Coupang, eine an der New Yorker Börse gelistete E-Commerce-Plattform, hat in seinem Hauptmarkt Korea für Empörung gesorgt. Der Grund: Enthüllungen über massive Datenverstöße und unsichere Arbeitsbedingungen. Was bei dem multinationalen Unternehmen aus Südkorea vor sich geht, sollte über die Grenzen des Landes hinaus Aufmerksamkeit finden. Denn die Art und Weise, wie es sich seiner Verantwortung sowie der Aufsicht durch die Regulierungsbehörden entzieht und sich gegen Gewerkschaftsarbeit wehrt, sagt viel über die Zukunft globaler E-Commerce-Plattformen aus.
Coupang ist die südkoreanische Antwort auf Amazon und Uber Eats zugleich. Die von ihm begangenen Arbeitsrechtsverletzungen waren bereits 2021, als das Unternehmen an die New Yorker Börse ging, offensichtlich. Die letzten zwei Monate von 2025 haben die damals geäußerten Bedenken nun bestätigt: Im Dezember räumte Coupang einen massiven Datenschutzverstoß ein, von dem fast 34 Millionen Kundenkonten betroffen waren. Vermutlich wurden die Personalausweisnummern und Bankdaten von etwa drei Viertel der südkoreanischen Bevölkerung über zwanzig Jahren gestohlen.
Ebenfalls für Empörung sorgt die schlechte Behandlung der Coupang-Belegschaft. Allein im Jahr 2025 sind acht Angestellte der Plattform an den Folgen von Überarbeitung gestorben, beispielsweise an Hirnblutungen. Sechs von ihnen arbeiteten in der Nacht- oder Frühschicht.
»Die Leistung jedes Angestellten wird in Echtzeit über einen sogenannten Personal Digital Assistant gemessen, der immer mit sich geführt werden muss.«
Ein Allerlei an Ausbeutung
Nachdem er die Korean American Harvard Business School abgebrochen hatte, gründete Bom Kim 2010 die Website Coupang. Auf ihr wurden zunächst Rabattgutscheine gehandelt. In den folgenden Jahren entwickelte sich das Unternehmen zu einer vollwertigen E-Commerce-Plattform mit mehr als hundert Logistikzentren. Coupang ahmte die frühe Expansionsphase von Amazon nach, von gnadenlosen Kampfpreisen bis hin zur aggressiven Ausschaltung der Konkurrenz. Das Unternehmen kontrolliert heute etwa ein Viertel des südkoreanischen E-Commerce-Marktes, der sich in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht hat und mittlerweile der fünftgrößte der Welt ist.
Die weitläufigen und dicht besiedelten urbanen Gebiete des Landes boten Coupang ideale Voraussetzungen für ein schnelles Wachstum. Die Plattform macht sich den berühmten 24/7-Lebensrhythmus der südkoreanischen Städte zu eigen: Expresslieferungen am frühen Morgen oder spät in der Nacht werden seit Langem als besonderer Service angeboten. Trotz des starken Umsatzwachstums leidet Coupang jedoch seit knapp vier Jahren unter unbeständiger Rentabilität, nachdem es 2022 – vor allem dank der aufgestauten Nachfrage während der Pandemie – seinen ersten Quartalsgewinn überhaupt erzielt hatte.
Coupang nutzt ebenso wie Amazon die prekäre Lage der Arbeiterschaft aus, um seine Marktanteile gegenüber der Konkurrenz in Online- und stationärem Handel auszubauen. Amazon und sein Klon haben die Arbeitsmärkte in den USA und Südkorea mit ihrer Praxis des »Employment at will« – also Arbeitsverhältnissen, die jederzeit gekündigt werden können – umgekrempelt. 2021 verließen jede Woche etwa 3 Prozent der Amazon-Stundenlöhner das Unternehmen; die jährliche Fluktuationsrate in der Belegschaft lag bei etwa 150 Prozent. Dennoch blieb Amazon einer der größten Arbeitgeber in den USA: Jeder 350. Amerikaner arbeitet für den Konzern.
PAYWALL
Mit rund 90.000 regulär beschäftigten Arbeiterinnen und Arbeitern ist Coupang seinerseits Südkoreas drittgrößter Arbeitgeber hinter Samsung Electronics und der Hyundai Motor Group. Ähnlich viele Angestellte beschäftigt die Plattform auf Basis von Kurzzeitverträgen oder über App-Work auf dem Smartphone.
