Seit ihrer Gründung im Jahr 1947 ist die Central Intelligence Agency (CIA) berühmt-berüchtigt dafür, sich in die Angelegenheiten anderer Länder einzumischen. »Dank« ihrer Beteiligung an diversen Nacht-und-Nebel-Aktionen wie dem Phoenix-Programm in Vietnam, dem Drogenhandel in Mittelamerika sowie ausgeklügelten und geradezu bizarren Attentatsplänen, ist die CIA zum Sinnbild für ruchlose Geheimdienstarbeit geworden.
Darüber hinaus ist die Agentur dafür bekannt, sich an sogenannten »Mind-Control«-Experimenten beteiligt zu haben. Die Details dieser Tätigkeit sind weitgehend unbekannt; es gibt jedoch Ausnahmen: Dabei mag überraschen, dass eine der umfangreichsten Versuchsreihen zur Bewusstseinskontrolle nicht in einem Land mit laxem Menschenrechtsschutz, fernab der USA irgendwo im Globalen Süden stattfand. Vielmehr wurde diese in der großen liberalen Demokratie direkt nördlich der USA durchgeführt. Ebenso wurden die Experimente nicht in irgendeinem Bunker auf Geheiß ehemaliger Nazi-Gruselgestalten oder unheimlicher B-Movie-Psychiater organisiert – sie fanden in der Großstadt Montreal statt, an einer der renommiertesten Universitätskliniken Kanadas.
Die Erkenntnisse aus diesen Experimenten dienten später als Basis für effektive psychologische Zwangsmaßnahmen. Sie bildeten die Grundlage für Verhörtechniken und spielten eine wichtige Rolle in den berüchtigten »Folter-Memos« des US-Justizministeriums. Diese Memos sollten einen erheblichen Einfluss auf die Verhörmethoden im Zuge des Irakkriegs ab 2003 haben.
Mit den Versuchen wurden nicht nur ethische Grenzen überschritten, sondern auch tiefgreifende Fragen in Bezug auf Verantwortlichkeit und Gerechtigkeit aufgeworfen. Heute laufen weiterhin Sammelklagen derjenigen, die unter den Experimenten in Montreal gelitten haben. Mit seiner jüngsten Entscheidung hat der Oberste Gerichtshof von Quebec diesen Rechtsstreit erneut ins Blickfeld gerückt, aber die Aussichten auf Gerechtigkeit in Fällen mit CIA-Beteiligung bleiben nach wie vor düster. Baldige Aufklärung und Rechtsprechung scheinen weiterhin höchst unwahrscheinlich.
PAYWALL
Die Montrealer Experimente
Das 1940 gegründete Allan Memorial Institute (in Montreal bekannt als »The Allan«) war früher ein psychiatrisches Institut und eine Forschungseinrichtung. Heute bietet es ambulante psychiatrische Dienste für das Montreal General Hospital an, das zum McGill University Health Centre gehört.
Trotz mehrerer Dokumentationen, die der kanadische Sender CBC in den 1980er und 1990er Jahren zu diesem Thema ausstrahlte, wissen die meisten Menschen in Nordamerika nach wie vor nichts von den CIA-Experimenten, die ab den frühen 1950er Jahren fast zwanzig Jahre lang im Allan stattfanden. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges erhielt ein führender Forscher der McGill University insgeheim CIA-Gelder, um die Grenzen der menschlichen Psyche zu testen. Seine Ergebnisse flossen in die Entwicklung des berühmt-berüchtigten MKUltra-Programms der CIA ein.
»Cameron versuchte, das Gedächtnis einer Person zu löschen, um es danach so »umzuprogrammieren«, dass sich Einstellungen und Verhaltensweisen völlig verändern.«
Der Großteil der Experimente in Montreal wurde von einem Mann namens Donald Ewen Cameron organisiert und durchgeführt. Der Schotte war der erste Direktor des Allan. Cameron erhielt vom damaligen CIA-Direktor Allen Dulles vermittelte Gelder, um seine ahnungslosen »Patienten« Hochspannungs-Elektroschockbehandlungen, insulininduzierten Komas, sensorischem Entzug und hohen Dosen halluzinogener Drogen wie LSD auszusetzen. Um diese Behandlungen zu rechtfertigen, pries Cameron seine psychiatrischen Techniken als »innovativ« und »experimentell« an.
Die CIA erhielt von Cameron die gewünschten Testergebnisse, während mehrere Patientinnen und Patienten mit Erinnerungslücken und dem Verlust kognitiver Fähigkeiten dafür bezahlten. Obwohl viele Personen, die aus dem Allan entlassen wurden, in kindliche Verhaltensweisen zurückfielen und/oder ihre eigenen Familienmitglieder nicht mehr wiedererkannten, wurde die US-Regierung für ihre Beteiligung an Experimenten, die auf kanadischem Boden an kanadischen Bürgerinnen und Bürgern durchgeführt wurden, bisher nicht zur Rechenschaft gezogen.
