Der russische Angriff auf die Ukraine hatte selbst tausende Kilometer von den Schlachtfeldern entfernt weitreichende Folgen. In Reaktion auf die Invasion im Jahr 2022 wurde der russische Staat, der etwa die Hälfte der gesamten Landmasse oberhalb des Polarkreises einnimmt, aus der transnationalen Arktis-Zusammenarbeit praktisch ausgeschlossen.
Unabhängig davon, ob es richtig oder falsch war, Russland vorübergehend auszuschließen: Es sind die indigenen Völker der Arktis – deren Geschichte in der Region deutlich länger zurückreicht als die der Staaten, innerhalb deren Grenzen sie sich offiziell befinden – die am meisten unter dieser Entscheidung und den weiteren Folgen des Konflikts für die Arktis zu leiden haben.
So wurden sie in den vergangenen Jahren für Russlands Krieg eingezogen, ihre Beziehungen über Staatsgrenzen hinweg wurden gekappt und sie mussten eine »Pause« bei den Treffen des Arktischen Rates hinnehmen, einem internationalen Forum, in dem sie mehr Mitspracherecht für sich erstritten hatten.
Indigene Völker in Bedrängnis
Die indigenen Völker der Arktis waren schon vor dem Krieg marginalisiert. Wie Anders Oskal, Generalsekretär der Weltvereinigung der Rentierhirten, kürzlich sagte: »Diejenigen, die als Erste und am härtesten von den Sanktionen getroffen werden, sind diejenigen, die ohnehin schon am Ende der Nahrungskette stehen.«
Im Jahr 2021 entschied der Oberste Gerichtshof von Norwegen, dass ein Windpark, der auf dem Gebiet des indigenen Volks der Samen errichtet wurde, deren Rechte verletzt. Dennoch blieb der Windpark bestehen und, damit verbunden, die Zugbewegungen der von den Samen genutzten Rentiere gestört. In der russischen Arktis wurden die Wanderrouten der rentierzüchtenden Nenzen derweil durch Öl- und Gasinfrastruktur ähnlich beeinträchtigt. In der schwedischen Gemeinde Kiruna, im Herzen von Sápmi – dem Siedlungsgebiet der Samen –, liegt die größte Eisenerzmine der Welt. Die Region ist außerdem reich an seltenen Erden, die für die Energiewende benötigt werden. Der schwedische Staat hat schon lange ein Auge auf diese Bodenschätze geworfen.
PAYWALL
Eirik Larsen ist Leiter der Menschenrechtsabteilung des Samenrats, einer Nichtregierungsorganisation, die im gesamten Samen-Gebiet in Russland, Finnland, Norwegen und Schweden tätig ist. Er kritisiert, derartige Projekte seien »ohne unsere Zustimmung entwickelt worden und haben schwerwiegende Auswirkungen auf unsere Kultur und unsere Lebensweise. Wir sind nicht gegen Klimaschutzmaßnahmen. Vielmehr fordern wir Klimaschutzmaßnahmen; und wir fordern, dass wir darin eingebunden werden, Klimalösungen für unsere Gebiete zu finden, […] und zwar auf eine Weise, die diese natürlichen und traditionellen Regionen – also wirklich nachhaltige Gebiete – so wenig wie möglich beeinträchtigt.«
Das Problem mit Grenzen
Da die Kooperationsnetzwerke im Rahmen des Arktischen Rates aktuell geschwächt sind und das Potenzial für grenzüberschreitende Solidaritätsaktionen somit abnimmt, werden die Bedenken der Samen nun eher zu innenpolitischen Angelegenheiten. Dementsprechend können die jeweiligen Regierungen sie deutlich leichter ignorieren als zuvor.
Der Arktische Rat ist ein zwischenstaatliches Forum für die Zusammenarbeit mehrerer Länder zu diversen Themen in der Arktisregion. Unter den großen internationalen Organisationen gilt er seit langem als einzigartig, da für sechs indigene Gruppen, die etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung der Arktis repräsentieren, feste Sitze reserviert sind. Diese Vertreter sind somit ständige Teilnehmer des Rates. Sie können zwar nicht über Resolutionen abstimmen, haben sich aber in diesem internationalen Forum eine gewichtigere Stimme gesichert als dies in den inneren Angelegenheiten der Staaten, in denen sie ansässig sind, je möglich war.
»Die Grenzen der Samen-Gemeinschaften verlaufen gänzlich anders als die des internationalen Staatensystems.«
Wie gesagt, sind die Funktionen des Rates seit 2022 ausgesetzt. Für indigene Gruppen bedeutet der Krieg in der Ukraine auch, dass sie mit ansehen mussten, wie Grenzen wieder geschlossen, Familien getrennt und traditionelle Jagdgründe so konsequent gespalten wurden, wie es seit dem Kalten Krieg nicht mehr der Fall war. Die Lebensweise der indigenen Völker der Arktis hat stets unter modernen zwischenstaatlichen Grenzen gelitten. Das gilt ganz besonders, wenn ein solcher Staat in den Krieg zieht.
