Das kleine El Salvador spielt seit Neuestem eine unverhältnismäßig große Rolle auf dem amerikanischen Kontinent. Seit Donald Trump wieder ins Weiße Haus eingezogen ist und einen ebenso rachsüchtigen wie rücksichtslosen Imperialismus verfolgt, hat sich Präsident Nayib Bukele, ein Ex-Werbefachmann und Kryptowährungsfan, als zuverlässiger Partner für Trumps Politik positioniert.
Die Beziehungen El Salvadors zu den Vereinigten Staaten sind seit Langem durch eine asymmetrische Integration in die US-geprägten Akkumulations- und Sicherheitsregime gekennzeichnet, vom Kalten Krieg über den »War on Drugs« bis zum »War on Terror«. In den 1980er Jahren wurde die Militärdiktatur in El Salvador mit riesigen militärischen und ökonomischen Hilfsleistungen gestützt. Dies ermöglichte es dem Regime, einen brutalen Feldzug gegen eine starke linke Rebellenbewegung zu führen.
Nach dem ausgehandelten Übergang zu einer liberalen Demokratie in den 1990er Jahren führten aufeinanderfolgende rechtsgerichtete Regierungen das Land durch eine neoliberale Umstrukturierung und in eine neue Einbindung in die globale Arbeitsteilung: El Salvador sollte vor allem billige Arbeitskräfte liefern, beispielsweise in Form von unterbezahlten Textilarbeitern für US-Marken im Inland oder als Quelle für kriminalisierte Wanderarbeiter in den untersten Segmenten der deindustrialisierten US-Wirtschaft.
»Bukele hat einige Bürgerrechte auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, Wahlkreise so manipuliert, dass Oppositionsparteien aus der Legislative verdrängt wurden und damit begonnen, ein beträchtliches Immobilienvermögen für seine Familie anzuhäufen.«
In den frühen 2000er Jahren nutzten diese Regierungen US-Unterstützung, um sogenannte Sicherheitsprogramme mit mano dura (eiserner Faust) gegen die aufkommenden Straßenbanden zu starten. Die Gangs entstanden unter den zahlreichen unzufriedenen Jugendlichen, die vom Entwicklungsmodell der Nachkriegszeit im Stich gelassen worden waren. Große Teile dieser illegalen Gruppen waren zuvor aus ihren US-amerikanischen Herkunftsorten deportiert worden – mit derselben Null-Toleranz-Logik, die ursprünglich schon zu ihrer Entstehung beigetragen hatte. Hinzu kamen Vertriebene aus den Aufstandsbekämpfungsaktionen der Vereinigten Staaten, die sich in den urbanen Zentren (und Gefängnissen) der USA als eine wachsende, rassistisch diskriminierte »Überschussbevölkerung« wiederfanden.
2003 entsandte El Salvador Truppen, um sich an der US-Invasion im Irak zu beteiligen. 2004 unterzeichnete es als erstes Land das Freihandelsabkommen zwischen Zentralamerika und der Dominikanischen Republik (CAFTA-DR). Ab dem Jahr 2005 fungierte das Land als Standort der von den USA finanzierten International Law Enforcement Academy (ILEA); 2006 wurde ein Anti-Terror-Gesetz nach Vorbild des US-amerikanischen Patriot Act verabschiedet.
Bukele und Trump
Die Allianz der Präsidenten Trump und Bukele gibt dieser traditionellen Abhängigkeitsbeziehung eine neue politische Dimension, die wechselseitig verstärkt wird. Beide Politiker präsentieren sich als erfolgreiche Ex-Geschäftsleute und betrachten die Präsidentschaft als eine Art Familienbesitz. Sie teilen eine Vorliebe für Social Media, Kryptowährungen und die Kriminalisierung armer Bevölkerungsgruppen. Auch wenn dies in unterschiedlichem Ausmaß geschieht, profitieren beide von dieser Beziehung. So ist Bukele zu einem eifrigen Verbündeten in Trumps regionalem Kampf gegen mutmaßliche transnationale kriminelle oder terroristische Banden geworden.
Der 2019 gewählte Bukele pflegte schon mit der ersten Trump-Administration gute Kontakte. So wurde im September 2019 eine Vereinbarung unterzeichnet, mit der El Salvador als ein sogenannter »sicherer Drittstaat« eingestuft wurde und Asylsuchende aus den USA in das mittelamerikanische Land abgeschoben werden konnten.