Die Ergebnisse der Montrealer Experimente haben es letztlich nicht ermöglicht, die Magie der »Gedankenkontrolle« zu entschlüsseln und zugänglich zu machen. Stattdessen wurden sie aber in (inzwischen nicht mehr unter Verschluss gehaltenen) Memoranden zu psychologischen Zwangsmaßnahmen und Verhörtechniken festgehalten. Dort werden sie als verbesserte und fortschrittliche Methoden zur »Vernehmung widerständischer/renitenter Quellen« geführt.
Subproject 68
Der 1901 in Schottland geborene Donald Ewen Cameron pendelte zu Beginn seiner Karriere zwischen Europa und Nordamerika, bevor er 1938 an der Albany Medical School eine Forschungsstelle zum Thema sensorische Deprivation antrat. Nur einige Jahre später, 1943, wurde Cameron dann der erste Direktor der neu gegründeten psychiatrischen Einrichtung der McGill University, dem Allan Memorial Institute.
Der genaue Zeitpunkt des ersten Treffens von CIA-Chef Allen Dulles und Cameron ist nicht bekannt, aber es fand wahrscheinlich statt, während Cameron noch in Albany forschte. Zu dieser Zeit stand Dulles kurz davor, die Leitung des Office of Strategic Services, dem Vorgänger der CIA, zu übernehmen. 1945 rekrutierte Dulles Cameron erstmals: Der Forscher sollte bei den Nürnberger Prozessen zugegen sein und den »Stellvertreter des Führers« Rudolf Heß psychologisch begutachten.
Cameron und Dulles blieben offensichtlich weiter in Kontakt, bis letzterer zum Direktor der CIA ernannt wurde. 1957 wurde dann das Subproject 68 ins Leben gerufen. Dieses war letztlich der Beitrag des Allan zum CIA-Gehirnwäsche- und Gedankenkontrollprogramm MKUltra. Cameron pendelte jede Woche von Lake Placid im US-Bundesstaat New York nach Montreal und erhielt von 1950 bis 1965 über 500.000 Dollar, um Experimente zur Bewusstseinskontrolle durchzuführen. Diese Experimente wurden sowohl von der US-amerikanischen als auch von der kanadischen Regierung finanziell unterstützt. Die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt, aber man geht davon aus, dass rund achtzig Menschen den Experimenten unterzogen wurden.
»Memos wurden erstellt, um US-Beamte darüber aufzuklären, wie sie vermeiden können, dass ihre Methoden nach dem geltenden Recht als ›Folter‹ eingestuft werden.«
Cameron betrachtete die menschliche Psyche nicht als etwas, das man lediglich beobachtet und analysiert, sondern als ein komplexes und vielschichtiges Puzzle, das man auseinandernehmen und auf völlig neue Weise neu zusammensetzen kann. Von dieser Überzeugung ausgehend entwickelte er einen Prozess, den er als »Depatterning« bezeichnete. Er versuchte dabei, das Gedächtnis einer Person zu löschen – durch ein medikamentöses Koma, Elektroschockbehandlungen, sensorischen Entzug oder eine Mischung aus allen dreien –, um es danach so »umzuprogrammieren«, dass sich Einstellungen und Verhaltensweisen völlig verändern.
Sobald Cameron ein Gedächtnis als erfolgreich »depatterned« betrachtete, begann er den Wiederaufbauprozess, den er »psychic driving« nannte. Bei diesem Verfahren zwang Cameron die Probandinnen und Probanden, sich Endlosschleifen von personalisierten Audioclips anzuhören, die bestimmte Vorstellungen in den Köpfen verfestigen und verstärken sollten. Teilweise wurden Menschen gezwungen, sich tage-, wochen- oder sogar monatelang die gleiche Botschaft wieder und wieder anzuhören.
Ungestrafte Folter
Cameron verließ das Allan 1964 angesichts zunehmender Skepsis und Kritik seitens Kolleginnen und Kollegen aus dem medizinischen Bereich recht plötzlich. Seine Forschungen haben jedoch einen nachhaltigen Einfluss auf die Sicherheitsdienste weltweit ausgeübt. Besonders deutlich wird dieser Einfluss im Kubark Counterintelligence Interrogation Handbook, das weithin als das »Folterhandbuch« der CIA gilt.
Dieses 1963 veröffentlichte und heute sogar online verfügbare Handbuch verweist auf »eine Reihe von Experimenten, die an der McGill University durchgeführt wurden« und spielt häufig auf die Techniken von Cameron an. In einem Teil des Handbuchs, der sich auf die Methoden und Möglichkeiten der sensorischen Deprivation bezieht, wird darauf hingewiesen, dass »Ergebnisse, die bei Inhaftierung in einer gewöhnlichen Zelle erst nach Wochen oder Monaten erzielt werden, in einer Zelle ohne Licht, die schalldicht ist und in der Gerüche eliminiert werden, innerhalb von Stunden oder Tagen reproduziert werden können«.
