdig diese Aussage auch sein mag, hat sie es doch irgendwie geschafft, zur Parole der idealistischen Superreichen zu werden.
Der Effektive Altruismus basiert auf einer Weltanschauung, die vom Philosophen Peter Singer bis zum Urvater des Konsequentialismus, Jeremy Bentham, zurückreicht (der Substack eines Fans des Effektiven Altruismus trägt passenderweise den Titel »Benthams Bulldogge«). Seine Befürworterinnen und Befürworter sind davon überzeugt, dass sich rationale Entscheidungen über philanthropische Ausgaben ausschließlich auf Basis messbarer Wirksamkeit – etwa der Anzahl geretteter Leben – fällen lassen.
Das Interesse an messbaren Erfolgen ist in vielerlei Hinsicht nicht besonders verwerflich und auch nicht besonders neu. Räuberbarone wie Andrew Carnegie oder John D. Rockefeller, die im Wirtschaftsboom nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg ein Vermögen anhäuften, beriefen sich auf die Managementprinzipien des Taylorismus, wenn sie behaupteten, dass sie ihre Spenden auf wissenschaftlicherer Grundlage tätigten als frühere Philanthropen. Jedes Zeitalter hat seine eigene Apologie für extremen, konzentrierten Reichtum. Auch wenn sich die wohltätigen Zwecke, für die gespendet wird, mit der Zeit ändern, ist die Denkweise dahinter mehr oder weniger dieselbe geblieben: Mein extremer Reichtum ist gut, egal wie unverhältnismäßig er auch sein mag, weil andere davon profitieren werden – wenn nicht heute, dann sicherlich morgen.
»Die extremste Auslegung dieser Idee gipfelt in der Behauptung, dass es moralisch betrachtet vielleicht gar nicht ›gut‹ sei, das Leben armer Menschen zu retten, weil nämlich reiche Menschen ›innovativer‹ und damit wertvoller wären.«
Der Ansatz »earn to give« – verdienen, um zu geben – ist das jüngste Beispiel dieser vermeintlich rationalen Rechtfertigung von Ungleichheit. Er beruht auf der Idee, dass Menschen moralisch dazu verpflichtet seien, ihren Reichtum so weit wie möglich zu vergrößern, damit sie mehr spenden können. Die extremste Auslegung dieser Idee gipfelt in der Behauptung, dass es moralisch betrachtet vielleicht gar nicht »gut« sei, das Leben armer Menschen zu retten, weil nämlich reiche Menschen »innovativer« und damit wertvoller wären.
»Jetzt erscheint es mir plausibler, dass die Rettung eines Lebens in einem reichen Land wesentlich wichtiger ist als die Rettung eines Lebens in einem armen Land, wenn alle anderen Umstände dieselben sind«, schrieb Nick Beckstead 2013 in seiner Doktorarbeit, die er an der renommierten Rutgers University ablegte. Beckstead wurde danach Forschungsstipendiat am Future of Humanity Institute, bevor er zum CEO der FTX Foundation aufstieg, die er im Zuge der jüngsten Kontroverse um Sam Bankman-Fried, den Gründer der Krypto-Börse FTX, und der Insolvenz des Unternehmens wieder verließ.
Das Genie bürgerlicher Dummheit
Sicherlich stimmt nicht jeder Fan des Effektiven Altruismus mit Becksteads Behauptung überein, dass das Leben reicher Menschen rettenswerter sei als das armer Menschen. Doch die begehrtesten Stellen in den Forschungseinrichtungen für Effektiven Altruismus werden von denjenigen besetzt, die wie Beckstead besonders extreme, kapitalfreundliche Positionen zu Trickle-Down-Politik verfechten. In den Foren des Effektiven Altruismus brodelt währenddessen die Frustration der breiten Masse, die langsam begreift, dass eine hierarchische Bewegung, die von einer Handvoll medienwirksamer Männer und den von ihnen verehrten Milliardären angeführt wird, vielleicht doch nicht die Welt retten wird.
Viele, die Bücher wie MacAskills Erstlingswerk Gutes besser tun begeistert gelesen und sich dazu inspiriert gefühlt haben, »so viel zu geben, wie möglich«, sind mittlerweile gefrustet. Viele, die es ernst meinten und den Armen wirklich helfen wollten, fühlen sich jetzt hintergangen. Und sie haben allen Grund dazu. Angesichts ihrer Aufrichtigkeit fühlt es sich fast ein bisschen gemein an, ihnen zu erklären: Nein, ihr seid nicht die letzte soziale Bewegung, die die Menschheit jemals brauchen wird. Viele von ihnen scheinen kaum etwas über frühere Bewegungen zu wissen – das wurde mir während meiner Zeit als Forschungsstipendiatin in Oxford immer wieder klar, als ich in den Anfangstagen der Bewegung vielen führenden Figuren des Effektiven Altruismus begegnete.