Mehrere Samen, die in Russland gelebt hatten, sahen sich 2022 gezwungen, in Nachbarländern Asyl zu beantragen, um der russischen Wehrpflicht zu entgehen. Eirik Larsen hält es für ungerecht, dass überhaupt Asyl beantragt werden musste: »Unser Hauptanliegen ist, dass Samen das gesamte Samen-Territorium als ihre Heimat betrachten können sollten, unabhängig von Grenzen. Wir sind es gewohnt, ständig die Grenze zu überqueren und sie zu umgehen.«
Erschwerend kommt hinzu, dass die Grenzen der Samen-Gemeinschaften gänzlich anders verlaufen als die des internationalen Staatensystems. Larsen erklärt: Während die norwegisch-schwedische Grenze von Süden nach Norden verläuft, »haben wir unsere internen Grenzen, die von Ost nach West verlaufen – wobei unsere Sprachen, unsere Kultur und unsere Lebensgrundlage als Rentierhirten ohnehin grenzüberschreitend sind.«
Wie an so vielen anderen Orten auf der Welt werden auch hier die Staatsgrenzen den Lebensbedürfnissen der Menschen, die direkt an oder in ihrer Umgebung leben, schlichtweg nicht gerecht. Zwar mag zum Zeitpunkt der ersten Grenzziehung noch Freizügigkeit möglich sein, doch Grenzen werden für die lokale Bevölkerung schnell zum Problem, wenn sich die Übertrittsregelungen verschärfen.
Kolonialismus und seine Folgen
Die Grenzschließung und die drohende Wehrpflicht sind nicht die einzigen Folgen, die Russlands Krieg gegen die Ukraine für die indigenen Bevölkerungsgruppen der Arktis hat. Zahlreiche Initiativen, die in den zwei Jahren vor dem Krieg vereinbart worden waren, wurden nicht fortgesetzt oder weiterentwickelt.
Dazu gehört unter anderem die wichtige Arbeit gegen die »Suizidkrise« in der indigenen Bevölkerung: Jahrelange Übergriffe durch Siedler in der Arktis (zum Beispiel in katholischen Internaten in Kanada) in Kombination mit der Entfremdung von traditionellen Lebensweisen, die auf einer starken Beziehung zum Land basierten, haben dazu geführt, dass die Selbstmordraten in indigenen Regionen höher sind als anderswo in den arktischen Staaten. Wie es in einer Erklärung des Inuit Circumpolar Council, einer Vertretung der Inuit in Nordamerika, Sibirien und Grönland, aus dem Jahr 2020 heißt: »Suizid war in der Arktis schon eine Pandemie, bevor Covid-19 auftauchte.«
»Übergriffe durch Siedler in Kombination mit der Entfremdung von traditionellen Lebensweisen, haben dazu geführt, dass die Selbstmordraten in indigenen Regionen höher sind als anderswo in den arktischen Staaten.«
Chief Gary Harrison vom Chickaloon Native Village in Alaska sprach auf der jüngsten Arctic Frontiers-Konferenz im norwegischen Tromsø über die besorgniserregenden Suizidraten in seinem Volk, insbesondere unter jüngeren Männern: »Ein Großteil davon ist auf die Kolonialisierung zurückzuführen und auf die Tatsache, dass dieses Trauma in ihre DNA eingeschrieben ist. […] Es gibt eine patriarchalische Gesellschaft, die im Grunde unser Land und unsere Ressourcen übernommen hat. Sie haben all unsere Bräuche und Traditionen verändert. Und jetzt verlangen sie, dass wir ihren Weg gehen.«
Seit der »Pause« des Arktischen Rates finden Maßnahmen gegen Suizidgefahr und psychologische Unterstützungsprogramme lediglich auf nationaler Ebene statt. Derzeit gibt es kein nennenswertes internationales Abkommen, das sich mit der Zerstörung der Lebensgrundlagen indigener Völker und den tiefen Narben, die durch koloniale Ein- und Übergriffe entstanden sind, befasst.
Die Kooperation geht lokal weiter
Unterhalb der nationalstaatlichen Ebene wird indes weiterhin kooperiert. Die Arbeitsgruppen des Arktischen Rates, in denen neben den Indigenen auch Vertreter des russischen Staates sitzen, sind inzwischen wieder aktiv. Die Anführer des Gwich’in Council, die ein Volk vertreten, das im Norden Kanadas und in Alaska lebt, haben sich dort beispielsweise mit anderen indigenen Gruppen für die Eindämmung von Waldbränden eingesetzt – ohne staatliche Führung oder Unterstützung.
Waldbrände stellen in der arktischen Tundra ein zunehmendes Risiko dar. Während indigene Strategien des Feuermanagements in Form von kontrolliert gelegten Bränden seit langem bei der Bewirtschaftung des Landes effektiv eingesetzt wurden, werden sie von staatlichen Behörden eher verboten als begrüßt. Auch der Arktische Rat hat sich – als er noch vollumfänglich funktionierte – nicht ausreichend mit dem vorhandenen indigenen Wissen in Brandbekämpfungsstrategien befasst.
