Die Aufklärung war mit dem Versprechen auf die historische Bühne getreten, die Einzelnen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. In der Wirklichkeit galt das humanistische Bildungsideal jedoch noch nie für alle, sondern immer nur für bestimmte Klassen. Erst die Arbeiterbewegung und Befreiungsbewegungen weltweit machten mit dem Ideal ernst: Sollte die Befreiung das Werk der Menschen selbst sein, brauchten sie auch die Werkzeuge dafür an die Hand.
Bildung war nie der einzige, aber immer schon einer der mächtigsten Hebel dafür. Sei es durch massenhafte Alphabetisierung, durch Zeitungen, Abendschulen für Arbeiterinnen und Arbeiter oder durch Reformen der staatlichen Bildungsinstitutionen selbst: Aufgabe der Linken war es immer, kritische Reflexion über die unmenschlichen Verhältnisse zu ermöglichen und die Mittel der rationalen Durchdringung und der ästhetischen Wahrnehmung zu demokratisieren. Wer einmal verstanden hat, dass die Welt auch anders funktionieren könnte, gibt sich mit dem Status quo nicht mehr ohne weiteres ab. Die massenhafte Bildung der Arbeiterinnen und Arbeiter für ihre Selbstbefreiung war deshalb seit jeher ein Ziel sozialistischer Praxis.
Die Geschichte zeigt aber auch den Widerspruch der Aufklärung. Mehr Wissen bedeutet nicht automatisch mehr Vernunft. Als herrschaftliches Wissen kann es auch mehr Unterdrückung bedeuten, sogar Auslöschung. Theodor W. Adorno sprach deshalb in dem Radiovortrag Erziehung nach Auschwitz davon, dass jede politische Pädagogik darauf ausgerichtet sein müsse, die Katastrophe zu verhindern. Als Klassiker durchzieht der Gedanke bis heute die kritische Bildungswissenschaft: Was tun gegen die »bürgerliche Kälte« der Bildungsinstitutionen, gegen Apparate, die Menschen zurichten, die sie systemkonform machen statt herrschaftskritisch und selbstbestimmt?
Versuche in Ost und West
Unzählige verschiedene Ansätze der Befreiungs- und Reformpädagogik zeugen davon, dass immer wieder der Versuch unternommen wird, Bildungsinstitutionen menschlicher und demokratischer zu gestalten. Leuchttürme wie die Jenaplan-Schulen oder die Bielefelder Laborschule versuchen immer wieder, den Menschen als Selbstzweck zu setzen und Bildung als Entfaltung von Denk- und Lebensweisen zu verstehen. Diesen Schulen liegt ein demokratischer Ansatz zugrunde, der die Lernenden als selbsttätige Wesen voraussetzt und von einem wechselseitigen Lehr-Lern-Verhältnis ausgeht. Schülerinnen und Schüler sind dann nicht einfach Trichter, in die man Wissen reinschüttet, sondern vollwertige Wesen, die vielfältige Fähigkeiten ausbilden. Doch zumindest in Westdeutschland blieben auch diese Ansätze hauptsächlich auf einige wenige – teils privat finanzierte – Lernorte beschränkt.
Die DDR wiederum manifestierte dieses Bildungsideal im ganzen Staat durch die polytechnische Oberschule, die geistig-schöpferische Entwicklung mit praktischer und gesellschaftlich nützlicher Arbeit verbinden sollte. Die Einheitsschule beendete die traditionelle deutsche Schultrennung und enthob das Gymnasium seiner primären Funktion, Klassenunterschiede zu verfestigen. Das bedeutete allerdings nicht, dass es keine Klassen oder Funktionseliten mehr gab. Die Trennung von Kopf- und Handarbeit sollte zwar formal aufgehoben werden, doch auch in der DDR blieben Arbeiterkinder im Wesentlichen Arbeiterkinder. Der Soziologe Steffen Mau zeigt in seinem Buch Lütten Klein, dass die Bildungsexpansion in der DDR sogar ausblieb und es insgesamt weniger Möglichkeiten zum Bildungsaufstieg gab als in der BRD.
