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Doch, der Geburtenrückgang ist ein Problem

Sinkende Geburtenraten sind eine schlechte Nachricht für die Linke. Denn in einer alternden Gesellschaft wird die sozialistische Wette auf die Zukunft einem immer größeren Teil der Bevölkerung als zu riskant erscheinen.

Doch, der Geburtenrückgang ist ein Problem
»Wenn ein immer größerer Teil der Bevölkerung sich dem Ende seines Lebens nähert, laufen wir Gefahr, dass sich eine geradezu epidemische politische Kurzsichtigkeit breitmacht.«Illustration: Andy King

Nahezu jedes Industrieland der Welt hat eine Geburtenrate von unter 2,1 Kindern pro Frau. Eine solche wäre für eine stabile Bevölkerungsentwicklung erforderlich. Die Welt als Ganze scheint diesem Trend zu folgen: Die Abteilung für Bevölkerungsentwicklung des Department of Economic and Social Affairs der Vereinten Nationen schätzt die weltweite Fertilitätsrate 2024 auf rund 2,1 und sinkend. Länder mit mittleren Einkommen, allen voran China, befinden sich bereits im negativen Bereich.

Über die Folgen des Geburtenrückgangs ist bereits viel geschrieben worden. Wirtschaftliche Dynamik, Innovation, Investitionen und der Sozialstaat sind potenziell gefährdet, ganz zu schweigen von der Zukunft von ganzen Kulturen. All dies, insbesondere die finanzielle Tragfähigkeit sozialer Institutionen, sollte die Linke beschäftigen. Niedrige Geburtenraten könnten zu untragbaren Finanzierungslücken bei Renten, Gesundheitssystemen und anderen altersbezogenen Sozialprogrammen führen. Für unsere ohnehin schon geschwächten Sozialstaaten wäre das katastrophal.

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Doch die Linke sollte sich aus noch mehr Gründen sorgen: Über die praktischen Bedenken hinaus stellt der Geburtenrückgang – und die daraus resultierende rasche Alterung der Bevölkerung – eine ernsthafte Gefahr für die Zukunft sozialistischer Politik dar. Wenn ein immer größerer Teil der Bevölkerung sich dem Ende seines Lebens nähert, laufen wir Gefahr, dass sich eine geradezu epidemische politische Kurzsichtigkeit breitmacht, in der nur ein stetig schwindender Teil der Bevölkerung noch bereit ist, auf eine Vision zu setzen, die ein volleres menschliches Aufblühen in der Zukunft verspricht.

Wenn die Wirtschaft schwächelt

Da die Geburtenraten praktisch überall auf der Welt sinken, erleben wir zunehmend eine Veränderung der Altersstruktur. Die Gesellschaften altern bereits seit einiger Zeit. Ursprünglich wurde dieses Altern durch positive Faktoren vorangetrieben: Bessere Gesundheitsversorgung und mehr Wohlstand bedeuteten eine höhere Lebenserwartung. In der jüngsten Phase des gesamtgesellschaftlichen Alterns hat sich der Hauptgrund dafür aber verändert: Eine stabile oder nur noch langsam steigende Lebenserwartung geht mit sehr niedrigen Geburtenraten einher.

Nehmen wir zum Beispiel Südkorea, das derzeit eine Gesamtfruchtbarkeitsrate (TFR) von 0,7 Geburten pro Frau aufweist. Asien insgesamt hat eine TFR von 1,8 und liegt damit deutlich unter dem Reproduktionsniveau. Tatsächlich ist Afrika der einzige Kontinent, der noch eine TFR von über 2,1 aufweist. Getragen von den Ländern südlich der Sahara liegt der gesamte Kontinent bei etwa 3,8. Allerdings folgt auch Afrika inzwischen relativ schnell dem allgemeinen Trend in der übrigen Welt. Der Hauptgrund für die Alterung der Gesamtgesellschaft ist nicht mehr, dass wir länger leben, sondern dass unsere Gesellschaften weniger junge Menschen hervorbringen.