Unter der folgenden US-Administration litten die Beziehungen, da Joe Biden wegen Korruptionsvorwürfen Sanktionen gegen einzelne Mitglieder des Kabinetts von Bukele verhängte und die Demokraten im Kongress angesichts der anhaltenden Kritik wegen Menschenrechtsverletzungen (begrenzte) Einschränkungen für US-Militärhilfen durchsetzten. Allerdings milderte die Biden-Regierung ihre Kritik an Bukeles antidemokratischem Kurs bald wieder ab, um weitere Abkommen zwischen El Salvador und China zu verhindern.
»Bukele verpachtet nicht nur Plätze in seinen Mega-Gefängnissen an das US Department of Homeland Security. Auch sind salvadorianische Flugplätze für US-Kampfflugzeuge geöffnet.«
PAYWALL
Im August 2018 hatte die linke Regierung unter der Nationalen Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN) die Beziehungen zu Taiwan zugunsten der Volksrepublik China abgebrochen. Es war jedoch Bukele, der von dieser Veränderung profitierte. Kurz nach seiner Wahl reiste der neue Präsident nach China, um Vereinbarungen über großzügige Unterstützung für Infrastrukturprojekte zu unterzeichnen. Diese wurden zu Aushängeschildern seiner Kampagne, mit der die salvadorianischen Küstengebiete und das Hauptstadtzentrum für den internationalen Tourismus aufgehübscht und neu vermarktet werden sollen.
Als Trump ins Weiße Haus zurückkehrte, hatte Bukele bereits einige Bürgerrechte auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, ein Drittel der Justiz entlassen, das gesamte Verfassungsgericht und den Generalstaatsanwalt ersetzt, Wahlkreise so manipuliert, dass Oppositionsparteien aus der Legislative verdrängt wurden, sich für eine verfassungswidrige zweite Amtszeit vereidigen lassen sowie damit begonnen, ein beträchtliches Immobilienvermögen für seine Familie anzuhäufen. Mit Trumps Segen änderte Bukeles Partei die Verfassung, um eine unbefristete Wiederwahl zu ermöglichen sowie die Amtszeit des Präsidenten von fünf auf sechs Jahre zu verlängern und die Präsidentschaftswahlen 2029 auf die Zwischenwahlen 2027 vorzuverlegen – letzteres offenbar aus Angst, Bukeles Image könnte in den kommenden Jahren leiden, sowie in der Hoffnung, den weniger populären Kandidaten auf seiner Wahlliste einen Boost zu geben.
Abschiebung ins Mega-Gefängnis
Salvadorianische Menschen in beiden Ländern sind Opfer der wiederbelebten Freundschaft zwischen Washington und San Salvador geworden. In seiner zweiten Amtszeit verlagerte Trump allerdings seinen Fokus von der salvadorianisch geprägten MS-13 als bevorzugtem Sündenbock und Sinnbild für Gangs und Drogenschmuggel auf den venezolanischen Tren de Aragua. So gerieten 2025 andere, ebenfalls rassistisch diskriminierte, Migrantengruppen (und sogar deren Staatsoberhäupter) ins Visier.
Im März 2025 lieferten die Vereinigten Staaten 238 venezolanische Staatsangehörige zusammen mit dutzenden salvadorianischen Migranten nach El Salvador aus. Diese wurden ohne Anklage in dem berüchtigten »Zentrum zur Eindämmung des Terrorismus« (CECOT) inhaftiert. Unter den Personen befand sich Kilmar Ábrego García, ein Einwohner des US-Bundesstaats Maryland, der fälschlicherweise abgeschoben und schließlich in die Vereinigten Staaten zurückgebracht wurde. Die Trump-Administration hat seitdem mehrfach versucht, ihn erneut abzuschieben – nach Uganda, Eswatini und Costa Rica.
Doch Bukele verpachtet nicht nur Plätze in seinen Mega-Gefängnissen an das US Department of Homeland Security. Auch sind salvadorianische Flugplätze für US-Kampfflugzeuge geöffnet, die seit Oktober 2025 tödliche Einsätze von Comalapa aus fliegen. Dabei sind salvadorianische Flughäfen schon länger Ausgangspunkte für verdeckte US-Operationen: So wurden sie beispielsweise in den 1980er Jahren für illegale CIA-Versorgungsflüge für die Contras in Nicaragua genutzt. Die Vorgänge Anfang 2026 waren aber wohl das erste Mal, dass ein lateinamerikanisches Land US-Flugzeuge starten und landen ließ, die direkte Militärschläge in der Region fliegen.
