Am 6. Januar 2021 stürmte eine rechte Menge, angeheizt von Donald Trumps Verschwörungstheorie der gestohlenen Wahl, das US-amerikanische Kapitol, um die Amtsübergabe an Joe Biden zu verhindern. Es war ein gewalttätiger Akt, bei dem fünf Menschen getötet und 140 verletzt wurden. Der Sturm auf das Kapitol war ein Scheidepunkt. Es war der Tag, an dem offenbar wurde, dass Trump mehr als nur ein gewöhnlicher autoritärer Populist war.
Der bekannte Faschismushistoriker Robert Paxton hatte sich bis dahin immer dagegen ausgesprochen, Trump als Faschisten zu kategorisieren. Nun, erklärte er, habe er seine Einschätzung geändert. Er war in dieser Hinsicht ein Nachzügler, viele andere waren sich schon lange sicher. Angesichts des rohen Rassismus, der augenzwinkernden Unterstützung von Gewalt, dem Hass auf Linke und Liberale wird der Begriff des Faschismus immer wieder aufgerufen, vor allem in der US-amerikanischen Diskussion seit dem Aufstieg von Donald Trump. Es ist ein drastischer, historisch aufgeladener Begriff, der jedoch häufig lediglich dazu dienen soll, moralisch aufzurütteln. Er will sagen: Wacht auf! Aber was soll das genau heißen?
Fast genau hundert Jahre zuvor war der Faschismus in Italien das erste Mal an die Macht gelangt. Mussolini hatte aus den lokalen paramilitärischen Squadristi (Schwarzhemden) und Fasci di Cambattimento eine Massenbewegung und Partei mit 300.000 Mitgliedern geformt. Durch ihren Marsch auf Rom, an dem 50.000 Faschisten beteiligt waren, eroberte die hoch organisierte und disziplinierte Partei die Macht.
Eine derartige Machtergreifung fand 2021 nicht statt. Trump hatte den Sturm aufs Kapitol seinen Anhängern imaginativ nahegelegt, aber nicht direkt dazu aufgerufen. Seine Anhänger verstanden ihn auch so. Sie hatten ihn weitgehend autonom und dezentral geplant. Aber als die Menge das Kapitol schlussendlich besetzten konnte, machte sie vor allem: Selfies. Es war ein anarchisches Event, dessen Protagonisten wild zusammengewürfelt schienen: rechtsextreme Milizionäre wie die Proud Boys oder Oath Keepers, QAnon-Anhänger, Tea-Party-Aktivisten aus dem mittleren Westen, Motorrad-Rocker, schlichte Funktionskleidungsträger, Steampunks, Gamer mit MAGA-Fahnen, Manosphere-Cosplayer und natürlich der ikonische Mann mit den Bison-Hörnern. Es war ein Karneval, der von den sozialen Medien orchestriert, aber nur in geringem Maße organisiert wurde. Die faschistische Bewegung der Gegenwart ist nicht vertikal integriert, sondern affektiv dezentriert.
Nicht alles Schlechte ist Faschismus
Es ist der Situation analytisch durchaus angemessen, den Begriff des Faschismus nicht mehr zum rein historischen Vokabular zu zählen. Ein Tsunami politischer Regression bricht über die westliche Welt herein. Episoden der Gewalt nehmen zu – seien es die Schüsse auf Black-Lives-Matter-Aktivisten, der Sturm aufs Kapitol, die Unruhen in Großbritannien oder die Bedrohungen von Politikern in der deutschen Provinz.
Fragwürdig ist allerdings der Einsatz des Begriffes als Kategorie für alles, was man für unerwünscht autoritär hält. Kamala Harris hat während des Wahlkampfes Trump immer wieder einen Faschisten genannt. Sie gebrauchte den Begriff jedoch historisch unspezifisch, im Sinne von Autokrat. Ähnlich ist es bei dem Philosophen Jason Stanley, für den die USA bereits jetzt faschistisch ist. Die Demokraten sind zwar die denkbar schlechteste Opposition, aber sie sind weder verboten noch verfolgt. Bernie Sanders und AOC werden nicht von Milizionären verschleppt.