Eine Folge der alternden Bevölkerung ist eine stärkere Belastung der Sozialsysteme. Eine ältere Bevölkerung bedeutet höhere Abhängigkeitsquoten, sprich: Der Anteil der Bevölkerung außerhalb der Erwerbsbevölkerung wächst im Verhältnis zur Zahl der Erwerbstätigen. Infolgedessen müssen immer weniger erwerbstätige Menschen immer mehr Rentnerinnen und Rentner versorgen.

»Selbst diejenigen unter den enkellosen Senioren, die sich in abstrakter Weise sehr für die Jugend und die Zukunft engagieren, werden weniger häufigen und weniger engen Kontakt zu den Generationen haben, die von ihnen irgendwann die Erde erben werden.«

Das ist offensichtlich eine ökonomisch schwer tragbare Konstellation. Einerseits führt die Bevölkerungsalterung dazu, dass die durchschnittlichen Gesundheitskosten höher liegen und die Rentensysteme immer stärker belastet werden. Andererseits geraten die Sozialstaaten durch geringere Steuereinnahmen aus der schrumpfenden Erwerbsbevölkerung zusätzlich unter Druck. Wenn die Geburtenrate weiter sinkt, ist der Sozialstaat in seiner derzeitigen Form in existenzieller Gefahr.

Hinzu kommt die Lage der Wirtschaft insgesamt. Je weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter einer Volkswirtschaft zur Verfügung stehen, desto kleiner wird diese. Das Gleiche gilt für die Zahl der Verbraucher. Eine schrumpfende Bevölkerung drückt somit auf das Wirtschaftswachstum. Und wenn der erwartete zukünftige Markt kleiner ist als der aktuelle Markt, zögern Unternehmen mit Investitionen.

Zwar gibt es für Firmen immer Gründe, Kosten zu senken oder die Effizienz zu steigern, doch wird es schwierig, wenn die Einführung effizienterer Produktionstechniken nicht zu einer Erhöhung der Produktionskapazität führt, sondern lediglich ältere Systeme ersetzt werden. In diesem Szenario werden zukünftige Innovationen womöglich wesentlich teurer – und wir können weniger Vorteile von ihnen erwarten.

Eine Zukunft mit unterfinanzierten Sozialstaaten, wirtschaftlicher Rezession und schleppender Innovation ist für niemanden erstrebenswert. Das gilt auch für die Linke, die – so gerne wir auch auf die Probleme des bestehenden kapitalistischen Wirtschaftssystems hinweisen – in Zeiten des Überflusses tendenziell besser abschneidet als in Krisenzeiten. Was die ökonomischen Aspekte der niedrigen Geburtenraten angeht, gibt es schlichtweg keinen Grund für Optimismus.

Ein Ergrauen der Politik

Wie sieht es mit der Politik aus? Auch hier geben die sinkenden Geburtenraten Anlass zur Sorge. Der Sozialismus ist eine Wette auf die Zukunft. Das gesamte Projekt erfordert, dass wir dafür kämpfen, bisher recht stabile Institutionen durch neue, noch nicht erprobte, zu ersetzen, um hehre Ziele und Ideale zu erreichen.

Jede Veränderung ist mit Unsicherheit und einer gewissen Vorlaufzeit verbunden. Selten sind die Auswirkungen eines politischen Projekts so unmittelbar, dass wir davon ausgehen können, umgehend Vorteile zu erleben. Sich für eine Reformagenda oder sogar eine Revolution einzusetzen (wobei Letzteres nicht unbedingt ratsam ist), bedeutet, Risiken einzugehen und Vorteile eher in der Zukunft als sofort zu erwarten. Je größer der Anteil der Bevölkerung ist, der sich dem Ende seines Lebens nähert, desto weniger politisch attraktiv können solche zukünftigen Vorteile wirken.