»Viele junge Lohnabhängige sind zunehmend auf Coupang-App-Arbeit angewiesen, um kurzfristig finanzielle Engpässe zu überbrücken.«
Die Logistiksparte Coupang Fulfilment Service hat täglich etwa 10.000 Arbeitskräfte auf Abruf, berichtet Jeong Sung-yong, der bei der südkoreanischen Lagerarbeitergewerkschaft für Coupang zuständig ist. »In den letzten Jahren hat sich der HTP um das 1,5-Fache oder sogar um das Doppelte erhöht«, so Jeong gegenüber Jacobin. HTP steht für High Performance Throughout (hohe Gesamtleistung); Coupang ersetzte dieses Akronym 2021 durch »UPH« (Unit Per Hour, Stück pro Stunde), nachdem Medien über die verstörenden Arbeitsquoten in den Logistikzentren und entlang der Coupang-Lieferketten berichtet hatten.
Die individuelle Arbeitsbelastung wurde mit der Einführung der neuen Bezeichnung freilich nicht reduziert. Beim HTP/UPH-Prinzip wird die Leistung jedes Angestellten in Echtzeit über einen sogenannten Personal Digital Assistant gemessen, der laut Angaben des Gewerkschafters immer mit sich geführt werden muss. »Insgesamt werden immer weniger Angestellte für die Auftragsabwicklung eingesetzt«, fügt Jeong hinzu.
In der Praxis stellt jedes Lager auf Basis seiner zu erreichenden Quoten Arbeitskräfte auf Zeit ein. Diese Beschäftigung auf Zeit dient auch dazu, die gewerkschaftliche Organisierung zu erschweren: Bei Coupang werden regulär und befristet angestellte Personen stets gemischt in derselben Produktionslinie eingesetzt. Die Gewerkschaft von Jeong hat seit August 2021 mehr als achtzig Verhandlungen mit der Unternehmensleitung geführt. Ein Tarifvertrag wurde bislang dennoch nicht erreicht.
Besser als Nichts
Coupang und andere Employment-at-will-Arbeitgeber haben die Grundkonzepte von Arbeitsplätzen und Arbeitsplatzsicherheit verändert: Prekarität wird normalisiert und verzweifelte Kommunalverwaltungen stellen Coupang großzügige Steuervergünstigungen in Aussicht, wenn der Konzern seine Logistikzentren in ihrer Region ansiedelt. Viele junge Lohnabhängige sind zunehmend auf Coupang-App-Arbeit angewiesen, um kurzfristig finanzielle Engpässe zu überbrücken.
In einem aktuellen Bericht gibt Coupang Fulfilment Service an, 62 Prozent seiner Lieferfahrer würden fünf Tage pro Woche (die gesetzlich vorgesehene Wochenarbeitszeit) arbeiten. Allerdings wurden keine Angaben zur durchschnittlichen Arbeitszeit gemacht. Der drittgrößte Arbeitgeber des Landes leistet für seine nicht festangestellten Beschäftigten keinerlei Beiträge zu den vier obligatorischen Sozialversicherungen (Renten-, Kranken-, Arbeitslosen- und Arbeitsunfallversicherung). Die meisten großen koreanischen Unternehmen bieten solche Leistungen – zumindest teilweise – auch ihren temporär beschäftigten Vertragsarbeitern, für die dies gesetzlich nicht vorgeschrieben ist.
»Der Börsengang an der New York Stock Exchange hilft Coupang dabei, sich der Rechenschaftspflicht in Südkorea zu entziehen.«
Angesichts ihrer angespannten finanziellen Lage ist es nicht verwunderlich, dass einige junge Arbeiterinnen und Arbeiter nicht einverstanden waren, als Gewerkschafterinnen und Menschenrechtsaktivisten Coupang aufriefen, seine Lieferungen in den frühen Morgen- und späten Abendstunden abzuschaffen: Für viele Menschen sind solche Jobs auf Abruf inzwischen die einzige sofort verfügbare Einkommensquelle. Die mit der Arbeit verbundenen Gesundheits- und Sicherheitsrisiken werden dafür in Kauf genommen.