Stanley gebraucht den Begriff für alle ultranationalistischen Bewegungen »jeglicher Couleur (ethnisch, religiös, kulturell)«, in der die Nation durch eine Führungspersönlichkeit repräsentiert wird. Mit dieser Definition verliert Stanley die Spezifika des Faschismus aus dem Blick. Überzeugender und für die Faschismusdebatte sinnvoller wäre es, wenn er einfach von Ultranationalismus sprechen würde.
»Wenn der Begriff des Faschismus zu einer Catch-all-Kategorie geweitet wird, die für viele historische Ungerechtigkeiten gilt, schöpft man die Gegenwart analytisch mit einer Schaumkelle aus.«
Er betrachtet auch die historische US-Sklavenhaltergesellschaft und ihre rassistischen Rechtfertigungen als eine Form des Faschismus. Ein System, das einer Gruppe von Menschen die Freiheit und gleiche Rechte vorenthält und sie zu Zwangsarbeit verpflichtet, ist zutiefst ungerecht. Aber die amerikanische Sklavenhalterdemokratie hat gleichzeitig für die weiße, gleichwohl multiethnische Mehrheit ihrer Bürgerinnen und Bürger freie Wahlen, Gewaltenteilung und umfassende Partizipationsrechte garantiert – Elemente, die in einer faschistischen Gesellschaft nicht denkbar wären.
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In dieser Übergeneralisierung des Faschismus fallen alle ultranationalistischen Bewegungen zusammen, auch wenn sie sich parallel zu sonst relativ stabilen liberalen Institutionen ausbreiten. Zudem verwischt Stanley die Unterscheidung zwischen Bewegung und politischer Ordnung, zwischen einer faschistischen Axiomatik der Akteure, der politischen Ausübung von Macht und der Klassifizierung eines Regimes als Faschismus. Wenn der Begriff des Faschismus zu einer Catch-all-Kategorie geweitet wird, die für viele historische Ungerechtigkeiten gilt, schöpft man die Gegenwart analytisch mit einer Schaumkelle aus.
Weder Tragödie noch Farce
Wenn der Begriff des Faschismus für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden soll – und wir halten dies für sinnvoll –, dann müssen wir ihn historisch kontextualisieren und seine historischen Bezüge berücksichtigen. Trotz gewisser nicht zu übersehender Ähnlichkeiten in Programmatik und Stil ist das, was heute als Faschismus bezeichnet wird, nicht das Gleiche wie der deutsche Nationalsozialismus, eine auf biologistischer Rassenideologie aufbauende Massenbewegung, die völkische Propaganda und progromartige Gewalt miteinander verknüpfte.
Der Begriff des Faschismus bezieht sich historisch auf eine besondere Form der radikalen Rechten in der Zeit zwischen den Weltkriegen: Führerkult, organisierte Straßengewalt, Diktatur, eine eliminatorische Politik gegenüber Gegnern und imaginierten Volksfeinden – bis hin zum Genozid im Holocaust. Neo-autoritäre Regierungen sind vor diesem Hintergrund nicht notwendig faschistisch: Die italienische Ministerpräsidentin Georgia Meloni und der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán bauen ihre Länder zu explizit illiberalen Demokratien um, in denen Gewaltenteilung und die freie Konkurrenz um legitime Herrschaft eingeschränkt sind. Es handelt sich aber nicht um Diktaturen.