Man stelle sich eine Arbeitergenossenschaft vor. Wenn es sich überwiegend um ältere Arbeiterinnen und Arbeiter kurz vor der Pensionierung handelt, würden sie dann eine Verschiebung ihres Renteneintrittsalters hinnehmen, um große Investitionen in die Modernisierung des Kapitalstocks zu tätigen, die allerdings erst in vielen Jahren Früchte tragen dürften? Klar, das wäre möglich, wenn diese Menschen eine altruistische Entscheidung treffen. Wenn die Investitionen getätigt würden, wäre dies also eher ein Ergebnis der Großzügigkeit der älteren Arbeiter als eines der kollektiven Interessen der gesamten Gruppe.

»Die Mutprobe des Sozialismus erfordert die Bereitschaft, gegenwärtigen Lebenskomfort für ungewisse zukünftige Vorteile zu opfern und institutionelle Stabilität für einen transformativen Wandel zu riskieren.«

Hinzu kommt die Binsenweisheit, dass Menschen mit zunehmendem Alter politisch konservativer und risikoscheuer werden. Das ist verständlich: Menschen verbringen ihr ganzes Leben damit, Entscheidungen innerhalb eines Systems zu treffen – auch wenn sie dieses System nicht selbst gewählt haben mögen. Sie kaufen Häuser, planen ihren Ruhestand, opfern ihre Gegenwart für eine erwartete Zukunft und passen sich im Allgemeinen an das Leben an, wie es in diesem System ist. Kein Wunder, dass revolutionäre oder transformative Politik seit jeher meist mit jungen Menschen in Verbindung gebracht wird.

Nun stelle man sich eine alternde Gesellschaft vor – und zwar nicht irgendeine alternde Gesellschaft, sondern eine, in der viele der Älteren keine Enkelkinder haben. Stellen wir uns außerdem vor, dass diese Gesellschaft demokratisch bleibt. Aktuelle Bevölkerungsprognosen deuten darauf hin, dass wir genau auf eine solche Gesellschaft zusteuern. Welche Art von Politik kann man da erwarten?

Wer einer materialistischen Weltanschauung anhängt, erwartet, dass Menschen meist eine Politik unterstützen, die ihren Interessen dient. Wenn niedrige Geburtenraten und eine langsam steigende Lebenserwartung die Altersstruktur einer Gesellschaft verändern, wird eine wachsende Gruppe älterer Wählerinnen und Wähler im demokratischen Prozess zunehmend an Einfluss gewinnen.

Die Politik oder die politischen Programme, die diese Wählergruppe unterstützen würde, wären wahrscheinlich solche, die ein angenehmes Leben und den Wohlstand älterer Menschen maximieren. Investitionen in medizinische Forschung, die eine Verlängerung des Lebens (sei sie auch noch so minimal) oder die Verhinderung diverser Krankheiten versprechen, würden wohl einen höheren Stellenwert zugewiesen bekommen als Zukunftsforschung, Klimaschutz oder große Infrastrukturprojekte – allesamt Bereiche, von denen in erster Linie künftige Generationen profitieren, nicht diejenigen, die nur noch fünfzehn oder zwanzig Jahre zu leben haben.

Man kann sich Abwägungen dieser Art in allen gesellschaftlichen Bereichen vorstellen. Würden viele Ältere bereit sein, in Parks und den öffentlichen Nahverkehr zu investieren? Wie sieht es mit einer hochwertigen Sekundarschulbildung aus? Warum sollte eine ältere Wählerschaft einen auf 25 Jahre angelegten Plan zur Umgestaltung der nationalen Infrastruktur unterstützen, wenn dadurch Ressourcen umgeleitet werden, die sonst in Projekte fließen würden, von denen sie hier und jetzt direkt profitieren?