Am Anfang dachte ich, wir teilten ein gemeinsames Anliegen. Bevor ich nach Oxford kam, hatte ich als Journalistin und Aktivistin über Bewegungen berichtet, die forderten, eine globale Handelspolitik zu reformieren, die arme Länder am Erwerb von Arzneimitteln sowie der Einnahme inländischer Steuern hinderte und ihren politischen Handlungsspielraum beschränkte. Viele Fans des Effektiven Altruismus sprachen zwar von der Überwindung der globalen Armut, hatten aber noch nie etwas von der Welthandelsorganisation (WTO) oder dem Internationalen Währungsfonds (IWF) gehört. Dieses Unwissen schien sie nicht zu verunsichern, sondern dazu zu ermutigen, großtuerische Behauptungen über die »Gegebenheiten« der Weltwirtschaft aufzustellen.
In einem Kapitel aus MacAskills erstem Buch, das den Titel »Moralische Argumente für Produkte aus Sweatshops« trägt, wird die Ausbeutung von Arbeitskräften in Sweatshops als unbestreitbarer Gewinn, wenn nicht sogar als segensreiches Geschenk für arme Länder angepriesen. MacAskill behauptet, dass es unter Ökonomen auf der Linken wie auf der Rechten unbestritten sei, dass die Bevölkerung armer Länder von Sweatshops profitieren würde. Die hier von ihm zitierten Gewährsmänner sind die liberalen Ökonomen Paul Krugman und Jeffrey Sachs. Die empirische Grundlage für sein Argument scheint größtenteils den Kolumnen von Nicholas Kristof in der New York Times entnommen zu sein. »Ich würde gerne in einer Fabrik arbeiten«, meint eine kambodschanische Frau gegenüber Kristof.
Man kann sicherlich einige Ökonominnen und Ökonomen aus dem gesamten politischen Spektrum finden, die Sweatshops gutheißen. Aber man kann auch Unmengen an Forschung aus dem Globalen Süden finden, die die Steuerverluste und die Einschüchterungen dokumentiert, mit denen Nationen dazu gedrängt werden, die drakonischen Kreditbedingungen des IWF zu akzeptieren. MacAskill ignoriert jede Position, die seinen konservativen Vorurteilen zuwiderläuft. Das liegt womöglich auch daran, dass ihn die Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven dazu zwingen könnte, seine philosophische Haltung zu überdenken, die auf der Annahme beruht, man müsse das reichste Prozent der Weltbevölkerung dazu ermuntern, die Armen so viel wie möglich auszubeuten, weil dabei privater Reichtum entsteht, der anschließend gespendet werden kann.
MacAskills strategische Ignoranz ist nicht ungewöhnlich. In der Tradition jenes Strangs der anglophonen Philosophie, aus dem der Effektive Altruismus hervorging, ist sie fest verankert. James Mill, der Vater von John Stuart Mill, veröffentlichte 1817 eine Geschichte Indiens, die ihn weltweit als eine der wichtigsten Autoritäten zu diesem Thema in Stellung brachte, was ihm später zu einer leitenden Position in der East India Company verhalf. Auch wenn es kaum nachvollziehbar ist, beschloss er, während seiner Arbeit an diesem dreibändigen Werk Indien nicht zu bereisen, um nicht von lokalen Normen beeinflusst zu werden. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen sagte einmal, dass Mill wohl zu glauben schien, seine Darstellung der Geschichte würde objektiver werden, indem er das Land nicht besuchte.
Anti-utilitaristische Denker wie Friedrich Nietzsche und Karl Marx waren über diese bewusste Ignoranz brüskiert. Marx kritisierte Bentham auf Schärfste und verunglimpfte ihn als den »Urphilister« sowie als das »nüchtern pedantische, schwatzlederne Orakel des gemeinen Bürgerverstandes des 19. Jahrhunderts«.
»Bentham ist ein rein englisches Phänomen«, erklärt Marx im ersten Band des Kapitals. »Zu keiner Zeit und in keinem Land [hat] der hausbackenste Gemeinplatz sich jemals so selbstgefällig breitgemacht.« Marx sah elitäre Institutionen als Nährboden für eine Kombination aus Arroganz und Ignoranz, die für die schlimmsten Auswüchse der britischen Moralphilosophie verantwortlich war. Das Gleiche lässt sich heute über den Effektiven Altruismus sagen.