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»Auch in der DDR blieben Arbeiterkinder im Wesentlichen Arbeiterkinder.«
Darin unterscheiden sich die ostdeutschen Kinder also kaum von den »lads« in England, die der Kultursoziologe Paul Willis in den 1970er Jahren in seiner bahnbrechenden Studie Learning to Labour untersuchte. Schüler aus der Arbeiterklasse, so Willis, haben in den Bildungsinstitutionen des Kapitalismus nicht viel zu erwarten. Die Lehrkräfte und die Schule suggerieren ihnen das jeden Tag. Folglich glauben sie selbst daran, zur Arbeitskraft geboren zu sein und verhalten sich entsprechend. Jeder, der heute einmal eine Schule von innen gesehen hat, erkennt das Muster wieder: »Bildungsferne« Schülerinnen und Schüler rebellieren gegen ihre Zurichtung in der Schule auf eine Weise, die ihre Unterdrückung noch verfestigt. Sie gehen selbst davon aus, dass sie von der Schule nichts zu erwarten haben und sich besser gleich auf den Job vorbereiten sollten. Die Bildungsinstitutionen geben ihnen keinen Anlass, anders zu denken.
Das gilt insbesondere in Deutschland, einem der ungleichsten Länder, was den Bildungsaufstieg angeht – allen großen (westdeutschen) Bildungsreformen der 1970er Jahre zum Trotz. In kaum einem anderen Land werden Kinder so früh in verschiedene Schulformen einsortiert. Ein Kind aus einer Arbeiterfamilie hat nach der neuesten Lese-Studie IGLU nach wie vor eine 2,5-fach geringere Chance auf eine Gymnasialempfehlung als ein Kind von Eltern mit höherem Einkommen und höheren Abschlüssen. Kinder mit Migrationshintergrund müssen für die gleiche Empfehlung eine höhere Lesekompetenz vorweisen. Jeder und jede, die durch harte Arbeit aus ihrer Klasse aufgestiegen ist, weiß, dass es auch auf glückliche Zufälle und günstige soziale Bedingungen ankommt. Die Hürden bleiben aber immens.
»Während wir noch heute von den Überresten der sozialdemokratischen Reformen zehren, verharrt das dreigliedrige Schulsystem im Grunde auf dem Stand der Bismarck’schen Schulreform und reproduziert Jahrgang für Jahrgang Klassenunterschiede.«
Der sozialdemokratische Versuch, durch Bildungsexpansion mehr Arbeiterkinder an die Universitäten zu bringen und Gesamtschulen zu etablieren, war zwar zeitweise recht erfolgreich, doch in den 1980er Jahren folgte der rechtskonservative Backlash – zeitgleich mit dem Aufbruch des Neoliberalismus. Während wir noch heute von den Überresten der sozialdemokratischen Reformen zehren, verharrt das dreigliedrige Schulsystem im Grunde auf dem Stand der Bismarck’schen Schulreform und reproduziert Jahrgang für Jahrgang Klassenunterschiede.
Der letzte Versuch, dem Gymnasium zumindest zwei Jahre für längeres gemeinsames Lernen bis zur sechsten Klasse abzuknapsen, scheiterte in einem Volksentscheid in Hamburg 2010, bei dem eine Reihe von Bildungsbürgerinnen und ihren Anwälten des Status quo mit Klauen und Zähnen verteidigte. Seit dieser Niederlage versucht in der Linken niemand mehr ernsthaft, in der Bildungspolitik irgendetwas grundsätzlich zu verändern.
Der Neoliberalismus frisst seine Kinder
In einer besonders dummen Wendung der Ereignisse hat der Einzug des Neoliberalismus in den deutschen Bildungsinstitutionen dafür gesorgt, dass die Gesellschaft nicht nur ungleich bleibt (und sogar teils ungleicher wird), sondern auch nicht mehr in der Lage ist, Arbeitskräfte so auszubilden, wie sie selbst es benötigt. Die neoliberale Vorstellung vom Menschen als Homo Oeconomicus, der auf seine Verwertbarkeit am Arbeitsmarkt reduziert wird, gipfelte 2005 darin, dass »Humankapital« zum Unwort des Jahres gekürt wurde. Irgendwie ahnte man wohl schon damals, dass es nicht die beste Idee war, Bildung allein dem Profitinteresse zu unterwerfen.