Und warum sollten ältere Wählerinnen und Wähler am Ende ihres Lebens bereit sein, enorme Risiken für soziale Investitionen oder politische Veränderungen einzugehen? Jede institutionelle Veränderung birgt Risiken. Je tiefgreifender die Veränderungen sind, desto größer sind die Risiken. Eine Achtzigjährige kann eine Krise – mit Wertminderung von Vermögenswerten, Haushaltskürzungen, politischer und gesellschaftlicher Instabilität und so weiter – vermutlich nicht so gut wegstecken wie eine junge Person. Der Kampf für den Sozialismus ist eine Wette, die man viel leichter eingehen kann, wenn man noch viele Jahrzehnte zu leben hat, als wenn man bereits am Lebensabend angekommen ist.

»Wir leben in einer Welt, in der das transformativste politische Projekt der Menschheitsgeschichte zunehmend aus dem Takt mit der demografischen Realität der Gesellschaften gerät, die es verändern will.«

Es ist eher Volksweisheit als beobachtete Tatsache, dass Vorsicht und Traditionsbewusstsein unvermeidliche Begleiterscheinungen des Alterns seien. Es ist aber nicht abwegig, dass da etwas Wahres dran ist. Denn eine materialistische Grundauffassung vom Eigeninteresse der Beteiligten führt zum gleichen Ergebnis wie solche Spekulationen.

Wichtig ist außerdem, dass der derzeitige Geburtenrückgang nicht nur daran liegt, dass die Menschen weniger Kinder bekommen. Darüber hinaus bekommen immer weniger Menschen überhaupt Kinder. So ist davon auszugehen, dass ein bedeutender Teil der Menschen in unserer prognostizierten älteren Bevölkerung keine Enkelkinder haben wird.

Viele werden sich sicherlich in abstrakter Weise um das Schicksal der Jugend und der Menschheit sorgen. Es ist aber andererseits nicht abwegig anzunehmen, dass Menschen ohne Enkelkinder im Durchschnitt weniger in die Zukunft investieren als Menschen mit Enkelkindern. Und selbst diejenigen unter den enkellosen Senioren, die sich in abstrakter Weise sehr für die Jugend und die Zukunft engagieren, werden weniger häufigen und weniger engen Kontakt zu den Generationen haben, die von ihnen irgendwann die Erde erben werden.

Für ein besseres Morgen

Der Sozialismus war schon immer die kühnste Wette der Menschheit auf die Zukunft. Er ist das Wagnis, die Grenzen bestehender Systeme zu überwinden, um etwas grundlegend Besseres zu schaffen. Diese Mutprobe erfordert nicht nur Hoffnung, sondern oft auch die Bereitschaft, gegenwärtigen Lebenskomfort für ungewisse zukünftige Vorteile zu opfern, institutionelle Stabilität für einen transformativen Wandel zu riskieren und in noch ungeborene Generationen zu investieren.

Der Geburtenrückgang droht die Anhängerschaft für solch kühne Ideen zu schmälern. Mit der Alterung der Gesellschaften und der Abnahme der Zahl der Menschen, die ein direktes Interesse an der fernen Zukunft haben, schrumpft der politische Spielraum für den Sozialismus. Dies ist keine rein quantitative Krise, sondern eine Krise der Vorstellungskraft. Wir leben in einer Welt, in der das transformativste politische Projekt der Menschheitsgeschichte zunehmend aus dem Takt mit der demografischen Realität der Gesellschaften gerät, die es verändern will.

Die Zukunft des Sozialismus hängt davon ab, dass die Menschheit ihre Fähigkeit bewahrt, über den Horizont der eigenen Lebensspanne hinaus zu träumen. Wie der US-amerikanische Sozialist Eugene Debs es so treffend formuliert hat, ist Sozialismus der »große Kampf für eine bessere Zukunft«. Je mehr Zukunft, je mehr Lebenszeit noch vor dem größten Teil der Menschheit liegt, desto leichter wird unser Kampf sein.

Tags: Politik

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