Die rechtsradikalen Tendenzen der Gegenwart weisen viele Unterschiede zum historischen Faschismus auf, die letztlich wahrscheinlich größer sind als ihre Ähnlichkeiten. Es gibt zwar ein »faschistisches Moment«, aber kein faschistisches Regime. Der traditionelle Imperialismus und Kolonialismus sind Geschichte. Zwar gibt es eine Reihe von Kriegen und militärischen Auseinandersetzungen, aber die europäischen und atlantischen Mächte führen keine Kriege untereinander. Die Beteiligung an diversen Weltordnungskriegen etwa in Afghanistan oder im Nahen Osten haben zwar eine Reihe von Veteranen hervorgebracht. Doch das ist kein Vergleich mit der Masse an überflüssigen Männern, die als ehemalige Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg keinen Platz mehr in der Gesellschaft fanden.
Auch die soziopolitischen und ökonomischen Bedingungen sind andere. Wir verstehen die Krise der Gegenwart nicht, wenn wir versuchen, sie auf die Chiffre der gescheiterten Weimarer Demokratie zu beziehen. Die Finanzkrise 2008 hat der Rechten wieder eine größere Dynamik verschafft, aber die ökonomischen Krisen sowie die damit zusammenhängenden sozialen Auswirkungen sind nicht vergleichbar mit den 1930er Jahren, als die Massenarbeitslosigkeit den Menschen Sinn und Verstand verfinsterte.
Heute intervenieren Zentralbanken und Regierungen immer wieder massiv, um große Krisen abzumildern. Gerade in den USA erreichte die Börse in den letzten Jahren immer neue Höchststände; verglichen mit der historischen Massenarbeitslosigkeit herrschte bei Trumps Wahl nahezu Vollbeschäftigung; es gab eine Teuerung, aber keine Hyperinflation; statt einer sozialistischen Alternative prägt eine historische Schwäche der Linken das Bild der Gegenwart. 2025 ist insofern sicher nicht die Wiederholung der 1920er und 30er Jahre – weder als Tragödie noch als Farce.
Eine andere Moderne
Die neuen faschistischen Spektren sind nur aus ihrer je eigenen Geschichtlichkeit zu verstehen: Der historische Faschismus war ein europäisches Phänomen, das dem Ersten Weltkrieg entsprang. Trumps Autoritarismus reflektiert die lange Geschichte einer amerikanischen Gesellschaft, die bis heute vom Erbe der Sklaverei geprägt ist, und in der Ungleichheit, Rassismus und Gewalt das öffentliche Geschehen viel deutlicher prägen als in Europa. Bei Trump spielt der Nativismus, die individualistische Imagination einer im eigenen Land vertriebenen Mehrheit eine Rolle, im europäischen Kontext ist es der staatlich orientierte Nationalismus, die Bedrohung der nationalen Einheit, die von rechten Parteien mobilisiert wird.
Eine der Hauptantriebsfedern des historischen Faschismus war der Kampf gegen die Egalität. Ein wahrer Vernichtungswille richtete sich damit gegen die sozialistische beziehungsweise kommunistische Bewegung. Die Faschisten waren keine Agenten des Kapitals, mit dem Ziel, den Kapitalismus zu retten, auch wenn es gemeinsame Interessen und Allianzen zwischen Faschismus und Kapital gab. Er war auch keine irrationalistische Bewegung von dunklen Verführern und Verführten, wie es die ältere Faschismusforschung behauptet hat. Aber Kapitalismus und Faschismus – darauf hat Max Horkheimer in seinem viel zitierten Satz hingewiesen, dass, wer vom Kapitalismus nicht reden wolle, auch über den Faschismus schweigen solle – sind beides Ordnungen, die Ungleichheit naturalisieren.
»Der Faschismus strebt nicht nach Antimoderne, sondern nach einer alternativen Gegenmoderne.«
Die moderne Gesellschaft behauptet von sich, Differenzierungen gegen natürliche Hierarchien in Stellung zu bringen und Vernunft und Rationalität über Glauben und Kampf siegen zu lassen. Sie will das Leben physisch und psychisch erkunden und durchdringen, die Natur dem Menschen unterwerfen, aber gleichzeitig die natürliche Endlichkeit und Beschränkung des Menschen anerkennen. Gegen diese Moderne leistet der Faschismus Widerstand.