»Der Ausnahmezustand ist auch ein Instrument, um Oppositionelle, Menschenrechtler und ganze Gemeinschaften ins Visier zu nehmen, die den von der Regierung hofierten privaten Konzernen im Weg stehen.«
Vor den Angriffen auf Caracas und der Entführung von Präsident Nicolás Maduro im Januar 2026 waren die venezolanischen Inhaftierten als Teil eines von den USA vermittelten Gefangenenaustauschs nach Venezuela freigelassen worden. Später einsehbare Gerichtsakten bestätigten, dass die Trump-Regierung El Salvador 4,7 Millionen Dollar gezahlt hatte, um die Männer stellvertretend für die Vereinigten Staaten in Haft zu halten. Der Deal beinhaltete die Zusage aus Washington, Anklagen gegen neun Anführer der MS-13 in den USA fallen zu lassen und sie nach El Salvador zurückzuschicken. Offenbar sollte damit verhindert werden, dass ihre Aussagen vor Gericht Bukeles korrupte Absprachen mit der kriminellen Vereinigung ans Licht bringen könnten.
Aussagen der freigelassenen Männer untermauerten Berichte über sexualisierte Gewalt, Schläge und Folter, die salvadorianische Überlebende von Bukeles Ausnahmezustand seit Jahren schildern. In diesem sind seit März 2022 verfassungsrechtliche Garantien, darunter das Recht auf ein ordentliches Verfahren, im Namen der Bekämpfung der Gang-Kriminalität ausgesetzt. In den folgenden Jahren wurden etwa 90.000 Menschen festgenommen. El Salvador hat die weltweit höchste Inhaftierungsrate; die Zahl der Gefängnisinsassen hat sich verdreifacht.
Mit Ausnahme von Minderjährigen wurde bisher keine Person, die im Rahmen von Bukeles »Krieg gegen die Gangs« inhaftiert wurde, vor Gericht gestellt. Das ist rechtlich abgesichert: Die mögliche Dauer der Untersuchungshaft wurde auf bis zu fünf Jahre verlängert. Die Gefangenen sind somit faktisch »verschwunden«. Mindestens 470 Todesfälle in staatlichem Gewahrsam wurden bisher von Menschenrechtsorganisationen bestätigt. Ein Drittel der Opfer wies Anzeichen von Gewalt auf; ein Drittel starb aufgrund von medizinischer Unterversorgung; die übrigen Todesursachen sind bislang nicht bekannt oder ungeklärt. Das sind die offiziellen Zahlen; die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.
Seit Beginn der ersten Amtszeit von Bukele werden Häftlingen in El Salvador Besuche von Anwälten oder Familienangehörigen verweigert. Das CECOT-Gefängnis ist derweil zu einem beliebten Reiseziel für rechtsextreme Politikerinnen, Influencer und Journalistinnen geworden. Diese geladenen Gäste streamen ihre Führungen durch den Riesenknast live im Internet und machen Selfies vor einer sorgfältig ausgewählten Kulisse aus kahlgeschorenen, finster blickenden Häftlingen, deren sichtbare Gang-Tattoos sie als langjährige Insassen ausweisen, die vermutlich schon vor Bukeles Amtszeit inhaftiert wurden.
Doch Zehntausende der bei Bukeles Massenverhaftungen festgenommenen Personen haben keinerlei Verbindungen zu den Banden. Der Ausnahmezustand ist nicht nur ein Mittel zur deutlich verbreiterten Kriminalisierung der Armen, sondern auch ein wirksames Instrument, um Oppositionelle, Menschenrechtler und ganze Gemeinschaften ins Visier zu nehmen, die den von der Regierung hofierten privaten Konzernen im Weg stehen. In salvadorianischen Gefängnissen sitzen dutzende politische Gefangene ein; viele weitere wurden ins Exil getrieben. Mit einem neuen »Gesetz über ausländische Agenten« wurden traditionsreiche gemeinnützige und zivilgesellschaftliche Vereinigungen im ganzen Land verboten.
Am Rockzipfel der USA
Über die persönliche Sympathie für Trump hinaus ist Bukeles autoritäres Projekt dringend auf Unterstützung aus den USA angewiesen. Die salvadorianische Wirtschaft ist in nahezu jeder Hinsicht strukturell von den Vereinigten Staaten abhängig. Die USA sind El Salvadors wichtigster Handelspartner; seit 2001 fungiert der US-Dollar als Landeswährung; die Diaspora in den Vereinigten Staaten macht fast 25 Prozent der salvadorianischen Gesamtbevölkerung aus (hinzu kommen diejenigen, die in den USA als Kinder salvadorianischer Eltern geboren wurden); und die Überweisungen dieser Migrantinnen und Migranten stehen mittlerweile für 25 Prozent des BIP.