Unwissenschaftlicher Stuss
Als Bostrom seine falschen, wissenschaftsfeindlichen Kommentare über IQ-Tests abließ, hat mich das kaum überrascht, denn ich kannte ihn und seine Vertrauten. Als Anders Sandberg, ein Wissenschaftler des Future of Humanity Institute, seinen Kollegen verteidigte, kurz nachdem Bostroms rassistische E-Mail öffentlich wurde, achtete er darauf, die Kernaussagen nicht infrage zu stellen.
Sandberg implizierte stattdessen, an der Mail wäre an sich nichts falsch gewesen, Bostrom solle angesichts des »neu entdeckten« historischen Bewusstseins über den Rassismus aus Höflichkeitsgründen einfach auf rassistische Ausdrücke verzichten. »Die Mail ist im aktuellen kulturellen Kontext deutlich verletzender geworden: Grade der Anstößigkeit wandeln sich, wenn sich kulturelle Einstellungen wandeln«, twitterte Sandberg im Januar 2023. »Es führt zu Problemen, wenn alte Texte nach aktuellen Maßstäben interpretiert werden.«
Dass Sandberg nicht weiß, dass rassistische Ausdrücke auch im Jahr 1996 schon beleidigend waren, ist kaum vorstellbar. Doch selbst wenn wir diese absurde Annahme gelten lassen, ist das hauptsächliche Problem mit Bostroms Mail nicht sein Schreibstil. Es ist die dem zugrunde liegende Weltanschauung, die zweifelhafte Verbindungen zwischen IQ und Intelligenz zieht, um rassistischen Vorurteilen über die Welt eine Rechtfertigung zu liefern.
»Die Feststellung, dass 99,9 Prozent der DNA aller Menschen identisch ist, hat weiße Rassistinnen und Rassisten nicht von ihrem Kurs abgebracht. Sie stürzen sich stattdessen auf die 0,1 Prozent Abweichung.«
1996 sollte es noch Jahre dauern, bis der erste »Entwurf« des menschlichen Genoms sequenziert und veröffentlicht werden sollte. Erst im Jahr 2003 machte ein weltweites Konsortium eine aufregende Ankündigung, über die der Guardian berichtete: »Fünfzig Jahre nach der Entdeckung der Struktur der DNA wurde der gesamte genetische Code eines Menschen mit einer Genauigkeit von 99,999 Prozent sequenziert.«
Diese Sequenzierung war – und bleibt – eine schlechte Nachricht für Rassistinnen und Rassisten weltweit. Eine kürzlich erschienene Forschungsarbeit fasst zusammen, dass »die Menschen, die heute die Erde bevölkern, im Durchschnitt zu 99,9 Prozent genetisch identisch sind. Für ›Rasse‹ gibt es keine genetische Grundlage. Innerhalb einer ›Rasse‹ gibt es mehr genetische Variationen als zwischen ihnen«.
Eine jahrhundertelange Debatte darüber, wie aussagekräftig ethnische Einteilungen in biologischer Hinsicht sind, wurde mit diesem Forschungsergebnis entschieden. Die Antwort ist eindeutig: überhaupt nicht – nicht auf der Ebene genetischer Unterschiede. Und schon gar nicht auf der Ebene kognitiver Unterschiede, die viel schwerer zu definieren und zu untersuchen sind als die Genetik.
Das Comeback der Rassenlehre
Zurück zu Bostrom: »Schwarze sind dümmer als Weiße.« Diese grob pauschalisierende Aussage war schon im Jahr 1996 moralisch und wissenschaftlich suspekt. Heute ist sie jedoch besonders beschämend und entlarvend, da wir inzwischen viel besser wissen, wie falsch es ist, Menschen in biologische »Rassen« einzuteilen. Bostrom beteuert, kein Rassist zu sein. Dann sollte er auch keine rassistischen Behauptungen verbreiten.
Natürlich ist Bostrom nicht allein für seine Fehler verantwortlich. Pseudowissenschaftliche Ansichten dieser Art werden durch eine ganze Reihe von kommerziellen, pädagogischen und politischen Faktoren befördert, die dafür sorgen, dass die imperiale Klassifizierung von Menschen in »Rassen« auch im 21. Jahrhundert noch betrieben wird – lange nachdem ihre biologische Grundlage, die von Anfang an nicht existierte, abschließend widerlegt wurde.