Deshalb war und ist der Faschismus kein im engen Sinne antimodernes Projekt. Er weist – etwa, wenn es um Technologie und Ökonomie geht – viele Facetten der Moderne auf. Der Faschismus wendet sich gegen die Ambivalenzen und Differenzierungen liberaler Modernisierungsprozesse – man denke nur an die Geschlechterverhältnisse – und nimmt sie als brüchig und dekadent wahr. Er war und ist eine Revolte gegen die moderne Welt, wie das Hauptwerk des italienischen Philosophen Julius Evola heißt. Aber der Faschismus strebt nicht nach Antimoderne, sondern nach einer alternativen Gegenmoderne. Diese andere Moderne des Faschismus ist eine mythische Ordnung, die Ethos und Stabilität gegenüber den kalten Rationalitäten, den fluiden und krisengeschüttelten Verhältnissen moderner bürgerlicher Gesellschaften verspricht.
Der Oxford-Historiker Roger Griffin entwickelte Anfang der 1990er Jahre eine einflussreiche Definition. Nach dieser handelt es sich beim Faschismus um eine revolutionäre Bewegung mit einem »mythischen Kern«, einer Imagination der Nation und ihrer Wiedergeburt als eine Form von »populistischem Ultra-Nationalismus«. Faschismus war in diesem Sinne immer eine doppelte Imagination: Er brauchte den nationalen Mythos über die Vergangenheit, der aber die Zukunft bestimmen sollte. Dabei ging es nicht nur um die Wiederherstellung einer vergangenen heilen Welt, sondern auch um die Fantasie einer großen Zukunft – eine narzisstische Identifikation mit der Nation, der man weltgeschichtliche Größe zuschrieb. Die Nazis halluzinierten bekanntlich von einem tausendjährigen Reich.
Die Freude an der Gewalt
Robert Paxton geht über die von Griffin konturierte ideologische Dimension in einer wichtigen Frage hinaus und betont das Element der Praxis. Faschismus ist laut Paxton eine »Form des politischen Verhaltens, das gekennzeichnet ist durch eine obsessive Beschäftigung mit Niedergang, Demütigung oder Opferrolle einer Gemeinschaft und durch kompensatorische Kulte der Einheit, Stärke und Reinheit«. Einheit, Stärke und Reinheit werden dabei durch Ausschluss und Gewalt hergestellt, gegen politische Gegner und Minderheiten.
Gewalt – die Zerstörung von Gegnern, Gesetzesvertretern, anderen Körpern, Gruppen und Staaten – ist im Faschismus ein generatives Merkmal. Aber Gewalt bedeutet für Faschisten noch viel mehr: Sie ist affektiv, erlösend, befreiend, ein Mittel der Transgression wie Transzendenz, durch das man mit sich selbst eins werden kann. Die Gewalt spielt auch eine Rolle beim Mythos der Nation, die man im Niedergang sieht. Die Nation ist ein Opfer, so wie man selbst ein Opfer von Eliten, äußeren Gefahren und Fremden ist.
Im historischen faschistischen Denken war deshalb auch kein Platz für Individualismus: Die Gesellschaft besteht aus Einheiten und Gliedern, nicht aus Personen. Der historische Faschismus verstand sich als totale Organisationsform des gesamten Lebens. Ökonomisch war der Faschismus auch ein Mittel der Erneuerung des Kapitalismus – in Kapitalismus ohne Klassenkampf, sondern mit der Volksgemeinschaft. Die faschistische Bewegung säubert die Nation von ihren Gegnern zum Zweck der Transzendenz (beispielsweise von sozialen Klassenkonflikten). Alles, was der Wiedergeburt im Wege steht, gehört zerstört. Gewalt ist expressiv, performativ und organisatorisch. Zum Faschismus gehört deshalb auch immer die Existenz von Milizen. In diesen können sich die Energien der faschistischen Männer nach »Rhythmus, Rausch, Zwang und Wehe«, nach »[m]arschieren, stampfen, steigen, jagen, stoßen, siegen«, so Klaus Theweleit, entladen.
