Man muss schon einiges an Chuzpe mitbringen, um als geschasster Chefredakteur der Bild-Zeitung nach einem Skandal um Machtmissbrauch wieder in die Öffentlichkeit zu treten und heldenhaft »I’m back« zu rufen. Er habe mit Frauen geschlafen und ihnen Posten in der Redaktion gegeben, andere Frauen fühlten sich davon unter Druck gesetzt, so der Vorwurf. Das war dann selbst für Springer zu viel – Reichelt musste gehen. Monate später darf er in einer großen linksliberalen Wochenzeitung dann seine Geschichte erzählen: Er sei Opfer einer Lüge. Es zieht sich durch Reichelts Karriere: mal wird er von den Öffentlich-Rechtlichen unterdrückt, mal von einer links-grünen Hegemonie, die ihm das Wort verbietet.
Wenn es nur Reichelt wäre, der sich heroisch gegen das gebührenfinanzierte Wokistan auflehnte, es wäre alles nicht so wild. Nur bekommt Reichelt laut einer Recherche bei T-Online und dem MedienmagazinZappmutmaßlich zahlungskräftige Unterstützung von einem milliardenschweren Unternehmer, um auf Youtube mit einem Team aus bezahlten Redakteurinnen und Redakteuren Dreck ins Internet zu werfen. Frank Gotthardt, der praktischerweise auch Ehrenvorsitzender des Wirtschaftsrats der CDU Rheinland-Pfalz ist, scheint es ein Anliegen zu sein, durch Rome Medien, dessen wahrscheinlich einziger Gesellschafter wiederum Julian Reichelt selbst ist, ein neues rechtes Medium in Deutschland zu platzieren. Reichelt wird so zum Schoßhund eines Milliardärs mit politischen Ambitionen.
PAYWALL
Das US-amerikanische Vorbild ist ziemlich eindeutig Tucker Carlson, der von einem halbwegs angesehenen Journalisten beim Sender MSNBC zum Aushängeschild von Fox News wurde und dort nun Dinge in die Kamera sagt, die ihn früher sicher seinen Job gekostet hätten. Reichelt und Carlson eint dieser Werdegang der politischen Radikalisierung durch – wenn auch nicht allein – die Kränkung durch das vorherige Medium. Carlson wird also originalgetreu gemimt, nur ist Reichelt etwas blasser, der Anzug sitzt schief, das Haar schon schütter, das Grinsen bräsig, die Lacher verfehlen das Timing.
Mittlerweile hat sich Reichelt auch den gut vernetzten früheren Bild-Politik-Chef Ralf Schuler und die Anti-Trans-Journalistin Judith Sevinç Basad ins Boot geholt, die der Bild-Zeitung attestierte, vor der »unerträglichen Tyrannei der woken Aktivisten« eingeknickt zu sein. Das allein verdeutlicht die politische Verschiebung, die das »Team Reichelt« hier vornimmt. Die Bild, die vor wenigen Jahren noch als das rechtspopulistische Boulevardblatt galt, wirkt neben Achtung, Reichelt! regelrecht handzahm. Reichelt macht keinen Hehl daraus, rechts zu sein. Wenn er sich lächelnd dazu bekennt, klingt das wie der dumme Witz eines Schuljungen. Er und sein Team halten sich ohnehin für die coolen Kids aus der letzten Reihe im Bus, dabei erinnern sie eher an die bürgerlichen Söhne und Töchter, die sie zu kritisieren glauben. Doch allein durch die Imitation der radikalisierten Konservativen in den USA erreichen sie wöchentlich Hunderttausende.
Konservatives Gruselkabinett
Das bisher erfolgreichste Video lief kurz nach Silvester und hat knapp anderthalb Millionen Klicks. Reichelts Team begibt sich nach Berlin-Neukölln und inszeniert in der Reportage »Die Gesetzlosen« die Kapitulation des deutschen Staates. Tage später wird die CDU Berlin im Abgeordnetenhaus die Anfrage stellen, die Vornamen der jungen Männer offenzulegen. CDU-Chef Merz spricht anschließend von »kleinen Paschas«. Innerhalb weniger Tage etabliert sich ein hysterischer Diskurs um eine Silvesternacht, die sich bei Lichte betrachtet als nicht wesentlich gewaltvoller darstellt als gewöhnlich. Aber korrekte Zahlen interessieren Reichelt nicht, denn sein Geschäft ist nicht die Wahrheit, sondern die Angst.
In der Hauptstadt kommt es vor der Wiederholungswahl im Februar dann zu einer politischen Wende: Die CDU überholt die SPD. Reichelt gibt mit Rome Medien eine Insa-Umfrage in Auftrag. Jeder fünfte Berliner habe seine Wahlentscheidung nach der Silvesternacht geändert. Ebenfalls jeder Fünfte habe Reichelts Reportage gesehen. In der Konsequenz sei die CDU dann an der SPD vorbeigezogen. Reichelt spielt damit auf die eigene politische Macht an, die er zu besitzen glaubt. Auch wenn die Fragen suggestiv sind, der Diskurs um die Halbstarken und eine härtere Linie bei der inneren Sicherheit hat danach tatsächlich den Wahlkampf dominiert.