Abstammungstests spielen dabei eine wichtige Rolle, da sie weiße Rassistinnen und Rassisten dazu verleiten, auf der Grundlage ihrer Herkunft und der Regionen, aus denen ihre Vorfahren stammten, verschiedene Stufen genetischer »Reinheit« für sich in Anspruch zu nehmen. Die frühe Rassentheorie basierte auf Kategorien, die im 18. Jahrhundert entwickelt wurden. Der Naturwissenschaftler Johann Blumenbach und andere behaupteten damals, es gäbe fünf »Rassen«: Kaukasier (weiß), Mongolen (gelb), Malaien (braun), Äthiopier (schwarz) und Amerikaner (rot). Die Abstammungstests von heute übernehmen diese Kategorien zwar nicht exakt, sind aber in gewisser Hinsicht fast genauso problematisch, wenn es darum geht, die Illusion unterschiedlicher »Rassen« aufrechtzuerhalten.
»Abstammungstests sind das neue Mode-Produkt«, schreibt die Wissenschaftlerin Vivian Chou. Der Nachweis der Verwandtschaft mit entfernten Bevölkerungen bietet verschiedenen Gruppen eine Möglichkeit, auf ihre Überlegenheit zu bestehen, obwohl wir längst wissen, dass es »so viel Uneindeutigkeit zwischen ethnischen Gruppen und so viele Unterschiede innerhalb von ethnischen Gruppen gibt, dass zwei Menschen europäischer Abstammung einer asiatischen Person genetisch ähnlicher sein können als einander«.
Die Feststellung, dass 99,9 Prozent der DNA aller Menschen identisch ist, hat weiße Rassistinnen und Rassisten nicht von ihrem Kurs abgebracht. Sie stürzen sich stattdessen auf die 0,1 Prozent Abweichung und suchen gezielt nach »Ideen, die mit ihren vorgefassten Ansichten übereinstimmen«, während sie »den Kontext der Humangenetik ignorieren«, schreibt Chou.
Der neuste Trend in diesen Kreisen ist, das Erbe der Neandertaler geltend zu machen – im Vergleich zu den meisten Menschen, die aus Afrika stammen, haben nämlich viele, die aus Europa stammen, etwas DNA von Neandertalern geerbt. Und das soll Weißen außergewöhnliche Intelligenz verleihen. Chou schreibt: »Einige Vertreter der Alt-Right haben behauptet, Europäer und Asiaten seien von überlegener Intelligenz, weil sie von ihren Neandertaler-Vorfahren größere Gehirne geerbt hätten.«
Es ist natürlich vollkommen unmöglich zu beweisen, dass dieses Neandertaler-Erbe irgendeinen Einfluss auf die heutige Intelligenz einer Person ausübt. Weiße Rassistinnen und Rassisten verweisen in diesem Zusammenhang auf die Schädelgröße und behaupten, die größeren Gehirne der Neandertaler würden bedeuten, dass sie anderen Gruppen geistig überlegen gewesen sein müssen. Schon klar.
Vorurteil mit Folgen
Es ist wohl zu erwarten, dass Anhängerinnen und Anhänger der Neuen Rechten eine Schwäche für diese Art von Pseudowissenschaft haben, aber was ist Bostroms Ausrede?
Er stützte seine Aussage auf IQ-Tests. Bis heute scheint er darauf zu bestehen, dass die »Wissenschaft« des IQ-Tests belastbar genug sei, um seiner Behauptung, dass »Schwarze dümmer sind«, eine objektive Grundlage zu bieten.
Aber IQ-Tests sind genauso ein soziales Konstrukt wie Blumenbachs Versuch, die Menschheit in fünf verschiedene »Rassen« einzuteilen. Ihre objektiven Mängel und ihre potenzielle Instrumentalisierung haben die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon abgehalten, auf Basis einer zutiefst subjektiven und unsicheren wissenschaftlichen Methode allgemeine Aussagen zu treffen.