Der italienische Historiker Enzo Traverso bringt das konzeptuelle Problem der Faschismusdebatte auf den Punkt: »Kurz gesagt, das Konzept des Faschismus scheint sowohl unangemessen als auch unverzichtbar zu sein, um diese neue Realität zu begreifen.« Womit wir es zu tun haben, so Traverso, ist weder die Wiederkehr des alten Faschismus noch etwas völlig Anderes und Neues. Es ist eine hybride, heterogene politische Bewegung, die die politisch restaurative Imagination der Vergangenheit aufgreift, deren Zukunft aber unklar bleibt.
Wenn gefragt wird, ob Trump ein Faschist ist, wird die Analyse binär codiert: Entweder ist er einer oder er ist keiner. Oder es gibt die verschiedenen Checklisten, die einen Haken hinter bestimmte Merkmale setzen, um zu prüfen, ob genug Kriterien erfüllt sind. Diese Perspektive ist aber allzu statisch: Sie berücksichtigt zu wenig die Dynamik und Entwicklung der radikalen Rechten.
Faschismus als Joint-Venture
Wir schlagen deshalb vor, den Begriff des demokratischen Faschismus zu verwenden und sprechen von neufaschistischen Projekten und Spektren. Der Begriff des demokratischen Faschismus erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich zu sein, da der Faschismus als politisches Regime die Negation der Demokratie war. Aber in dem plakativ verschlagworteten Gebrauch des Begriffs Faschismus wird der Prozess, durch den der Faschismus in der demokratischen Ordnung erwächst, zur Macht kommt und diese später zerstört, zu wenig berücksichtigt. In Deutschland vergingen nur wenige Wochen bis zum Ermächtigungsgesetz, in Italien brauchte Mussolini drei Jahre bis zur Errichtung einer vollständigen Diktatur. Im Begriff des demokratischen Faschismus kommt daher zum Ausdruck, dass die Gegenwart des Faschismus sich heute in einer widersprüchlichen und offenen Situation vollzieht. Wir stehen momentan nicht oder noch nicht vor einem faschistischen Putsch. Rechtsradikale können gewisse Ziele auch in der Demokratie erreichen.
Und dies macht die gefährliche Banalität des Faschismus unserer Zeit aus. Er vollzieht sich im Normalbetrieb der parlamentarischen Demokratie und in unserer Alltagswelt. Dadurch wird er zu einer Normalität, die in und neben den Institutionen und Normbeständen der liberalen Demokratie gelebt wird. In Spanien stand ein Remix von »Cara al Sol«, die Hymne der faschistischen Falange-Bewegung, an der Spitze der Spotify-Hits. Auf Sylt grölen Rich Kids zu der Melodie von Gigi D’Agostinos »L’amour toujours« dumpfe Nazi-Parolen. Demokratischer Faschismus vollzieht sich in einer politischen Ästhetik und Alltagspraxis des Crossover. Der Faschismus ist im Sound der Demokratie tanzbar.
»Die Linksliberalen haben versucht, Trump und andere Rechtsradikale in einem Rechtskrieg zu stoppen. Dies musste zwangsläufig misslingen.«
Von Diktatur kann insofern (noch) keine Rede sein. Das zentrale Element des demokratischen Faschismus ist sein ambivalentes Verhältnis zur Demokratie. Anders als die historischen Faschisten, die immer offen bekannt haben, die Demokratie zerstören zu wollen, wollen die demokratischen Faschisten sie – auch wenn sie zuweilen mit monarchistischen Fantasien flirten – zumeist nur vom gesellschaftlichen Liberalismus entmanteln.