Überhaupt ist das politische Projekt hinter Achtung, Reichelt! unschwer zu erkennen. Mit regelmäßigen Gästen wie dem CDU-Hardliner Wolfgang Bosbach und seiner Tochter Caroline Bosbach – die ebenfalls für den jungen Wirtschaftsrat der Christdemokraten steht –, der erzreaktionären Fürstin Gloria von Thurn und Taxis oder der niederländischen rechtspopulistischen Meinungsinfluencerin Eva Vlaardingerbroek wird hier ganz offen für eine rechtskonservative Agenda geworben. Die CDU selbst kommt immer nur dann schlecht weg, wenn es um den angeblich liberalen und »linken« Merkel-Kurs geht. Eine Sendung als Abrechnung mit einem Flügel der Konservativen, getarnt als Journalismus.
Mit dem Themenmix Migration, Gender, Zwang beim gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen, den Corona-Maßnahmen und dem überbordenden Narrativ eines Landes, das dem Abgrund entgegensteuert, spielt Reichelt die ganze Klaviatur, die die US-amerikanische Rechte im Kulturkampf so erfolgreich gemacht hat. Reichelts Sendung ergeht sich in Superlativen: »Horror«, »Messermörder«, »Masseneinwanderung«. Mit Formaten wie dem Pleiteticker, dem Interview-Format Schuler! Fragen, was ist oder der Talkshow Stimmt, in dem das konservative Gästekarussel weitergedreht wird, baut Reichelt weitere kleine Elemente um die Kerninhalte seiner Sendung. Das alles wirkt noch recht stümperhaft, gibt der politischen Rechten in der CDU aber dennoch eine Stimme. Und diese setzt mittlerweile auf einen schrillen Kulturkampf, um aus sozialen Krisen Profit zu schlagen und eine harte Law-and-Order-Politik legitim erscheinen zu lassen.
Rechten Kulturkampf gab es schon früher, er findet heute allerdings auf einem politischen Feld statt, auf dem sich mittlerweile eine faschistische Partei etabliert hat. Wissentlich nimmt man also in Kauf, der AfD zuzuarbeiten. Die Kommentarspalten sind voller Jubel für die »Alternative« und den passenden blauen Herzchen-Emojis. Man kann noch so viele CDU-Köpfe einladen – am Ende gewinnt immer noch das Original. Die AfD hat es selbst nie geschafft, rechte populäre Medienprojekte abseits des Mainstreams zu etablieren. Reichelt erweist ihnen den Dienst und wird so zum dümmlich grinsenden Steigbügelhalter der Faschisten.
Der Feind ist grün, migrantisch, woke
Das linksliberale Zentrum, oder die woke Bedrohung, die Reichelt heraufziehen sieht, gibt allerdings auch ein gutes Feindbild ab. Reichelt hat es verstanden, die blinden Flecken einer politischen grünen Elite für sich zu nutzen. In einer Folge zeigt er mehrere Grünen-Abgeordnete, die es ohne Abschluss oder Berufsausbildung in den Bundestag geschafft haben. Er fasst zusammen: »Grüne wissen nicht, was Arbeit ist«, wir werden von »Nichtskönnern« regiert.
Die Diskursstrategie besteht daraus, eine kleine Gruppe von Politikern, Klimaaktivistinnen und Migranten zu einem Feindbild zusammenzuschmelzen. Im Prinzip werden wir alle dauerhaft von Messerstechern und Klimachaoten bedroht. Das Öffentlich-Rechtliche zeige diese Bilder nicht – der »Staatsfunk« stehe ohnehin im Dienste einer imaginierten grün-linken Meinungsführerschaft. Wer etwas anderes sagt, würde direkt in die rechte Ecke gestellt. »Wer nicht links ist, ist Hitler«, spottet Reichelt in seiner Sendung. Er ist die menschgewordene »Das-wird-man-ja-noch-sagen-dürfen«-Fraktion. Aus dieser Position heraus wird gern großspurig behauptet, für die Meinungsfreiheit einzustehen.
In Wahrheit verdeckt man damit nur blanke rassistische Ansichten oder den eigenen Machtanspruch. In der Kritik an einer abgehobenen politischen und medialen Elite, die die Sprache und die Ängste der normalen Menschen nicht mehr kenne, liegt der wahre Kern des irren Projekts von Reichelt. Dass er sich jedoch als Anwalt des »kleinen Mannes« inszeniert, ist schon allein deshalb lächerlich, weil er genau dieser elitären Blase entstammt, die er kritisiert, und natürlich auch nichts daran ändern will, dass nach unten getreten wird. Die Oppositionsrolle nimmt er nur solange ein, wie es für das Wachstum des Mediums opportun erscheint.
Reichelt ist am Ende ein gekränkter, im Grunde auch ein gescheiterter Journalist, der nun fürs eigene Comeback zum nützlichen Idioten der Rechten wird. Bei der Bild hat er ein Gespür dafür entwickelt, welche Themen ziehen. Natürlich schickt er seine Reporter nach Lützerath und wartet auf zwei Molotow-Cocktails; natürlich schickt er sie jede Woche in ein Dorf, in dem eine Flüchtlingsunterkunft errichtet werden soll und berichtet von den Protesten der Anwohnerinnen und Anwohner; natürlich gibt es alle paar Wochen eine Neukölln-Reportage. Reale und fiktive Bedrohung vermischen sich zugunsten der Großerzählung von einem untergehenden Land. Julian Reichelt, der sich selbst am liebsten als Opfer böser Machenschaften darstellt, macht alle zu Opfern einer dauerhaften Bedrohung. Ironischerweise ist er damit näher an der woken Identitätspolitik als ihm lieb ist. Die gefährlichste Identitätspolitik kommt nämlich immer noch von rechts.