Der IQ eines Menschen wird durch zahlreiche Faktoren beeinflusst, darunter der sozioökonomische Status, finanzielle Möglichkeiten, Lernressourcen und psychosomatische Ängste. Steigt der Lebensstandard, verändern sich die Testergebnisse innerhalb einer Gruppe im Laufe der Zeit dramatisch. Ein Bericht des Brookings Institute aus dem Jahr 1998 über die Leistungsunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen stellte beispielsweise fest:
»82 Prozent derjenigen, die den Stanford-Binet-Test im Jahr 1978 absolvierten, erzielten ein Ergebnis, das über dem Durchschnitt für Personen desselben Alters im Jahr 1932 lag. Der Durchschnitt innerhalb der Gruppe der Schwarzen im Jahr 1978 glich etwa dem Durchschnitt innerhalb der Gruppe der Weißen im Jahr 1932.«
Wenn man einmal von grundsätzlichen Fragen absieht – etwa ob es überhaupt sinnvoll ist, die kognitiven Fähigkeiten von Menschen zu vergleichen, die unter sehr unterschiedlichen Bedingungen lebten, die jeweils sehr unterschiedliche Fähigkeiten erforderten –, scheinen diese und ähnliche Befunde Bostroms Behauptung auf den ersten Blick zu bestätigen. Während einige Forscherinnen und Forscher Daten wie diese herauspicken, um Bostroms Ansicht zu verteidigen, schlussfolgern andere im Gegenteil, dass die Veränderungen des IQ vielmehr zeigen, wie stark die Ergebnisse kognitiver Tests von äußeren Umständen beeinflusst werden.
Auf internationalen IQ-Ranglisten liegen die USA in der Regel hinter der Mongolei, um nur eines der Länder zu nennen. Sind Amerikaner also dümmer als Mongolinnen? Bostrom müsste davon eigentlich überzeugt sein, wenn man seine Neigung zu groben Verallgemeinerungen auf Grundlage mangelhafter IQ-Messungen bedenkt. Das ist jedoch gar nicht der Punkt, auf den Bostrom hinauswollte – vielleicht, weil es seine mehrheitlich weißen philanthropischen Spenderinnen und Spender verärgern könnte, wenn er die amerikanische Intelligenz verunglimpfen würde. »Schwarze« hingegen kann er sorglos herabwürdigen.
In den 1990er Jahren etablierte eine Studie der Psychologen Claude Steele und Joshua Aronson das Konzept der »Bedrohung durch Stereotype«. Sie zeigte, dass schwarze Studierende in Stanford messbar schlechter abschnitten als ihre weißen Kommilitoninnen, wenn sie vor der Teilnahme an einem Test aufgefordert wurden, ihre Ethnie anzugeben, und man ihnen sagte, dass ihre geistigen Fähigkeiten geprüft würden. Wurde derselbe Test als nicht-diagnostischer Test präsentiert, schnitten die gleichen Studierenden genauso gut ab wie ihre weißen Kommilitonen.
Zwanzig Jahre später sind Effekte der Bedrohung durch Stereotype über verschiedene Gruppen hinweg in einer Vielzahl von Studien dokumentiert worden. Eine aktuelle Studie schlussfolgert etwa:
»Die Ergebnisse zeigen, dass weiße Männer – eine Gruppe mit relativ hohem sozialen Status – schlechtere Leistungen erbringen, wenn sie glauben, dass ihre mathematischen Fähigkeiten mit denen asiatischer Männer verglichen werden. Sie scheinen auch schlechter abzuschneiden als schwarze Männer, wenn es bei motorischen Aufgaben darum geht, ihre ›natürliche sportliche Leistungsfähigkeit‹ zu bemessen.«
Diese Untersuchungen zeigen, dass Stereotype wie eine selbsterfüllende Prophezeihung funktionieren. Sie beeinflussen »das Verhalten von Individuen in einer Weise, die ihre eigene Leistung untergräbt und das Stereotyp verstärkt«.
Gefährliche Täuschung
Genau deswegen ist Bostroms pauschale Behauptung über die intellektuelle Minderwertigkeit schwarzer Menschen so gefährlich und so verheerend. Studien über die empirischen Auswirkungen, die stereotype Behauptungen auf niedrigere Leistungen ausüben, belegen dies. Mehr noch, Bostrom weiß das – oder er sollte es zumindest wissen.
Das Verhalten von Bostrom wird derzeit von Oxford untersucht. »Die Universität und die Philosophische Fakultät gehen der Angelegenheit nach, aber verurteilen die Ansichten, die dieser Wissenschaftler in seinen Korrespondenzen geäußert hat, aufs Schärfste«, wie die Universität der Nachrichten-Website Daily Beast in einer Erklärung mitteilte.
In seiner Mail von 1996 behauptete Bostrom, er sei ein Fan »kompromisslos objektiven« Denkens. Indem er sämtliche wissenschaftliche Widerlegungen des Rassismus des 19. Jahrhunderts ausblendet, betreibt er jedoch genau das Gegenteil. Die »Objektivität«, die Bostrom zu idealisieren und zu verkörpern behauptet, mag ein schillerndes Trugbild sein, das ihm und seinen reichen Geldgebern Trost spendet. Aber es ist ganz sicher nicht die Wahrheit.