Bisher ist der Trump-Faschismus eher eine Form des »kompetitiven Autoritarismus«, wie die Politologen Steven Levitsky und Lucan Way das Phänomen genannt haben: Es gibt einen realen politischen Wettbewerb um die Macht, Wahlen finden statt, auch wenn die autoritären Amtsinhaber die Bedingungen des politischen Wettbewerbs asymmetrisch gestalten. Die Opposition ist legal, aber das Justizsystem und die Medien agieren nicht mehr unabhängig und unterlaufen den politischen Wettbewerb.
Auch wenn Trump einen autoritären Staat gegenüber Minderheiten oder der Opposition aufbaut, will er in den meisten Bereichen die Reichweite des Staates zurückbauen, etwa in der Bildung oder wenn es um Umweltauflagen für Unternehmen geht. Der Staat soll sich den »Normalen« und den Unternehmern nicht in den Weg stellen, während die Nazis sie kontrollieren und lenken wollten. Sie sollen tun können, was sie tun wollen: Gewinne machen. Mit staatlicher Unterstützung, aber ohne staatliche Lenkung. Der historische Faschismus war ein Machtkartell eines entfesselten Behemoth, wie Franz Neumann sagt, heute ist es eher ein Joint-Venture.
In den Autokratien der Gegenwart ist die eigene Anhängerschaft eher eine sekundäre politische Größe, die der Huldigung der Macht dient. Der demokratische Faschismus beruht viel stärker auf einer hoch politisierten Zivilgesellschaft, einer affektiven und netzwerkartigen Hyperpolitik. Sie bildet ein polymorphes politisches Spektrum, das nicht auf ein festes Set von Merkmalen festgelegt ist. Zu Trump-Anhängern konvertierte Republikaner, MAGA-Anhänger, libertäre Autoritäre aus dem Silicon Valley, evangelikale Christen, Proud Boys und wütende Anhänger der Tea Party gehen eine Allianz unter der Führung Trumps ein, folgen aber jeweils eigenen Logiken. Sie teilen jedoch das Ziel der revolutionären Restauration sozialer Hierarchien. Wenn es so etwas wie gemeinsame Nenner dieser verschiedenen Projekte gibt, dann diese: Sie sind anti-egalitär, anti-kosmopolitisch und exkludierend.
Der demokratische Faschismus ist in dieser Hinsicht obsessiv auf seine Feinde orientiert, gleichwohl hat er eine modernisierte Form der Nation vor Augen. Die demokratischen Faschisten wollen die Liberalisierung der Lebensführung und Lebensformen zurückdrehen, haben aber kein Problem mit offen gelebter Homosexualität, sofern sie gesellschaftliche Hierarchien reproduziert. Der Kampf gegen Trans-Menschen richtet sich gegen das Nichtbinäre, das solche Hierarchien verflüssigt.
Auch der Rassismus hat unterschiedliche Schichten. Die Bevölkerungsentwicklung ist ein zentrales Steuerungsinstrument des Nationalen: Man will weniger »low IQ-Trash-Migration«, wie Trump sagt, aber verfolgt nicht die Idee einer homogenen Volksgemeinschaft. In den Geschlechterbeziehungen ist die Rechte um Trump stark femonationalistisch, es werden Abtreibungsrechte verschärft und traditionelle Familienmodelle propagiert, doch eine Partizipation von Frauen am Erwerbsleben und politischen Entscheidungen wird nicht grundsätzlich angezweifelt.
Trump, der Ressentiment-Unternehmer
Die neufaschistischen Projekte beziehen sich zwar auch in einigen Hinsichten auf eine mythische nationale Vergangenheit, aber sie imaginieren nur bedingt eine transzendente Ordnung. Es handelt sich eher um eine Art restaurativen Ursprungsmythos. Bei Donald Trumps Parole »Make America great again« geht es um die Wiederherstellung von etwas – einer Größe, die einmal da war und wiederkehren soll: America soll wieder großartig sein, stolz machen. Das neue Empire ist profan und säkular geworden. Man will ein Empire, das die Welt beherrscht, aber eins, das aus sich selbst groß ist.