Das Inuit Circumpolar Council hat kürzlich vorgeschlagen, den aktuellen Moment für einen Neustart zu nutzen und die bisherige »Alibipolitik durch eine umfassende und effektive Beteiligung sowie ein sinnvolles Mitwirken der indigenen Völker im gesamten Arktischen Rat zu ersetzen«.
Kanada hat in den vergangenen Jahren einige Schritte unternommen, um mit indigenen Völkern zusammenzuarbeiten – beispielsweise bei einem Schutzgebiet für Nunatsiavut, das gemeinsam mit den örtlichen Inuit entwickelt wurde. Die Ansichten der indigenen Völker werden aber nicht in jedem Fall priorisiert, insbesondere wenn es zeitgleich größere globale Spannungen gibt.
»Wir möchten nicht, dass unsere traditionellen Gebiete als strategische Militär- und Kampfzone zwischen östlichen und westlichen Bündnissen behandelt werden.«
Zum Beispiel protestierten die Innu in Labrador im kanadischen Nordwesten seit Ende der 1980er Jahre immer wieder gegen Kampfflugzeug-Übungen der NATO über ihrem Territorium, das südlich des Polarkreises, aber nahe der sich verschiebenden ökologischen Grenze liegt, an der Bäume durch Tundra abgelöst werden. Bis diese Übungen 2005 endgültig eingestellt wurden, wurde die Region regelmäßig als Ort genutzt, an dem die ohrenbetäubenden Jets weit weg von europäischen Ohren geflogen und getestet werden konnten.
Im Jahr 2022 beantragte die deutsche Luftwaffe die Wiederaufnahme der Tiefflugtrainings. Die Innu lehnten diesen Vorschlag »formell und einstimmig« ab. Er wurde bisher auch nicht umgesetzt, doch das kanadische Verteidigungsministerium wünscht sich ebenfalls, dass die Übungsflüge bald wieder stattfinden.
Die Inuit in Grönland setzen sich ihrerseits seit langem gegen die Militarisierung der Arktis ein. Sie sind dabei Teil der breiteren Inuit-Gemeinschaft, die die Region als »Zone des Friedens« versteht. Im Gegensatz dazu bezeichnete der damalige US-Außenminister Mike Pompeo die Arktis 2019 als »Arena für Macht- und Wettbewerbskämpfe«. Angesichts Donald Trumps jüngster imperialistischer Aussagen zum Thema Grönland ist dieses Thema wieder höchst aktuell.
Den Indigenen muss zugehört werden
Mary Simon, damalige Präsidentin der Inuit Circumpolar Conference (heute Inuit Circumpolar Council) und derzeitige Generalgouverneurin von Kanada, hatte sich bereits 1989 mit diesem Thema befasst. Ihre damaligen Worte könnten sich glatt auf die heutige geopolitische Lage beziehen: »Wir möchten nicht, dass unsere traditionellen Gebiete als strategische Militär- und Kampfzone zwischen östlichen und westlichen Bündnissen behandelt werden.« Jede exzessive militärische Aufrüstung im Norden würde »nur dazu führen, die Arktis zu teilen, die Ost-West-Spannungen und das Wettrüsten weiterzuführen und unsere Völker auf gegnerische Konfliktseiten zu drängen«.
In den vergangenen Jahren ist genau dieses Szenario eingetreten. Angesichts der historischen Geringschätzung, mit der Staaten weltweit die historischen Eigentümer des Landes, auf dem sie errichtet wurden, behandelt haben, ist es unwahrscheinlich, dass die Perspektiven dieser indigenen Menschen Gehör finden werden.
Doch auch wenn die Zusammenarbeit auf staatlicher Ebene im Rahmen des Arktischen Rats aktuell eingeschränkt ist, sollten die Regierungen der Nationalstaaten mit den indigenen Völkern aufrichtig zusammenarbeiten. Sie müssen dabei auch anerkennen und verstehen, dass diese Gemeinschaften durchaus unterschiedliche Positionen vertreten, genau wie jede andere Bevölkerungsgruppe auch. Einige befürworten beispielsweise die Ölförderung auf ihrem Land: So hat Voice of the Arctic Iñupiat mit dem Gouverneur von Alaska zusammengearbeitet, um dafür zu sorgen, dass die geplanten Bohrprojekte trotz des Widerstands anderer indigener Organisationen durchgeführt werden konnten.
Es ist unwahrscheinlich, dass der Arktische Rat genau die Form aus der Zeit vor dem Krieg wiedererlangt. Norwegen führt die Reste der Organisation seit 2023, hat sie einigermaßen erfolgreich zusammengehalten und damit weiterhin ein Forum für die Repräsentation der indigenen Völker ermöglicht. Auf nationaler Ebene schenken die Staaten indigenen Interessen aber nach wie vor nur dann Gehör, wenn diese nicht mit den Prioritäten der jeweiligen Regierung kollidieren. Das muss sich ändern.