Im Jahr 2004 erregte das Vorgehen der US Army und der CIA internationales Aufsehen: CBS News veröffentlichte verstörende Bilder von gefolterten Gefangenen im Gefängnis Abu Ghraib im Irak. In den Monaten vor dem Irak-Krieg hatte das US-Justizministerium (inzwischen freigegebene) Dokumente verfasst, die als »Torture Memos« bekannt wurden. Diese Memos wurden erstellt, um US-Beamte über die rechtlichen Grenzen für Verhörtechniken aufzuklären – und darüber, wie sie vermeiden können, dass ihre Methoden nach dem geltenden Recht als »Folter« eingestuft werden.
»Faktisch werden Grauzonen in den Militär-, Polizei- und Kriegsgesetzen ausgenutzt, indem man Personen nicht-physischen Schaden zugefügt, um ihnen Informationen zu entlocken.«
In den Dokumenten wird betont, die internationalen humanitären Gesetze, einschließlich der Genfer Konvention, würden für US-amerikanische Vernehmer im Ausland nicht gelten. Auch kommen psychologische Zwangsmittel zur Sprache, wie Cameron sie entwickelte, und die es der US Army ermöglichen, im Ausland unbehelligt zu verhören (und zu foltern).
In einem Abschnitt der Memos heißt es: »Mit Blick auf Verhöre sind wir der Ansicht, dass Verhörmethoden, die keinen physischen Kontakt beinhalten, keine Anklage wegen Körperverletzung [...] begründen können.« Man kommt zu dem Schluss: »Wenn die Definition von Folter in ihrer Gesamtheit gelesen wird, ist klar, dass dieser Begriff nur extreme Handlungen umfasst.«
Aussichtslose Klagen?
Was als Forschung über psychologische Manipulation begann, hat zu Erkenntnissen geführt, die noch heute von US-Geheimdiensten angewandt werden. Faktisch werden dabei Grauzonen in den Militär-, Polizei- und Kriegsgesetzen ausgenutzt, indem man Personen nicht-physischen Schaden zugefügt, um ihnen Informationen zu entlocken. Letztendlich haben Montrealer Experimente weniger zum wissenschaftlichen Fachgebiet der Psychologie beigetragen als dazu, die Grenzen des ethischen Verhaltens in den Militär- und Geheimdienstvorschriften der USA zu verschieben.
Unter diesen Experimenten, die den »modernen« Verhörmethoden der US-Geheimdienste zugrunde liegen, haben viele Menschen gelitten. Daher laufen in Kanada seit Jahren mehrere Sammelklagen. Wie immer, wenn die CIA mit von der Partie ist, kann es jedoch gut sein, dass die USA niemals für ihre Rolle bei der Finanzierung der Experimente im Allan zur Rechenschaft gezogen werden.
Anfang Oktober 2023 gab es Neuigkeiten bezüglich einer Sammelklage gegen die McGill University, das Royal Victoria Hospital sowie die Regierungen Kanadas und der USA: Der Obergerichtshof der Region Quebec bestätigte einstimmig ein früheres Urteil, das argumentiere, es sei in diesem Fall nicht möglich, ein kanadisches Gesetz aus dem Jahr 1982, das die Klage gegen ausländische Staaten regelt, rückwirkend anzuwenden.
Die Klägerinnen und Kläger – darunter Geschädigte der Montrealer Experimente – hatten argumentiert, die frühere Entscheidung des Richters, den USA bereits in einem frühen Stadium des Verfahrens Immunität zu gewähren, sei nicht rechtens gewesen. Ihrer Ansicht nach könnten die USA rückwirkend nach dem kanadischen Gesetz über die Staatenimmunität von 1982 verklagt werden, insbesondere in Fällen von Körperverletzung. Außerdem wiesen sie darauf hin, dass für Handelsklagen im gleichen Zeitraum Ausnahmen gemacht wurden.
Die US-Generalstaatsanwaltschaft erklärt ihrerseits, die Anschuldigungen in der Sammelklage bezögen sich eben nicht auf Handelsvereinbarungen zwischen den USA und Kanada und könnten daher nicht vor dem kanadischen Gericht verhandelt werden. So hätten US-Behörden und -Beamte bis zum Erlass des Gesetzes 1982 in Kanada Immunität genossen. Spätere Klagen gegen diese Behörden müssten dementsprechend vor einem US-Gericht eingebracht werden.
Es bleibt die Frage: Wenn rechtliche Schritte gegen die US-Behörden ausschließlich auf US-Boden möglich sind, wie kann die CIA dann jemals für ihre internationalen Verbrechen und Verfehlungen belangt werden? Bedauerlicherweise sieht es danach aus, dass dies schlichtweg nie der Fall sein wird. Die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen, ist eine Herkulesaufgabe. In Fällen wie den Experimenten von Montreal bleibt das Streben nach Gerechtigkeit schwierig bis aussichtslos.