Es gibt im intellektuellen Umfeld von MAGA ein Spektrum von Ordnungsfantasien, von monarchistischen Marktwirtschaften mit einem CEO als Kaiser, über Privatstädte und Privatstaaten bis hin zu dunklen Utopien technologischer Singularität und Marsbesiedlung. Die Zukunftsfantasien von Trump sehen dagegen sehr diesseitig aus. Transgressive Fantasien finden sich lediglich in Memes oder den halluzinatorischen KI-generierten Clips, in denen Trump wahlweise als römischer Kaiser, als rächender und strafender Superheld oder als goldene Statue in einem ethnisch gesäuberten Gaza erscheint.
In den neufaschistischen Projekten geht es auch weniger darum, die gesamte Gesellschaft molekular zu einem Volkskörper umzubauen: In der Zivilgesellschaft, in den Poren der Gesellschaft soll kein umfassender Leviathan entstehen, der Politik, Wirtschaft und Leben bestimmt, trotz der Verbote des Genderns, der Einschnitte beim Abtreibungsrecht und der Verfolgung von Gaza-Protestierenden. Es geht um die Restauration einer neoautoritären, hierarchischen Gesellschaft, weniger um die Schaffung eines neuen Behemoths, eines staatlichen Ungeheuers, wie der Politologe Franz Neumann den Staat der Nationalsozialisten nannte.
Donald Trump ist (noch) kein Diktator, er ist auch kein Faschist klassischer Schule, der Transzendenz und Erlösung verspricht. Er wirkt eher wie ein vulgärer Mafia-Boss. Aber sein politischer Stil ist faschistisch: das unaufhörliche Schüren von Angst, Groll und Schikane gegen Minderheiten, inflammatorische Kundgebungen, die beiläufige, aber genussvolle Befürwortung von Gewalt, die allgegenwärtige Verbreitung von Verschwörungstheorien. Und vor allem: die lustvolle, performative Grausamkeit. Zum faschistischen Spektrum gehört notwendig der Flirt mit der »moralisierten Gewalt«, wie der Soziologe Michael Mann sie genannt hat.
Dies lässt sich auch bei der AfD beobachten. Björn Höcke zitierte in seinen Deportationsplänen genüsslich Peter Sloterdijk, der 2015 von »wohltemperierter Grausamkeit« bei Abschiebungen sprach. Der demokratische wie der historische Faschismus ist in globaler Perspektive in vielen Aspekten ästhetisch-affektiv orientiert. Der neurechte Vordenker Armin Mohler hat dies auf den Punkt gebracht: Es gehe in der faschistischen Rhetorik nicht um logische Zusammenhänge, sondern vielmehr darum, »eine bestimmte Tonlage zu setzen, ein Klima zu schaffen, Assoziationen hervorzurufen«. Im Zusammenspiel vieler, zunächst disparat wirkender Elemente entsteht eine faschistische Atmosphäre.
Die Linksliberalen haben versucht, Trump und andere Rechtsradikale in einem Rechtskrieg zu stoppen. Dies musste zwangsläufig misslingen. Erstens bilden sich im Rechtssystem kapitalistische Kräfteverhältnisse ab – und Trump vertritt die Klasse der Eigentümer. Zweitens, und viel wichtiger, ist Faschismus eine affektive Atmosphäre. Trump konnte seine Macht über die Adressierung einer Gefühlsstruktur – einer großen Entfremdung von der kapitalistischen Moderne – gewinnen. Er ist der perfekte Ressentiment-Unternehmer, als Produzent und als Repräsentant. Die Linke hat hierauf noch keine Antwort gefunden.