Bislang hat Trump Bukele für seine Dienste belohnt. Zwar wurden zunächst Zölle in Höhe von 10 Prozent auf salvadorianische Exporte angekündigt, jedoch konnte Bukele diese durch einen Deal mit Trump abwenden. Im Gegenzug will die Trump-Regierung den temporären Schutz- und Duldungsstatus (TPS) aufheben, mit dem bislang hunderttausende Menschen aus Ländern wie Afghanistan, Kamerun, Haiti, Honduras, Nepal, Nicaragua und Venezuela vor der Abschiebung aus den USA bewahrt wurden, die aber fast 200.000 Salvadorianer mit TPS-Status von dieser Aufhebung ausnehmen. Als weiteres Zeichen der Anerkennung hat das US-Außenministerium die Reisewarnungsstufe für El Salvador herabgesetzt – obwohl auch US-Bürger von Bukeles Massenverhaftungen betroffen sind. Darüber hinaus wurde im Februar 2025 endlich ein 1,4 Milliarden Dollar schwerer Kredit des Internationalen Währungsfonds genehmigt, dessen Aushandlung unter der Biden-Regierung ausgesetzt worden war.
»Trump scheint sich von Bukeles spektakulärer Ästhetik der Grausamkeit inspirieren zu lassen, wenn er Razzien gegen Einwanderer livestreamt.«
Trotzdem birgt das Bündnis mit Trump politische Risiken. Salvadorianer in den USA waren vom ICE-Terror in Diaspora-Hochburgen wie Los Angeles und Washington betroffen. El Salvadors Regierung hat sich dabei in keiner Weise für ihre Landsleute im Ausland eingesetzt. Stattdessen hat Bukele den entmenschlichenden Diskurs angeheizt und Trumps rassistische Kampagne gegen Migrantinnen und Migranten unterstützt. Trump ist insgesamt kein besonders verlässlicher Partner. Und im Gegensatz zum deutlich größeren Mexiko hat El Salvador kaum Einfluss oder strategische Hebel zur Hand, weder in wirtschaftlicher noch in anderer Hinsicht.
Der imperiale Bumerang
Darüber hinaus steht Bukele vor innenpolitischen Herausforderungen. Seine Entscheidung, Staatsgebiet faktisch zu vermieten, um venezolanische Migranten unrechtmäßig zu inhaftieren, wurde im eigenen Land nicht positiv aufgenommen. Besonders irritierend für viele war die Tatsache, dass Bukeles Kommunikation zu diesem Thema auf Englisch erfolgte und somit offensichtlich an ein ausländisches Publikum gerichtet war. Während er sich seiner Unterstützung im Inneren rühmt – die es im Zusammenhang mit seinem Vorgehen gegen die Gang-Kriminalität ab 2022 tatsächlich gibt –, sind Maßnahmen wie die Einführung von Bitcoin und die Beendigung des Erzabbauverbots äußerst unpopulär. Dies spiegelt sich allmählich auch in den Umfragewerten wider.
Zudem führt Bukeles Akkumulationsstrategie zu Landraub, Zwangsräumungen und Vertreibungen entlang der salvadorianischen Pazifikküste sowie in den urbanen Zentren. Die Lebenshaltungskosten sind in die Höhe geschnellt, ebenso wie die Armutsquote und die Staatsverschuldung. Letztere liegt inzwischen bei fast 100 Prozent des BIP. Da seine Unterstützungswerte zu schwinden drohen, verstärkt der Präsident den Druck nur noch weiter.
Bukeles Strafvollzugssystem ist das Ergebnis jahrzehntelanger imperialistischer Interventionen und Ausbeutung; die salvadorianischen Gefängniskomplexe beherbergen heute einen Feind aus den eigenen Reihen, der aber aus dem US-Imperium hervorgegangen ist. Zeitgleich werden die in El Salvador erprobten Gewalt-Technologien auf beiden Seiten eingesetzt und perfektioniert. So scheint Trump sich von Bukeles spektakulärer Ästhetik der Grausamkeit inspirieren zu lassen, wenn er Razzien gegen Einwanderer livestreamt, staatliche Gewalt in kleine »Content-Häppchen« zerlegt und rechtsextreme Influencer in den Pressepool des Weißen Hauses einlädt. Figuren wie Elon Musk fordern ihrerseits, Bukeles Säuberungsaktionen in der Justiz nachzuahmen.
Mit jedem Rundflug des imperialen Bumerangs entstehen neue groteske Formen der Unterdrückung und Herrschaft. Der Ausnahmezustand vervielfacht sich, wenn die USA ihre »gunboat diplomacy« in der Karibik wiederentdecken oder wenn Bundespolizisten eingesetzt werden, um große US-Städte regelrecht zu besetzen. Die Gewalt repliziert sich und schaukelt sich immer weiter hoch – von San Salvador nach Washington, von Gaza nach Minneapolis, immer weiter, immer höher.