Statt die Menschen also fitter für den Arbeitsmarkt zu machen, stattete man Kitas, Schulen, Unis und Volkshochschulen derart schlecht aus, dass die Qualität der Bildung selbstverständlich darunter litt. Der erste »PISA-Schock« im Jahr 2000 zeugt davon. Die OECD, die die PISA-Studien weltweit in Auftrag gibt, kommt jedes Mal wieder zu dem Schluss, dass das deutsche Bildungssystem Ungleichheiten reproduziert und plädiert deshalb für eine Gemeinschaftsschule. Nun ist die OECD nicht die Vorreiterin des Sozialismus, doch selbst sie sieht ein, dass das deutsche Standesdenken und die akute Unterfinanzierung dem ökonomischen Aufstieg im Wege stehen.
Auch das durch den Bologna-Prozess verschlankte Hochschulsystem brachte zwar schnellere Abschlüsse, doch mehr Akademikerinnen und Akademiker lösen weder den akuten Fachkräftemangel, noch kann die zunehmend auf Drittmittel angewiesene Universitätslandschaft sich im internationalen Vergleich gut behaupten. Spitzenförderung gibt es nur in »Exzellenzuniversitäten«, und auch diese müssen alle paar Jahre um diesen eher fragwürdigen Titel ringen.
»Das Problem ist, dass die neuen Mittelklassen primär durch Ideen, Moral und ideologisches Commitment politisiert werden statt durch handfeste Interessen.«
Die Bildungskatastrophe betrifft mittlerweile jedes Alter und alle Institutionen. Um es an Zahlen festzumachen: Derzeit fehlen 378.000 Kita-Plätze, obwohl jedes Kind einen Rechtsanspruch auf einen hat, denn es mangelt akut an Erzieherinnen und Sozialarbeitern. Bis 2025 fehlen bundesweit außerdem rund 25.000 Lehrkräfte. Aufgrund der Überarbeitung fordern Lehrerinnen und Lehrer in Berlin einen Tarifvertrag, Arbeitsentlastung und kleinere Klassen.
Die Kultusministerkonferenz machte im Frühjahr dieses Jahres indes den großartigen Vorschlag, dass Lehrkräfte weniger in Teilzeit oder insgesamt länger arbeiten sollen, um das Problem auszugleichen. Also genau das Gegenteil von dem, wofür die Lehrkräfte Berlins noch wenige Tage zuvor gestreikt hatten. Seit drei Jahrzehnten steigt die Zahl der Privatschulen, mittlerweile geht jedes elfte Kind auf eine. Im Mittelbau der Universitäten begehren die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegen ein System auf, das sinnvolle Forschung und konzentrierte, an den Bedürfnissen der Studierenden orientierte Lehre kaum mehr ermöglicht, und studentische Beschäftigte kämpfen um angemessene Bezahlung durch einen Tarifvertrag.
Kurz: Das Bildungssystem ist eine Katastrophe und alle wissen es. Doch politisch ist seit Jahren keine Alternative in Sicht.
Arbeiter und Intellektuelle
Die Linke, die sich einst vornahm, das Versprechen der Aufklärung einzulösen und allen Menschen Bildung zu ermöglichen, scheint ebenso vor der Bildungskatastrophe zu kapitulieren. Das liegt zum einen daran, dass linke Parteien selbst von ihrer Bildungsexpansion ergriffen wurden: Diese ermöglichte es vielen Arbeiterkindern, sozial aufzusteigen. Zudem führte die starke Zunahme von wissensintensiven Berufen in Verwaltung, Technologie und nicht zuletzt dem Bildungssektor selbst zur Entstehung neuer Mittelklassen, deren politisch oft eher liberal-progressive Haltung zunehmend prägend für linke Parteien und Bewegungen wurde.
Das Problem daran ist, dass diese neuen Mittelklassen primär durch Ideen, Moral und ideologisches Commitment politisiert werden statt durch handfeste Interessen, wie dies in der Arbeiterklasse klassischerweise der Fall war und in der Regel auch heute noch ist. Dies disqualifiziert nicht die Politik der gebildeten Linken, erschwert es aber, Verbindungen mit den ohnehin historisch schwachen Interessensorganisationen der Arbeiterschaft zu knüpfen.