Auf die Frage, wie sich seine Gewerkschaft in Bezug auf Arbeit zu derartigen Uhrzeiten verhält, antwortet Jeong: »Grundsätzlich müssen diese Arten von Lieferung abgeschafft werden.« Er müsse einräumen, dass aktuelle und potenziell zukünftige Coupang-Arbeiter Angst haben, Lohneinbußen zu erleiden, aber: »Unsere Forderung, die Mitternachtslieferungen zu beenden, hat ihre Berechtigung.« Garantierte Pausenzeiten seien ebenfalls eine Priorität: »Eine zwanzig- oder fünfzehnminütige Pause alle zwei Stunden kann die Intensität der Nachtarbeit verringern.« Derzeit gibt es außer einer einzigen Essenspause keine vorgeschriebenen Pausenzeiten.
Wie Coupang Verantwortung vermeidet
Coupang gehört zu den wenigen südkoreanischen Startups, die in den USA an die Börse gegangen sind. Schon lange vor dem IPO 2021 waren ausschließlich US-Staatsangehörige im Konzernvorstand und anderen Führungspositionen tätig. Daraus resultierte ein riesiger Bedarf an Übersetzungsarbeiten, sodass Coupang zum größten Arbeitgeber für Übersetzerinnen und Dolmetscher in Südkorea wurde.
Mit dem Börsengang an der New York Stock Exchange will Coupang vor allem Rechenschaftspflicht und Verantwortung umgehen, kritisiert Jeong. Die Listung an der NYSE helfe Coupang dabei, sich der Rechenschaftspflicht in Südkorea zu entziehen. Der Vorsitzende und CEO des Unternehmens, Kim, hat seine US-Staatsbürgerschaft und die US-Gesellschaftsform von Coupang tatsächlich bereits genutzt, um nicht zu einer Vorladung des südkoreanischen Parlaments erscheinen zu müssen.
Im Dezember, als die öffentliche Empörung über die massiven Datenschutzverstöße zunahm, trat Kim umgehend von seinem Amt als Direktor bei Coupang Korea zurück. Stattdessen wurde der vorherige Chief Administrative Officer und Rechtsberater Harold Rogers zum Interims-CEO der koreanischen Division von Coupang ernannt. Dieser verteidigte später bei einer Anhörung vor der Nationalversammlung vehement die Sicherheits- und Arbeitspraktiken des Konzerns.
Kims Ausscheiden aus Coupang Korea war weitgehend strategische Augenwischerei. Denn Coupang Korea wird vollständig von der an der New Yorker Börse notierten Coupang Inc. kontrolliert, in der Kim mit seinen Vorzugsaktien 74,3 Prozent der Stimmrechte hält. Besonders auffällig an der Führungsstruktur von Coupang ist die nahezu vollständige Loslösung von den alltäglichen Interessen und Bedürfnissen der normalen Angestellten. Boni werden nur eingesetzt, um Führungskräfte zu halten und sind nicht an individuelle oder unternehmerische Leistungen geknüpft. Anders ausgedrückt: Einzelne Führungskräfte erhalten Prämien, um sie davon abzuhalten, das Unternehmen zu verlassen. Diese finanziellen Anreize gibt es ausschließlich in Form von Aktienprämien. So werden die Prioritäten der Führungsetagen effektiv von den Realitäten am Arbeitsplatz getrennt.
»Plattformunternehmen neigen dazu, Probleme mit Arbeitssicherheit und Arbeiterrechten als reine Reputationsrisiken zu betrachten, die den Aktienkurs beeinträchtigen könnten.«
In gewisser Hinsicht ist Amazon dabei ehrlicher und offener: Seine zweistufige Vergütungsstruktur bietet aktienbasierte Boni für Führungskräfte und Software-Ingenieure, während Fulfillment- und Lieferangestellte in bar bezahlt werden. Die Entbehrlichkeit der Letzteren ist strukturell festgelegt; normalsterbliche Arbeiterinnen und Arbeiter sind schlichtweg nicht Teil des Gesamtkonzepts des Arbeitgebers.
Sowohl bei Amazon als auch bei Coupang ermöglicht eine Armee von prekären, nach Belieben entlassbaren Beschäftigten eine solche finanzorientierte Unternehmensführung. Die Trennung zwischen langfristiger Unternehmensstrategie und den Interessen der nicht-leitenden Angestellten fördert (und profitiert von) der Finanzialisierung der E-Commerce-Plattformbranche. Jeff Bezos, Gründer von Amazon, meinte es offensichtlich ernst mit seiner Botschaft an die Aktionäre im Jahr 1999: »Ich habe allen [Beschäftigten] klar gemacht, dass sie jeden Morgen verängstigt und schweißgebadet aufwachen sollen.«
Finanzialisierung und Verarmung
Insgesamt neigen Plattformunternehmen dazu, Probleme mit Arbeitssicherheit und Arbeiterrechten als reine Reputationsrisiken zu betrachten – als potenzielle Belastungen, die den Aktienkurs beeinträchtigen könnten. Die öffentliche Wahrnehmung und die Beziehungen zu Aktionärinnen, Verbrauchern und Aufsichtsbehörden hat oft Vorrang vor den Bedingungen am Arbeitsplatz, selbst wenn die Produktivität durch bessere Sicherheitsmaßnahmen und eine bessere Behandlung der Angestellten wohl erheblich gesteigert werden könnte.
Vor seinem Börsengang wurde bei Coupang der Ex-Journalist Baek Suha zum für Außenkommunikation zuständigen Vizepräsidenten ernannt. Baek erlangte zwischen 2014 und 2018 als Führungskraft bei Samsung Electronics Bekanntheit, wo er eine Medienkampagne gegen SHARPS – eine Interessenvertretung für Berufskrankheitsopfer beim Elektronikriesen – inszenierte.
Kong Jeong-ok, Ärztin und Mitbegründerin von SHARPS, kommentiert scharf: »Er hat Aktivisten und Opfern schwer geschadet, obwohl wir jede einzelne Verleumdungsklage gegen die von Baek lancierten Fake News gewonnen haben. Baek hat praktisch ein Playbook verfasst, mit dem Aktivismus für Arbeitssicherheit und investigativer Journalismus verhindert werden sollen. Er ist menschlicher Abschaum.«
Laut lokalen Presseberichten hat Coupang außerdem dutzende frühere Beamte des Arbeitsministeriums sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Abgeordneten eingestellt, um Lobbyarbeit bei Regulierungsbehörden und in der Politik zu betreiben. Die in Delaware registrierte südkoreanische Plattform gibt jährlich fast 11 Millionen Dollar für politische Spenden und Lobbyarbeit in den USA aus.
»Die US-Investorengruppen Greenoaks und Altimeter stellen die Ermittlungen gegen Coupang als ungerechtfertigte Eingriffe in eine innovative Plattform dar.«
Ihr Einfluss scheint sich auszuwirken: Bei einer Anhörung im Januar 2026 warf der Abgeordnete Adrian Smith aus Nebraska den südkoreanischen Regulierungsbehörden vor, unverhältnismäßig aggressiv gegen Coupang vorzugehen. Darüber hinaus haben zwei US-Investorengruppen, Greenoaks und Altimeter, den US-Handelsbeauftragten gebeten, die südkoreanischen Ermittlungen gegen das Unternehmen zu prüfen. Sie stellen die Ermittlungen als ungerechtfertigte Eingriffe in eine innovative Plattform dar. Von amerikanischer Seite könne man gegebenenfalls mit »angemessenen Handelsmaßnahmen, möglicherweise einschließlich Zöllen und anderen Sanktionen« gegensteuern.
Die Beispiele Coupang und Amazon zeigen, dass Finanzialisierung und prekäre Arbeitsverhältnisse Hand in Hand gehen. Diese Verquickung ist mittlerweile die weltweite Norm. Allein in China sind heute etwa 200 Millionen Gig-Worker für ihren Lebensunterhalt auf Smartphone-Apps angewiesen. Doch auf dem rund 6 Billionen Dollar schweren globalen E-Commerce-Markt sind viele Plattformen nicht in der Lage, eine konstante Rentabilität zu erzielen. Stattdessen setzen sie auf aufgeblähte Aktienbewertungen und unerbittlichen Druck auf die Arbeiterinnen und Arbeiter, um sich über Wasser zu halten, während eine Handvoll Führungskräfte sich bereichert.
Dieser Kurs ist offensichtlich nicht nachhaltig. Er führt zu einer weiteren Verarmung der Arbeiterschaft und beschleunigt die Finanzialisierung der Branche. Die Linke und die Gewerkschaften müssen auf diese globale Frage eine globale Antwort finden.