Für die sozialdemokratischen und linken Parteien gilt verstärkt, dass ihre eigenen Kader sich durch den Bildungsaufstieg von denen getrennt finden, um die es bei sozialistischer Politik eigentlich geht. Eine akademisierte Linke kann zwar viele Marx-Lesekreise veranstalten, doch der Anspruch, dieses Wissen auch mit der breiten Masse zu teilen, ist oftmals in den Hintergrund getreten. Was es stattdessen braucht, ist ein neues Bündnis zwischen politisch wachen und sich selbst ermächtigenden Arbeiterinnen und Arbeitern und praktisch denkenden Intellektuellen. Ein eben solches Bündnis war der Glücksfall, der am Anfang des Marxismus stand.
»Bildung darf nicht als Allheilmittel verstanden werden. Ihr aufzubürden, alle Probleme zu lösen, die wir als Linke angehen wollen, wäre fatal.«
Die Arbeiterbewegung hat in ihrer Geschichte eine Vielzahl von didaktischen Zirkeln in- und außerhalb der bürgerlichen Institutionen hervorgebracht, die es Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen bis ins hohe Alter ermöglichen sollten, das zu lernen, was sie brauchten, um herrschende Vorstellungen von Wirtschaft, Politik und Kultur zu hinterfragen und sich in einem kollektiven bildnerischen Prozess selbst zu verändern. An diese reiche Tradition anzuknüpfen und außerhalb der Unterrichtsfabriken wieder Orte zu schaffen, an denen das möglich ist, ist auch eine Aufgabe der Linken.
Eine weitere ist, selbst Intellektuelle herauszubilden, die mit dem notwendigen Werkzeug ausgestattet sind, einen Bildungskreis, eine Redaktion, eine Streikversammlung oder eine Partei zu leiten. Kaderbildung also, auch wenn dieser Begriff anrüchig geworden ist. Doch diese Menschen sind unabdingbar, wenn es darum geht, tragfähige Organisationen aufzubauen und auch die politische Macht zu erlangen, um Bildungsreformen für die breite Masse überhaupt erst wieder denkbar zu machen.
Bildung strategisch denken
Denn die neoliberale Hegemonie zu brechen, das Bildungssystem auszufinanzieren, pädagogische Berufe zu Traumberufen zu machen und die frühe Selektion der Kinder abzuschaffen, wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern. Realistisch würde es erst einmal darum gehen, die Katastrophe etwas abzumildern. Jedes kostenlose Mittagessen für Kinder in Schulen, günstige Tickets für Schülerinnen und Studierende sind ein Gewinn, jede Auseinandersetzung um höheres Bafög oder Weiterbildungsmaßnahmen sind wichtig. Das darf allerdings nicht dazu führen, dass wir uns damit zufriedengeben, den Neoliberalismus etwas sozialer oder gerechter zu verwalten als andere.
Gleichzeitig darf Bildung nicht als Allheilmittel missverstanden werden. Ihr aufzubürden, alle Probleme zu lösen, die wir als Linke angehen wollen – die Armut abzuschaffen, Ausgrenzung und Rassismus zu überwinden und so weiter –, wäre fatal. Dafür braucht es linke Wirtschafts- und Sozialpolitik. Vielmehr müssen wir Bildung strategisch als Machtressource verstehen: Was und wie sollten Menschen lernen, damit sie als kritische Geister Herrschaftswissen, Fake News und Konformismus widerstehen können? Welche Fähigkeiten benötigen sie, um als denkende, aber praktisch arbeitende Wesen sich selbst und anderen zur freien Entfaltung ihrer Fähigkeiten zu verhelfen?
Die Arbeitskämpfe derjenigen, die im Bildungsbereich tätig sind, bilden einen Angriffspunkt. Sozialarbeiterinnen, Erzieher und Lehrkräfte wissen oft selbst, was falsch läuft und wie man es besser machen könnte. Genauso wie Schülerinnen und Schüler – man muss sie nur ernst nehmen. Den transformativen Charakter von Bildung kann auch das ausgehöhlteste Bildungssystem nicht ganz auslöschen. Menschen sind auch unter erschwerten Bedingungen immer wieder in der Lage, über sich hinaus zu wachsen und dort aufzubegehren, wo sie unterdrückt werden. Doch sie brauchen dafür Organisationen wie Gewerkschaften, Parteien, Kultur- oder Sportvereine, die sie unterstützen und politische Forderungen auch dann erheben, wenn es gegen den Zeitgeist geht. Oder gerade dann.